Im Fahrradsattel bis nach Israel
06.02.10 Von: Petra Mayer
Leistung 11.600 Kilometer sind die stolze Bilanz, die Reinhard Helmrich bei vier Radtouren in den vergangenen Jahren zurücklegte. Keine alltägliche Leistung für einen über 50-jährigen Diabetiker und Insulinpumpen-Träger. Wir sprachen mit dem Amlingstadter.

Ein Kameltreiber fotografierte Reinhard Helmrich auf dieser Aufnahme aus Israel. Dafür stieg der Franke vom Rad, um kurze Zeit auf einem Kamelrücken zu verbringen.
Reinhard Helmrich duscht im Wasser, das aus einer der sieben Quellen am Nordufer des See Genezareth spurdelt.
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Pilgern ist „in“: Wie viele B- und C-Promis zogen schon nach Santiago de Compostela, um Schlagzeilen beziehungsweise Quote zu machen. Dass ein Diabetiker, der seit Jahren mit einer Insulinpumpe am Körper lebt, mit dem Fahrrad von Amlingstadt aus rund 3000 Kilometer nach Santiago de Compostela strampelt, ist allerdings keineswegs alltäglich. Ein anderes Mal radelte Reinhard Helmrich 5800 Kilometer weit bis nach Jerusalem. Für uns ein Grund, mit dem 57-jährigen Amlingstadter zu sprechen.
Wie kommt ein gelernter Baggerfahrer dazu, die Welt vom Sattel aus zu erkunden? Schließlich war der Trip nach Jerusalem nicht Ihre erste Tour?
Als Diabetiker bin ich zum Tourenradler geworden, weil mir Bewegung gut tut. Meine erste größere Fahrt habe ich während einer Kur gemacht – gegen den ärztlichen Rat: Ich wollte trainieren und radelte 70 Kilometer weit vom Kurort nach Hause. Darauf war ich so stolz, dass ich ein Jahr später Lourdes anging: eine Strecke über 1600 Kilometer im Jahr 1996.
Schon für gesunde Menschen sind derartige Touren eine Herausforderung. Wie gelingt es einem Diabetiker, solche Strapazen zu bewältigen?
Ein gewisses Risiko ist bei Touren die Insulinpumpe, die nicht ausfallen darf. Sonst kann es zur Überzuckerung kommen, was schlimmstenfalls eine Ohnmacht zur Folge hätte. Das suche ich über regelmäßige Kontrollen zu verhindern. Was mir bei Fahrten bislang mehr Probleme machte, war eine Unterzuckerung infolge der körperlichen Belastung. Mit entsprechendem Proviant reagierte ich auf derartige Schwächeanfalle.
Vier große Radtouren haben Sie mittlerweile hinter sich. Wohin führte Sie der Weg in den letzten 14 Jahren?
Nach meiner elftägigen Reise nach Lourdes kam 1998 die einmonatige Radtour nach Santiago de Compostela und 2002 meine 14-tägige Fahrt von Florenz über die Apenninen nach Ravenna, weiter nach Pisa und zurück nach Florenz. So bin ich an meinem 50. Geburtstag allen Feierlichkeiten entkommen. Statt dessen habe ich am Meer ganz alleine einen Abend in aller Ruhe und Beschaulichkeit verbracht. 2006 folgte meine Reise nach Jerusalem, die mich ein Vierteljahr lang im Sattel hielt.
Welche Strecken muten Sie sich als Diabetiker täglich zu?
Bei der ersten Tour waren es täglich bis zu 240 Kilometer, die ich gleich anfangs zurücklegte. Dabei wollte ich’s langsam angehen lassen. Bei meiner letzten Reise radelte ich zwischen 70 und 125 Kilometer am Tag, nachdem ich mich bei einer dreimonatigen Tour nicht völlig auspowern wollte. Außerdem gab es viele Sehenswürdigkeiten am Rande des Weges zu bewundern.
„Küche und Wohnzimmer sind dabei“
Wie konnten Sie auf dem Fahrrad überhaupt Ihr gesamtes Gepäck samt Medikamenten verstauen?
Tja, ich hatte meine Küche, mein Schlaf- und mein Wohnzimmer bei mir: Über einen Gas- und Spirituskocher, ein Zelt mit Isomatte, Schlafsack, meine Landkarten, Reisetagebücher und die Bibel. Ich verstaute alles auf dem Gepäckträger, den Seiten- und Lenkertaschen. Sogar Kühlbehälter, in denen ich meine Medikamente aufbewahrte, schnallte ich mit aufs Rad.
