Ademola Okulaja: "Ich will noch einmal angreifen"

21.05.2009   Ort: Importartikel     inFranken.de

Interview Ademola Okulaja hat den Kampf gegen den Krebs gewonnen. In dieser Woche beginnt der "Warrior" schon wieder mit leichtem Basketball-Training. Die Familie hat dem 33-Jährigen viel Kraft gegeben.


Ademola Okulaja – lange Jahre nach Dirk Nowitzki der zweitbeste deutsche Basketballer – trägt den Spitznamen „Warrior“, zu deutsch Krieger. Und der 33-Jährige gewann auch die größte Schlacht in seinem Leben: Er hat den Krebs besiegt. Drei Tage vor seinem Geburtstag, am 7. Juli 2008, verkündeten ihm die Ärzte, dass ein Tumor seinen siebten Brustwirbel zerstört hat – Operation und Chemotherapie statt Olympische Spiele in Peking. Doch der 2,06-Meter-Riese, dessen Frau zu diesem Zeitpunkt im neunten Monat schwanger war, kämpfte – und siegte. Vor wenigen Tagen erhielt er von den Ärzten grünes Licht: Der Kampf unter den Körben kann weitergehen. Nach langer Pause meldet sich der sympathische Sportler zurück und lässt die letzten elf Monate im Interview noch einmal Revue passieren.

Was geht in einem vor, wenn die Ärzte sagen, sie haben Krebs?
Ademola Okulaja: Es geht einem erst einmal nichts und alles durch den Kopf. Das ist, wie wenn dir einer mit dem Vorschlaghammer ins Gesicht schlägt. Das ganze Leben läuft Revue. Krebs – man weiß ja nicht: heilbar, nicht heilbar, aggressiv, verbreitet. Alles geht einem in Sekunden durch den Kopf. Das ist für jeden, der das hört, ein Schock.

Wie haben Sie auf die erschreckende Diagnose reagiert?
Es wurden sofort wieder meine Kampfinstinkte wach. Ich bin gleich durchgegangen, zu welchem Arzt kann ich gehen, wo kann ich recherchieren, was es genau ist. Es gab nie einen Gedanken oder eine Option, den Kopf in den Sand zu stecken. Gleichzeitig war meine Frau im neunten Monat schwanger, da kann man nicht nach Hause gehen und sich ein paar Wochen einschließen. Da muss man früh aufstehen, den Kindern Frühstück machen, muss der Frau helfen. Es lief alles sehr gut. Meine Frau hat in dieser Zeit einen unglaublichen Job gemacht.

Wie ist die Operation verlaufen?
Zuerst wurde mir mein siebter Brustwirbel entfernt und dann ein Cage, ein kleines Metallstück, eingebaut und verankert. Die OP wurde gleich vier Tage nach der Diagnose in der Uniklinik Köln vorgenommen. Der Arzt dort ist einer der besten in Europa für Wirbelsäulen-Operationen. Das war ein schwerer Eingriff, die Lunge musste kollabiert werden, um an den Wirbel ranzukommen. Das war keine einfache Sache. Aber, hier bin ich, und es sitzt alles bombenfest.

Wie ging es nach der Operation weiter?
Erst einmal ist mein zweiter Sohn zur Welt gekommen. Ich war dann einige Wochen zu Hause, bevor ich durch ganz Deutschland gereist bin. Ich habe auch überlegt einen Spezialisten in den USA zu Rate zu ziehen, aber das habe ich dann doch gelassen. Letztlich habe ich mich für die Uni-Klinik Würzburg entschieden, die einen guten Ruf hat und auch nur eine Autostunde entfernt ist. Anfang September ging’s dann mit den Chemos los. Es waren drei Phasen. Die ersten beiden habe ich relativ gut überstanden. Da war ich auch ein paar Mal in der Halle. Die dritte Phase umfasste dann zwei Intervalle mit der Hochdosis. Das war, ganz nett ausgedrückt, nicht schön. Das wünsche ich wirklich niemandem. Aber das habe ich auch überstanden. Meine Familie und meine Freunde haben mir in dieser Phase viel Kraft gegeben.

Woher haben Sie den Optimismus genommen, dass alles gut verläuft?
Das ist mein Lebensstil. Ich bin kein Pessimist. Ich bin ein Kämpfer. Ich habe Schulmediziner befragt, aber auch alternative Mediziner, und immer wieder wurde klar, dass positive Gedanken das Wichtigste sind. Man muss natürlich auch wirklich dran glauben und nicht denken, das wird schon.

Ab wann war Ihnen klar, dass sie wieder gesund werden?
Von Anfang an. Ich habe fünf, sechs, sieben Ärzte in ganz Deutschland befragt. Das waren wirklich anerkannte Koryphäen. Mit einer Ausnahme haben mir alle Mut gemacht. Der eine war allerdings ein richtiger Grobmotoriker, der mir gleich erzählt hat, ich soll „die Koffer packen, denn in ein paar Jährchen sind Sie sowieso nicht mehr hier“. Das war nicht so schön, aber die anderen waren alle aufrichtig und positiv. Und an deren Worte habe ich mich immer geklammert.

