Scheherazade am Dechsendorfer Weiher
29.07.10 Von: Rudolf Görtler
Klassik am See Das Open-Air-Konzert am Dechsendorfer Weiher ist mittlerweile eine gut geölte Festival-Maschine geworden. Beim diesjährigen "russischen" Programm spielte die Violinvirtuosin Tianwa Yang, und Senta Berger erzählte.

Auch dem abgebrühten Konzertgänger fällt mitunter - metaphorisch - der Kiefer herunter beim abgrundtiefen Staunen über schier unbegreifliche Virtuosität. Wenn die zierliche, geradezu puppenhaft anmutende Tianwa Yang die Kadenz in Tschaikowskys D-Dur-Violinkonzert nicht spielt, sondern geradezu darüber herfällt mit keiner einzigen Unsicherheit: Dann hat sich "Klassik am See" wieder einmal gelohnt.
Bei allen Vorbehalten, die ein old fashioned Feuilletonist solchen, nun ja, "Events" gegenüber in einem Winkel des Rezensenten-Hirns hegen mag: Das vom Verein Klassikkultur mit massiver Sponsorenunterstützung jährlich veranstaltete Konzert am Weiher hat sich einen Stammplatz im regionalen Veranstaltungskalender erobert, zeichnet sich durch perfekte Organisation aus und dass manche Schwäche ausgemerzt worden ist. So ist das Herunterbeten der Sponsorenliste auf ein Peinlichkeitsminimum reduziert worden. Die künstlerische Qualität des mehrstündigen Konzerts ist durchgehend solide, und dass 3500 Plätze (zu einem akzeptablen Preis-Leistungs-Verhältnis) nicht mit Arnold Schönbergs Gurre-Liedern zu füllen sind, liegt auf der Hand. Also hatte sich der künstlerische Leiter Ronald Scheuer ein populäres Programm ausgedacht, das mit Nürnberger Philharmonikern unter dem Dirigat von Till Fabian Weser zu realisieren ist."Sehnsucht" sollte es akustisch widerspiegeln, die nach dem ganz anderen, im 19. Jahrhundert noch der Orient, oder die nach dem erfüllenden Künstlerdasein jenseits des Jochs eines Brotberufs. Was Alexander Borodin und Peter Tschaikowsky am eigenen Leib erduldeten. Der Dritte im Komponisten-Bunde dieses leider nicht sehr lauen Sommerabends war Nikolai Rimski-Korsakow. Er gehörte mit Borodin zum "Mächtigen Häuflein" der russischen Spätromantik als bewusst nationaler Tonsetzerkunst, während Tschaikowsky die Symbiose mit "dem Westen" vorschwebte. Was die drei Stücke des Abends widerspiegelten. Die "Polowetzer Tänze" Borodins integrieren ebenso wie die sinfonische Suite "Scheherazade" folkloristische Formen, so wie Tschaikowskys Violinkonzert im Finalsatz auf russische Traditionen rekurriert. Die Interpretation gelang den Philharmonikern vortrefflich, ins Publikum getragen durch ausgeklügelte HiFi-Technik. Wobei man sich fragt, was vom Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit authentisch ankommt. Sind die mächtigen Paukenschläge bei dem Polowetzer Tanz des Khans in den Vordergrund gemischt? Oder die stupenden Solo-Eskapaden der Violinistin? In den ruhigen, streicherdominierten Passagen der "Scheherazade" schienen sich Orchester wie Tontechnik leichter zu tun.Auf trat Senta Berger. Zu dem "orientalischen" Programm fügt sich naturgemäß - Tausendundeine Nacht. Welcher Glücksfall, dass die Übersetzerin des Urtextes an der Erlanger Uni lehrt! Claudia Ott hatte klug drei bereits von früheren Ausgaben bekannte Geschichten ausgesucht, die Senta Berger zwischen den Sätzen der Suite rezitierte. Mit einer warmen Stimme, vielleicht punktuell etwas zu outriert. Sorgt doch schon der von Düften, Geschmeide und anmutigen Frauen geradezu überquellende Text für "Sehnsucht". Wenn es spannend wurde, der Dschinni das Schwert zum finalen Hieb hebt, die Schöne sich anschickt, Unaussprechliches zu tun, unterbricht Scheherazade resp. unterbrach die Berger den Erzählfluss für den nächsten Suiten-Satz. Der "Cliffhanger" ist eben ein Jahrtausende alter Kunstgriff. Auch in der oralen Tradition des Orients. Ein musikalisches Wunderkind, eine durch Musik und Erzählung evozierte Traumwelt: über drei Stunden astreiner Eskapismus. Was will man mehr?Weitere Artikel zum Thema suchen
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