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Kultur

Ein selbstironisches Who is Who?

21.07.10  Von: Monika Beer

Premiere In der "Schweigsamen Frau" von Richard Strauss setzt Regisseur Barrie Kosky eine Operntruppe so in Szene, dass sie jeden Opernfreund entzückt. Das Münchner Publikum feierte Diana Damrau und vor allem Dirigent Kent Nagano.

Ein Who is Who, wie es im Opernführer steht: Links unten hält sich die als Brünnhilde kostümierte Aminta (Diana Damrau) den hochschwangeren Bauch.  Foto: Wilfried Hösl
Ein Who is Who, wie es im Opernführer steht: Links unten hält sich die als Brünnhilde kostümierte Aminta (Diana Damrau) den hochschwangeren Bauch. Foto: Wilfried Hösl

Hochschwangere Brünnhilden? Das war bisher stets ein Problem, das Kostümbildner möglichst geschickt vertuschen mussten. In München ist das neuerdings umgekehrt. Die Wotanstochter, die am Prinzregententheater mit einer kunterbunten Operntruppe im Haus des lärmempfindlichen Sir Morosus aufschlägt, versteckt ihren Bauch nicht. Genau das macht mit den Reiz dieses (selbst-)ironischen Opernabends aus, der - wiewohl nicht von Wagner - durchaus seine Längen hat. Aber das steht auf einem anderen Notenblatt.

In der 1935 uraufgeführten komischen Oper "Die schweigsame Frau" von Richard Strauss spielen Verkleidungen zwar eine wichtige Rolle, aber entscheidend sind die charakterlichen Kostümwechsel. Weil letztere zumeist nur "gespielt" werden, hat Barrie Kosky in seiner einfallsreichen Inszenierung für die Bayerische Staatsoper Ernst gemacht mit dem Theater auf dem Theater.

Der aus Australien stammende Regisseur und seine kongeniale Ausstatterin Esther Bialas geben der Komödie viel Zeit und Raum, um ins Rollen zu kommen. Das Podest auf der sonst komplett leer geräumten Bühne ist mit einem spießigen Bett karg möbliert, fasst aber, wenn es sein muss, jede Menge an heutigen Figuren und offenbart zuletzt doch so viel Innenleben, dass es dafür bei der Premiere am Dienstag Szenenapplaus gab.

Wenn Henry mit seiner Frau Aminta und der Operntruppe von Cesare Vanuzzi seine Aufwartung bei Onkel Morosus macht, ist das ein aberwitziger Spaß, ein Opern-Who-is-Who?, das schier nicht enden will. Wotan, Brünnhilde und ein Lohengrin mit Schwan geben sich die Ehre, Florestan, Rigoletto, Violetta Valéry, Tosca, Cio-Cio-San, Turandot, Boris Godunow, Don Giovanni, der Bajazzo, Salome, Elektra, Lulu und und und. Nur den gefährlichen Fischkopf konnte ich nicht identifizieren.


Köstlicher Seitenhieb


Das präzise einstudierte, sehr spielfreudige Theater im Theater geht natürlich auch im 2. Akt weiter. Nicht nur mit den drei schrägen Heiratskandidatinnen, sondern mit der dann herein-brechenden Gratulantenschar. Die vermeintlichen Ex-Matrosen vom alten Seeschlachtenross Morosus kommen hier allesamt aus dem Lazarett - ein köstlicher Seitenhieb aufs heutige Regietheater, das ohne Rollstühle und sonst wie Versehrte nicht mehr auszukommen scheint. Dass und wie das junge Paar samt zahlreichem Anhang dem alten und reichen Hagestolz etwas Mores lehrt, kann man ähnlich auch in Donizettis "Don Pasquale", in Rossinis "Barbier" oder in Verdis "Falstaff" erleben. Was die selten gespielte "Schweigsame Frau" davon unterscheidet, ist die gut dreistündige Spieldauer. Strauss und sein wortwitziger Librettist Stefan Zweig brauchen einfach mehr Zeit, auch wenn die Handlung soviel gar nicht hergibt.

So kann man zwar schwelgen in der zitatenreichen, süffig-leichten, komödiantisch-hochexplosiven Musik, die unter Dirigent Kent Nagano nie aus den Fugen gerät oder Sänger zudeckt. Aber nicht erst im melancholischen Schluss möchte man Sir Morosus Recht geben und seinem "Wie schön ist doch die Musik - aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist!" Genau da überzeugte auch Franz Hawlata sängerisch vollauf, während er zuvor zuweilen an seine bassbaritonalen Grenzen stieß.

Alle weiteren Partien sind sängerdarstellerisch auf Höchstniveau besetzt. Tenor Toby Spence ist ein strahlend-leichter Henry, die hochschwangere Diana Damrau als Aminta schafft mühelos den Spagat zwischen höchster Soprankultur und dem rollengemäßen Alles-in-Grund-und-Boden-Singen. Superb Nikolay Borchevs Barbier, ein Kabinettstückchen die Haushälterin der wunderbaren Catherine Wyn-Rogers, und der Nacktfrosch-Kakadu von Damien Liger verdient fraglos ein Sonderlob. Wie alle weiteren Mitwirkenden, die das Premierenpublikum herzlich feierte, aber nicht so demonstrativ wie den Generalmusikdirektor, dessen Vertrag bekanntlich nicht mehr verlängert wurde.

Termine


Weitere Vorstellungen gibt es am 23., 26. und 30. Juli. Informationen zu Karten gibt es telefonisch unter 089/21851920



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Stichworte zum Thema Oper | Richard Strauss | Schweigsame Frau | München
 

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