Gerade die Trainer müssen sich strecken

02.02.2012   Ort: Landkreis KT  Von: Benny Krumpholz  Die Kitzinger

Turnen Die Situation der Turner im Kitzinger Landkreis bezeichnet Übungsleiter und Lehrer Wolfgang Stöhr insgesamt als gut. Allerdings mangele es wie überall an jungen Turntrainern.


Hilfestellung für Tim Rappel am Barren. "Bei älteren Jungs, etwa ab der 8. Klasse, besteht eine gute Motivation für das Barrenturnen", so Wolfgang Stöhr über das Turngerät. Foto: Krumpholz
Auf eine lange Turnerkarriere blickt der 50-jährige Wolfgang Stöhr als Aktiver, Trainer und Lehrer zurück. In einem Interview nimmt er die Situation im Landkreis Kitzingen unter die Lupe. Auch beleuchtet er, wie man Kinder für den Turnsport begeistern kann.

Herr Stöhr, Fußball und Handball sind in Deutschland die bestimmenden Sportarten. Auch Tennis und Tischtennis ziehen die meisten Jugendlichen in ihren Bann. Erklären Sie kurz, wie Sie zum Turnen gekommen sind.
Wolfgang Stöhr: Das liegt jetzt fast 40 Jahre zurück. Als Zehnjähriger nahm ich an einer Talentsuche für Kunstturnen teil. Ich schnitt recht gut ab und so kam ich zu meinem ersten Turnverein, der TG Heidingsfeld. Nach ein bis zwei Jahren allgemeinem Turntraining wurde es zum Leistungsturnen und ich wechselte mit meiner Gruppe zur DJK Würzburg. Vier bis fünf Mal Training, so kam ich mit einigen anderen Würzburger Turnern in den bayerischen Landeskader. Später entstand in Würzburg eine Regionalliga-Mannschaft und für ein Jahr schafften wir es sogar in der 2. Bundesliga zu turnen.

Wie beurteilen Sie den Turnsport im Landkreis Kitzingen? Vor allem der TV Marktbreit sorgt in gewisser Regelmäßigkeit für Erfolge.
Der TV Marktbreit besitzt eine sehr lange Turntradition. Es wird dort ein gutes Grundlagentraining durchgeführt und ebenfalls die Jugendlichen des TV Marktbreit, also die 14- bis 18-jährigen, erbringen tolle Leistungen. Zum Beispiel belegten die Marktbreiter Turner dieses Jahr auf Bezirks- und Landesebene mit ihrer Mannschaft hervorragende Plätze.
Neben den Marktbreiter Turnern dürfen die Turner aus Münsterschwarzach nicht vergessen werden, die noch bis vor ein paar Jahren sowohl sehr starke Vereins- als auch gute Schülerturner hatten. Ihr bekannter Turntrainer Pater Edmar Greif hat sich altersbedingt in letzter Zeit etwas zurückgezogen, so dass die Erfolge abnahmen. Insgesamt würde ich die Situation in Landkreis Kitzingen als gut bezeichnen, aber auch hier ist die Problematik wie in vielen anderen Turnbezirken und Turnvereinen ähnlich: Es mangelt vehement an jungen Turntrainern.

Ist es denkbar, dass es auch in Kitzingen, ähnlich wie in Marktbreit, eine Art Kooperation zwischen Schule und Verein geben könnte?
Mit Sicherheit wäre das möglich und es würde für Schule und Verein eine Vielzahl an Vorteilen bringen. Bisher hat leider noch niemand in Kitzingen diese Zusammenarbeit arrangiert. Es müsste eine Lehrkraft von einer Kitzinger Schule diese Kooperation in Bewegung setzen, dann würde es bestimmt laufen. Ich selbst habe schon des Öfteren dran gedacht, mich mit der TG Kitzingen in Verbindung zu setzen. Jedoch bin ich in meinen Heimatverein DJK Würzburg mit Turntraining und Vereinsarbeit stark eingebunden, so dass ich Bedenken habe, die Kooperation zwischen Schule und Verein bewerkstelligen zu können. Obwohl ich ja in der Nähe von Kitzingen unterrichte.

Hat sich vom Standing des Turnens innerhalb der letzten Jahrzehnte etwas geändert? Kann man hier eine langfristige Richtung feststellen?
Natürlich hat sich in den letzten Jahrzehnten im Turnen eine ganze Menge geändert. Kunstturnen ist weitaus moderner, attraktiver und offener nach vielen Seiten hin geworden. Neben den traditionellen Turn-Wettkämpfen sind viele Turn-Shows entstanden, die von einer breiten Masse mit viel Begeisterung besucht werden. Neben diesem Showbereich, der von der Öffentlich sehr bewusst wahrgenommen wird, ist Turnen aber auch ein Zulieferer für viele Trendsportarten, wie Parcours, Slackline oder Akrobatik. Sehr viele Könner dieser Sportarten haben in ihrer Jugend ein mehrjähriges Turntraining besucht und sich dabei ihre Grundlagen geschaffen.

