Schachmatt durch den Kardinal
25.01.10 Von: Petra Mayer
Erfindung Kennen Sie Schach mit Einhorn, Adler, Kardinal, Minister, Hammer und Pfeil? Erwin Ortlauf hat eine Spiel-Variante entwickelt, um Abwechslung in die Welt schwarzer und weißer Steine zu bringen. Wir hakten nach.

Schon im 6. Jahrhundert übten sich Menschen im „Spiel der Könige“. Über Indien und Persien wanderte die Denksport-Tradition nach Europa, die sich Zug um Zug mit 16 weißen und 16 schwarzen Steinen etablierte: Langsam, aber beharrlich im Sinne der Einsteinschen Weisheit „Schach ist das schnellste Spiel der Welt, weil man in jeder Sekunde Tausende von Gedanken ordnen muss.“ Ein Breitengüßbacher fegt die Konvention nun beiseite, indem er eine neue Version des altbekannten Brettspiels ersann. Wir stellten Erwin Ortlauf zur Rede.
inFranken: Viele Entwickler warfen schon eigene Schach-Varianten auf den Markt. Warum schreiben nun auch Sie als Elektrotechnikingenieur das Regelwerk um, nach dem Spieler rund um den Globus seit Jahrhunderten wetteifern? Besitzen Sie die nötige Erfahrung?
Erwin Ortlauf: Nun ich habe mir das Schachspielen mit acht Jahren selbst beigebracht und gegen Klassenkameraden in der Schule daraufhin sogar meistens gewonnen. Seit 1985 gehöre ich dem Schachclub SC 1868 Bamberg an – derzeit ist unsere Mannschaft in der Bezirksoberliga vertreten.
inFranken: Warum aber beginnt gerade ein Schachclubmitglied, die Regeln zu modifizieren?
Erwin Ortlauf: Mir liegt daran, eine gewisse Routine aus den typischen Eröffnungsstrategien und Stellungsmustern zu bringen. Das „Große Schach“ bietet mehr Kombinationsmöglichkeiten für spektakuläre Partien. Es ist auf diese Weise vielseitiger und spannender.
inFranken: Bringen Sie Ihre Schachoffensive auf den Punkt: Was sind entscheidende Neuerungen, an die sich Spieler gewöhnen müssen?
Erwin Ortlauf: Zum einen kommen sechs neue Figuren hinzu: Einhorn und Adler als Springer-ähnliche Steine, Kardinal, Minister, Hammer und Pfeil als Turm- und Läufer-Varianten. Zum anderen wird das Brett größer und hat statt 64 Feldern mit 32 Figuren 100 Felder mit 60 Figuren.
inFranken: Und Sie glauben, dass das „Große Schach“ nach Ihrer Eröffnung den Durchbruch schaffen könnte?
Erwin Ortlauf: Natürlich wird das klassische Schach nicht sterben. Aber als faszinierende Ergänzung zum etablierten Brettspiel besitzt das „Große Schach“ das Potenzial, um sich durchzusetzen. Beispielsweise wollen wir es im Spieleautoren-Café der Nürnberger Spielwarenmesse und bei der Essener Spielemesse präsentieren.
inFranken: Ich gehe davon aus, dass Testläufe im Freundeskreis eine entsprechend positive Resonanz fanden. Kritiker dürfte es eher unter den Schachclub-Spielern geben.
Erwin Ortlauf: Ja, wir haben Hunderte von Testpartien innerhalb und außerhalb des Schachclubs gespielt. Vor allem Kinder und Jugendliche waren begeistert. Typische Positionsspieler, die sich in ihrer Routine wohl fühlen, reagierten anfangs eher verhalten. Wer einen kreativen und kombinatorischen Stil pflegt, wird sich auf Dauer aber sicher überzeugen lassen.
inFranken: An welche Zielgruppe wenden Sie sich mit Ihrem Debüt als Erfinder?
Erwin Ortlauf: Zielgruppe sind alle, die Spaß am Schachspiel haben. Ob sie nun im Verein engagiert oder nur gelegentlich in ihrer Freizeit zum Brett greifen.
inFranken: Kann denn jeder Anfänger das „Das große Schach“ in Kürze lernen? Oder sollte er gewisse Vorkenntnisse mitbringen?
Erwin Ortlauf: Jeder kann das Spiel lernen. Es ist natürlich ein Vorteil, wenn man die klassischen Schachregeln kennt, die beim „Großen Schach“ lediglich ergänzt werden.
inFranken: Was fördert Ihre Schach-Variante neben strategischem Denken? Legen Spieler dabei endlich auch mehr Tempo als bei der konventionellen Alternative vor?
Erwin Ortlauf: Das „Große Schach“ fördert das kreative Denken, die Risikobereitschaft und das Improvisationstalent. Schließlich entsteht über weitere sechs Figuren eine Fülle zusätzlicher Kombinationsmöglichkeiten. – Und ja, von mehr Tempo kann man sprechen. Denn Partien werden von den ersten Zügen an sehr scharf gespielt und unaufmerksame Gegner rasch schachmatt gesetzt. Trotz der 60 Figuren dauert das „Große Schach“ darum in der Regel kaum länger als das reguläre Schach.
inFranken: Hoffen Sie darauf, das „Große Schach“ als Wettbewerbsdisziplin einzuführen?
Erwin Ortlauf: Ich denke, mit zunehmendem Bekanntheitsgrad könnte sich manches ergeben.
Besten Dank. – Wer sich für „Das große Schach“ interessiert, kann das Brettspiel übrigens über die Homepage www.das-grosse-schach.de kennen lernen und Exemplare ordern.
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