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Besuch vom Volk im Mielke-Ministerium

16.01.10  Von: Christine Cornelius und Jutta Schütz, dp

Geschichte Im SED-Staat unvorstellbar: Bürger schlendern ohne Furcht durch das Stasi-Ministerium, öffnen Türen, schauen in Akten. 20 Jahre nach der Erstürmung des Ost-Berliner Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) kamen am Samstag hunderte Interessierte in das betongraue Ex-Imperium des langjährigen Stasi-Ministers Erich Mielke.

Der Mitarbeiter der Birthler-Behörde, Stephan Wolf (l-r), führt am Samstag (16.01.2010) in Berlin die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, und die Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, Monika Grütters (CDU), durch das Archiv der Behörde. Dort fand anlässlich des 20. Jahrestages der Besetzung der Stasi-Zentrale ein Tag der offenen Tür statt. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Der Mitarbeiter der Birthler-Behörde, Stephan Wolf (l-r), führt am Samstag (16.01.2010) in Berlin die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, und die Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, Monika Grütters (CDU), durch das Archiv der Behörde. Dort fand anlässlich des 20. Jahrestages der Besetzung der Stasi-Zentrale ein Tag der offenen Tür statt. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Der Mitarbeiter der Birthler-Behörde, Stephan Wolf (l-r), führt am Samstag (16.01.2010) in Berlin die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, und die Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, Monika Grütters (CDU), durch das Archiv der Behörde. Dort fand anlässlich des 20. Jahrestages der Besetzung der Stasi-Zentrale ein Tag der offenen Tür statt. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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Das Bürgerfest erinnerte daran, wie am 15. Januar 1990 wütende DDR-Bürger den Stasi-Hauptsitz stürmten und damit das Ende des Spitzelapparates besiegelten. Es sei ein Tag der Freude und Genugtuung, sagte die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler. Durch den Einsatz der Ostdeutschen seien die Akten vor der Vernichtung gerettet worden.

Doch ein mulmiges Gefühl blieb bei manchem, der durch die muffigen Gänge in den Häusern der einst hermetisch abgeriegelten Stasi-Stadt streifte. Bis zu 7000 Stasi-Leute residierten hier als „Schild und Schwert“ der SED. „Heute kommt alles wieder hoch“, sagte leise die Berlinerin Brigitte Herbick, der 1981 die Ausreise in den Westen gelungen war. Die 62-Jährige erinnerte sich mit Tränen in den Augen an ihre bitteren Erfahrungen mit der Staatssicherheit. Eine gute Freundin habe sie jahrelang bespitzelt, auf gemeinsamen Reisen habe diese eifrig Protokolle geschrieben. Herbick beantragte bei dem Bürgerfest wie viele andere Einsicht in die eigene Stasi-Akte.

Das Interesse an der Hinterlassenschaft des Stasi-Ministeriums mit 91 000 hauptamtlichen Mitarbeitern und 189 000 inoffiziellen Spitzeln ist ungebrochen. Allein 2009, dem 20. Jahr des Mauerfalls, wollten fast 103 000 Menschen in ihre Akten schauen, weit mehr als noch 2008. Die Stasi-Unterlagen zeigten nicht nur bedrückende Geschichten von Bespitzelung und Verrat, sondern auch Beispiele mutiger Menschen, die sich der DDR-Diktatur entgegenstellten, sagte Birthler.

„Das, was war, ist wichtig für Gegenwart und Zukunft“, meinte die frühere Bürgerrechtlerin. Ohne die Unterlagen könnten die Strukturen der Diktatur nicht systematisch aufgearbeitet werden. Die damals sichergestellten Akten bildeten die Grundlage der Stasi-Unterlagen-Behörde. Noch lange nicht alle Papiere sind erschlossen. Rund 15 000 Säcke mit zerrissenen Stasi-Papieren lagern noch bei der Behörde. Sie weiter mit der Hand zusammenzusetzen, würde 500 Jahre dauern. Derzeit läuft ein Pilotprojekt zur elektronischen Rekonstruktion.

Neben vielen graumelierten Besuchern gab es auch einige Jüngere. Ein 13-Jähriger, der erst kürzlich von Saarbrücken nach Berlin gezogen war, meinte, in der Schule sei die Stasi noch kein Thema gewesen. Sein Vater habe ihm aber vieles erklärt. Gerade die junge Generation brauche Angebote für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, unterstrich Monika Grütters (CDU), Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses. „Wir müssen der schleichenden Bagatellisierung der DDR-Vergangenheit entgegenwirken.“ Die Aufarbeitung der SED-Diktatur solle nicht eingeschränkt werden.

Das Lob, die Stasi-Unterlagen-Behörde sei international ein Vorbild, dürfte Birthler freuen. Die Hüterin der Stasi-Unterlagen ist überzeugt, dass ihre Behörde noch „geraume Zeit“ gebraucht wird. Immer wieder war die Diskussion aufgeflammt, ob und wann die Stasi-Akten in das Bundesarchiv überführt werden sollten. In dieser Legislaturperiode soll der Bundestag nun eine Expertenkommission einsetzen, die Vorschläge zur Zukunft der Stasi-Unterlagen-Behörde erarbeitet.

Die Schwestern Dagmar und Evelin Schüßler hatten auf dem Areal gewohnt, bevor die Stasi ihre monströse Zentrale baute. Das Mietshaus der Berlinerinnen wurde dafür abgerissen. Die beiden kamen zu dem Bürgerfest, damit „die Erinnerung nicht verblasst“. Dass heute einstige Stasi-Leute wieder aktiv sind, sich in Vereinen organisieren oder Bücher schreiben, finden sie beklemmend. Ein 58-Jähriger, früher Handwerker beim Zentralkomitee der SED, hat indes seine ganz spezielle DDR-Sicht. „Wer ins Fadenkreuz der Stasi geriet, für den konnte es schon gefährlich werden. Doch wer sich loyal verhielt, hatte nichts zu befürchten“, behauptete der Arbeitslose.


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