Vor allem in den letzten fünf bis zehn Jahren wurde ja zumindest medial durch Fabian Hambüchen Ihr Sport etwas gepuscht. Merken Sie auch an der Basis, dass ein deutscher erfolgreicher Athlet ein Zugpferd für den Sport darstellen kann?
Im Vereinssport ist in den letzten Jahren sehr wohl ein gesteigertes Interesse zu spüren gewesen. Es kommen viele Eltern und melden ihre Kinder in Turngruppen an. Durch Zugpferde wie Fabian Hambüchen wird auf jeden Fall der Turnsport gepuscht. Auch aktuelle Turnstars, wie Philipp Boy oder bei den Frauen Elisabeth Seitz, nehmen hierfür einen positiven Einfluss. Nur leider mangelt es vor allem bei den Jungs an ortsansässigen Turngruppen, da es viel zu wenige kompetente Übungsleiter und Trainer für Kunstturnen männlich gibt.

Wie würden Sie den Aufwand eines jungen Turners beschreiben, der neben Talent auch den Willen für Erfolge mitbringt. Ist der höher anzusiedeln als bei anderen Sportarten?
Meiner langjährigen Trainererfahrung nach ist der Trainingsaufwand fürs Kunstturnen schon enorm hoch. Obwohl ich weiß, dass im Leistungsbereich in allen Sportarten hart "gepowert" wird, finde ich, dass es im Turnen noch ein bisschen mehr ist. Wer im Turnen mal ganz hoch hinaus will, muss mit fünf bis sechs Jahren mindestens drei- bis vier Mal in der Woche trainieren. Dieser Aufwand muss sich im Lauf der Jahre noch steigern und in den ersten Jahren führen die Kinder sehr viel Grundlagen- und Beweglichkeitstraining sowie Körperspannungsübungen durch. Mit der Zeit kommt natürlich das "normale" Gerätetraining - Boden, Seitpferd, Ringe, Sprung, Barren und Reck - hinzu sowie ein spezielles Kraftprogramm.

Viele haben ja das Klischee vor Augen, dass der Sportunterricht in der Schule nur aus den Ballsportarten besteht. Wie findet das Turnen in Ihrem Sportunterricht Berücksichtigung?
Ich versuche das Turnen in der Schule über einen mehrjährigen Zeitraum entwicklungsgemäß aufzubauen. In jeder Jahrgangsstufe von der 5. bis zur 9. Klasse turnen die Schüler bei mir am Barren, Reck, Boden und machen Bock- und Kastenspringen sowie auch Trampolinspringen. Die Turngeräte dienen natürlich auch zum Hangeln, Stützen oder Balancieren und beim sogenannten normfreien Turnen werden Geräte auch mal völlig umfunktioniert. Der Barren wird zum Hindernis, das überklettert werden muss. Ich möchte dennoch betonen, ich unterrichte in der Schule Sport, und dazu gehören Ballspiele, Leichtathletik, Konditionsschulung, Schwimmen, wenn das an der Schule möglich ist, und vieles mehr.

Können Sie die Schüler für Barren, Reck oder Sprung begeistern?
Das ist natürlich nicht ganz einfach, aber eigentlich findet jeder Schüler im Schulsportturnen seine persönlichen Erfolgserlebnisse. Turnen gehört zum Schulsport. Sehr groß ist das Interesse bei Schülern für Bock- und Kastenspringen und auch für das Springen mit dem Minitrampolin. Bei älteren Jungs, etwa ab 8. Klasse, besteht eine gute Motivation für das Barrenturnen.

Würden Sie uns noch eine Anekdote als Turner erzählen?
1984 fanden in Würzburg die sogenannten FICEP Europameisterschaften im Kunstturnen statt. Wir haben mit der DJK Mannschaft diesen Wettkampf gewonnen. Das beeindruckende neben dem Erfolg war, dass wir vor einer riesigen Kulisse geturnt haben.
So eine tolle Stimmung habe ich nachher nie mehr erlebt. Die heutige s.Oliver Arena war nämlich "ausverkauft". Der Wettkampf war zum Schuljahresende und alle Würzburger Schulen waren eingeladen.





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