Sehenswürdigkeiten dürfte es angesichts einer Strecke, die Sie über Österreich, die Slowakai, Ungarn, Serbien, Bulgarien, die Türkei, Syrien und Jordanien nach Israel führte, nicht zu knapp gegeben haben.
Malerisch war der Weg an der Donau entlang. Ich sah mir Budapest und Wien an, wo ich mir eine eintägige Pause gönnte. Faszinierend waren in der Türkei die unterirdische Städte Kappadokiens. In Syrien war für mich der Crac des Chevaliers als Burg aus der Zeit der Kreuzritter ein Highlight. Unvergesslich, aber auch sehr Kräftezehrend war meine Fahrt durch die syrische Wüste. Ich überanstrengte mich, nachdem ich sie in vier Tagen hinter mir lassen wollte. Heftiger Gegenwind machte mir zu schaffen. Dennoch genoss ich es, die erste Kamelherde zu sehen und die antike Oasenstadt Palmyra auf dem Weg nach Damaskus.
Pleiten, Pech und Pannen
Kommen wir zu Pleiten, Pech und Pannen Ihrer Touren.
Bei meiner ersten Reise hatte ich eine Reihe von Speichenbrüchen, nach denen ich diverse Fahrradwerkstätten aufsuchen musste. Was in Frankreich unangenehm war, da ich kein Französisch und die Werkstattbetreiber kein Deutsch konnten. Auf meiner letzten Tour kam es zum ersten Sturz. Das nachfolgende Auto konnte gerade noch bremsen. Ich sah über mir die Stoßstange, meine ganzen Wertsachen waren auf dem Asphalt verteilt. Glücklicherweise war ich nicht so schwer verletzt, dass ich den Trip abbrechen musste.
Nachdem Sie mit dem Rad im Lauf der Jahre 13 Länder bereist haben, müssen Sie ein ganz besonderes Sprachtalent besitzen.
Sprachtalent? Ich kann Fränkisch, ein paar Brocken Englisch und dann hört’s auch schon auf. So setze ich auf Augenkontakt und rede in Zeichensprache mit Händen und Füßen. In Jordanien kam ich auf diese Weise sogar mit den Beduinen klar, bei denen ich übernachtete. Um den Preis für Kost (Kamelmilch, Fladenbrot und Käse) und Logis auszuhandeln, schrieben wir die jeweiligen Beträge in den Sand.
Im KZ gestorben
Die Verhandlungen verliefen also im wahrsten Sinne des Wortes im Sand. Welche anderen Begegnungen werden Ihnen vermutlich immer in Erinnerung bleiben.
Die Begegnung mit einem Joga-Lehrer aus Paris, der zu Fuß über Auschwitz nach Israel lief. Sein Großvater war im KZ gestorben. Vielleicht wollte der Franzose seine Seele ins gelobte Land bringen. Unvergesslich ist auch die Gastfreundschaft der Syrer, die mich zu sich nach Hause einluden statt mich in meinem Zelt vor dem Haus schlafen zu lassen. Mit einem großen Hallo wurde ich ebenso in der Türkei in Dörfern empfangen. Weniger angenehm war die Begegnung mit Kindern, die mir in Syrien und Israel Steine und einmal sogar Silvesterkracher nachwarfen.
Was war auf Ihren Touren der denkbar ungewöhnlichste Übernachtungsplatz?
Ein bulgarisches Umspannwerk, in das mich ein Angestellter brachte, nachdem mir Wildzelten zu unsicher war. Vielleicht auch eine Nacht in der Wüste, wo ich mein Lager in tiefer Dunkelheit aufschlug und ein heftiges Gewitter folgte. Was keiner vermutet: Etliche Menschen, die von starken Regenfällen überrascht wurden, sind in der Wüste schon ertrunken.
Dementsprechend froh werden Ihre Frau und Ihre drei Kinder nach Monaten über Ihre Rückkehr gewesen sein.
Ja, schon auf der Tour schrieben mir die Kinder: „Wann kommst Du endlich heim?“ Und als es so weit war, hieß mich meine Familie mit einem selbstgebastelten Plakat und Girlanden zu Hause willkommen.
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