Sie haben zwar immer an die Heilung geglaubt, aber was ging in Ihnen vor, als sie erfahren haben, Sie sind wieder gesund?
Ich habe es in zwei Etappen erfahren. Zuerst habe ich ein MAT gemacht, für meinen Rücken. Da war es schon sehr erfreulich, dass erstens die ganzen Metastasen und die anderen Herde sich nicht vermehrt haben, nicht größer geworden sind. Und zum anderen sah es so aus, dass sich alles wieder gut schließt. Das war natürlich schon einmal Gänsehaut pur. Dann war ich noch bei einem Spezialisten in Baden Baden. Und in Würzburg wurden die ganzen Blutwerte durch Knochenmark-Punktion, das macht nicht so viel Spaß, geprüft. Als ich dann da auch noch positive Nachrichten bekommen habe, war ich natürlich überglücklich. Für meine Frau und meine Kinder habe ich mich am meisten gefreut. Ich habe immer gesagt, ich habe lange so eine wunderbare Frau gesucht und sie auch gefunden. Und ich bin froh, zwei wunderschöne, gesunde Kinder zu haben. Ich habe mir immer gesagt, so gemein ist Gott nicht, dass er mir das erst schenkt und kurze Zeit später wieder nimmt.

Wie geht es jetzt weiter?
Ich muss Aufbautraining machen, wirklich in jeder Hinsicht. Ich muss meine Muskeln wieder stärken, die Kondition verbessern. Ich war einmal in Würzburg im Krankenhaus. Da musste ich in den ersten Stock hinauf, aber der Aufzug kam und kam nicht. Dann dachte ich mir, dann laufe ich, ist ja nur der erste Stock. Und als ich dann oben war, wollte ich mich anmelden, konnte aber nicht. Ich habe so tief geatmet, als wäre ich gerade Marathon gelaufen. Das war unglaublich. Ich habe drei, vier Minuten gebraucht, bevor ich sprechen konnte. Daran sieht man, wie schwach ich war. Aber jetzt bin ich schon wieder beim Joggen, bei Max-Fitness und mache leichtes Krafttraining. Diese Woche werde ich langsam mit Basketball anfangen, um das Feeling wieder zu bekommen. Dribbeln, Korbleger, dies und das. Die Ärzte haben mir grünes Licht geben. Ich habe extra gefragt, für Sport oder Leistungssport. Und sie haben gesagt Leistungssport.

Kehren Sie aufs Basketball-Feld zurück?
Ich möchte, auf jeden Fall. Die Fans haben mich immer, wenn ich in der Halle war, mit enormer Euphorie und stehenden Ovationen empfangen. Ich bekam immer Gänsehaut. Und die will ich auf jeden Fall wieder haben, wenn ich als Spieler aufs Feld laufe. Konkret ist noch nicht über meinen Vertrag, der in Bamberg ja noch ein Jahr läuft, gesprochen worden, aber die sind ja jetzt auch alle sehr beschäftigt mit den Play-offs. Ich kann jetzt den ganzen Sommer über langsam trainieren, um dann wieder richtig anzugreifen. In der nächsten Saison will ich wieder Siege feiern. Ich will auf jeden Fall noch einmal angreifen und tue alles, damit das gelingt.

Was ist für die Brose Baskets noch drin in den Play-offs?
Noch alles. Das war in Göttingen ja erst der Anfang. Die Niederlage ist durch eigenes Verschulden zu Stande gekommen. Das ist erst einmal schlecht, aber gleichzeitig auch gut. Denn man kann sagen, wenn wir uns selbst verbessern, können wir gewinnen. Die Jungs sind fit, konnten sich gut erholen. Am Donnerstag müssen sie zeigen, was sie haben, dann geht die Serie neu los. Ich habe schon einige Male beim Training zugeschaut und werde jetzt vor oder nach den Einheiten der Mannschaft noch ein bisschen extra Training machen. Bei den Heimspielen werde ich dabei sein, auswärts nicht, das ist mir zuviel, zumal ich viel unterwegs war. Ich möchte mal wissen, wie viele Kilometer ich im letzten knappen Jahr zurückgelegt habe.


Zur Person
Ademola Okulajawurde am 10. Juli 1975 in Lagos (Nigeria) geboren und zog mit drei Jahren mit seinen Eltern nach Berlin. Okulaja besuchte die John F. Kennedy High in Berlin und machte 1994 das High School Diplom und ein Jahr später auch Abitur. Im Herbst 1995 wechselte Okulaja dann an die University of North Carolina.

Basketball-Karriere
Nach seiner Rückkehr aus den USA wurde der „Warrior“ 2000 mit Alba Berlin deutscher Meister. Die drei Versuche, in der NBA bei Philadelphia, San Antonio oder in Utah Fuß zu fassen, scheiterten. Doch vor allem in Spanien überzeugte der 2,06-Meter-Mann bei seinen Auftritten in Girona, Barcelona, Malaga und Valencia. Nach einer langwierigen Knieverletzung spielte er in Russland, bevor er sich im Sommer 2007 den Brose Baskets anschloss. 172mal trug er das Nationaltrikot und wurde mit dem Team 2001 EM-Vierter und 2002 WM-Dritter.


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