Bauer sucht Lehrling

31.07.2011   Von: Andreas Hummel, dpa  

Fachkräftemangel Schweineställe ausmisten oder am Wochenende ins Heu fahren - dafür können sich nur wenige Jugendliche begeistern. Der Landwirtschaft geht der Nachwuchs aus. Dabei verabschieden sich viele Beschäftigte bald in Rente.


Symbolbild: Jens Wolf dpa
Der Thüringer Landwirtschaft droht ein akuter Mangel an Fachkräften. Der Altersdurchschnitt der Mitarbeiter ist inzwischen auf 47 Jahre gestiegen, in den kommenden Jahren werden viele in den Ruhestand gehen. Doch im Ringen um gute Lehrlinge ziehen die Betriebe häufig gegenüber Industrie und Handwerk den Kürzeren, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab. Zu geringe Bezahlung, schlechtes Renommee und Arbeiten auch am Wochenende schrecken viele Jugendliche ab. Beim Bauernverband wird darüber nachgedacht, Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben.

Derzeit begännen pro Jahr 200 bis 250 Jugendliche eine Lehre in den klassischen Landwirtschaftsberufen, sagte der Experte für Berufsbildung im Agrarministerium, Ingo Zopf. "Wir bräuchten fast das Doppelte."

Doch die zuletzt deutlich gesunkenen Schulabgängerzahlen lassen den Konkurrenzkampf um Auszubildende härter werden. Trotz Werbung in Schulen und auf Berufsmessen sei es schwierig, die Jugendlichen für die Berufe Land- und Tierwirt zu begeistern.
Die vergleichsweise geringe Bezahlung sowie Arbeiten am Sonntag sind wohl für wenige attraktiv. Zopf: "Wir sagen den Betrieben: Ihr müsst an euren Löhnen etwas verändern." Die liegen nach Angaben der Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt weit unter denen in West- Bundesländern. So verdiene ein Azubi im ersten Lehrjahr ab 1. August 454 Euro, erklärte Gewerkschaftssekretär Frieder Neudeck. In Hessen hat der gleiche Lehrling gut 100 Euro mehr in der Tasche. Ein ausgelernter Facharbeiter mit ein bis zwei Jahren Berufserfahrung bekomme in Thüringen 9,28 Euro die Stunde; in Hessen und Bayern sind es mehr als 11 Euro.

Höhere Löhne träfen vor allem die arbeits- und personalintensiven Zweige, etwa die Schaf- und Mutterkuhbetriebe, erklärte der Geschäftsführer des Thüringer Bauernverbandes, Stefan Baldus. Sie bestritten ihr Einkommen schon heute zu einem großen Teil aus staatlichen Zuschüssen, die künftig sinken werden. Das Werben um junge Fachkräfte sei inzwischen eine der Hauptaufgaben der Betriebe. "Für viele Stellen gibt es schon heute keine Bewerber mehr." Dabei würden die Anforderungen steigen. Baldus: "Ohne Computerkenntnisse kommt man heute in einem Milchviehbetrieb nicht mehr klar."

Bei den jungen Leuten stehen Metall- und Elektroberufe sowie kaufmännische Tätigkeiten hoch im Kurs, weiß Berufsberater Thomas Rzehak von der Agentur für Arbeit in Sondershausen.

"Bei uns suchen nur etwa fünf Prozent der Bewerber eine Ausbildung in der Landwirtschaft. Das ist nicht der Renner." Während die Ausbildung zum Pferdewirt vor allem bei Mädchen begehrt ist, lockt der Tierwirt in der Schweinehaltung kaum jemanden hinter der Playstation hervor.
Voraussetzung für eine Lehre zum Land- oder Tierwirt ist laut Rzehak ein guter Hauptschul-, besser noch ein Mittelschulabschluss. Wert werde auf gute Noten in den Naturwissenschaften gelegt, aber auch auf Verantwortungsbewusstsein, sorgfältiges Arbeiten und Flexibilität.

Der drohende Fachkräftemangel setzt nach Einschätzung von Baldus neben der EU-Agrarreform die flächendeckende Landwirtschaft besonders unter Druck.

"Bei der Mehrzahl der Kleinbetriebe mit 50 Hektar und weniger ist die Nachfolge aus heutiger Sicht nicht gesichert." Um mehr Leute für leitende Positionen in der Landwirtschaft auszubilden, ist an der Erfurter Fachhochschule ein Studiengang Agrarmanagement geplant. Allerdings sei dafür die Finanzierung noch nicht geklärt, heißt es im Ministerium.
"Wir werden künftig stärker über den Tellerrand schauen und dort Personal generieren müssen, wo wir bisher nicht aktiv waren", erklärte Baldus. Zum einen denkt er an Ballungsräume wie das Ruhrgebiet. "Dort sind viele junge Leute, die gern in der Landwirtschaft arbeiten würden." Es müsse aber auch im Ausland gesucht werden - in Vietnam und Kambodscha zum Beispiel. "In Asien gibt es Millionen von Menschen, die sich in der Landwirtschaft auskennen und gern nach Deutschland kommen würden." dpa


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