Auf heißen Plastikrädern

21.09.2011   Ort: Markt Einersheim  Von: Gerd Ludwig  Die Kitzinger

Bobby-Car Sie steckt in Motorradkluft, sie trägt einen Helm, ihre Schuhsohlen bestehen aus geschraubten Reifen, um zu bremsen. Corinna Teufel gehört nicht zu den schweren Jungs auf ihren heißen Öfen. Die elfjährige Markt Einersheimerin braucht keinen Motor, um zum Weltmeistertitel zu flitzen. Ihr Gefährt ist ein grünes Bobby-Car .


In die Kurve legt sich die 1,65 Meter große Corinna Teufel auf ihrem Bobby-Car. Sollte es mal schiefgehen, sorgen dicke Strohballen am Streckenrand für Sicherheit. Foto: privat
"Wenn ich mich aufs Bobby-Car setze, fühle ich mich frei", sagt Corinna Teufel. Mit bis zu 50 Sachen rauschte sie heuer von Titel zu Titel: Deutsche Meisterin, Europameisterin und nun auch Weltmeisterin, erfolgreicher geht es nicht. "Ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben, wie wunderbar es ist, Bobby-Car zu fahren", strahlt die Realschülerin anno 2011.

Angefangen hat alles mit der Bayerischen Bobby-Car-Meisterschaft, die der Kindergarten-Förderverein Markt Einersheim 2007 ausgerichtet hat. Vater Manfred und seine Kinder Florian (19), Tizian (12) sowie Corinna (11) erwischte das Bobby-Car-Virus zuerst, Mutter Katja sitzt seit 2008 im "Cockpit". Die gesamte Markt Einersheimer Familie ist Bobby-Car-verrückt. In den Sommermonaten geht es Freitagnachmittag mit dem Wohnwagen zu den Rennen, die meist in Deutschland, Österreich und Luxemburg stattfinden, Sonntagabend wieder zurück ins Unterfränkische. "Es ist schwer etwas zu finden, was der ganzen Familie Spaß macht", betont die Mutter. Das Bobby-Car-Fahren sei aber genau das Richtige.

Alle zehn Weltmeisterschaftsläufe absolvierte Corinna 2011 in der Klasse Kinder 10 bis 12 Jahre, um nun ganz oben auf dem Treppchen zu stehen. "Ich hatte schon sehr starke Gegner, besonders Hendryk Kunz saß mir im Nacken", sagt sie. Nach dem siebten Lauf sei es eng gewesen, blickt die Elfjährige zurück. Fünf Siege, ein zweiter und zwei dritte Plätze reichten dann doch, um mit über 190 Punkten Vorsprung das Sahnehäubchen einer gelungenen Saison aufzusetzen.

50 km/h auf dem Bobby-Car


"Der schönste ist der WM-Titel, da musste ich mich immer anstrengen", strahlt sie. Nur zwei Mal verpasste die Schülerin das Treppchen - "da hatte ich abgelost", gibt sich Corinna selbstkritisch. Pro Lauf hatte sie rund zehn Kontrahenten. Jeweils zwei traten im Doppel-K.O.-System gegeneinander an. Und das mit rund 50 Kilometern pro Stunde, auf einem handelsüblichen Bobby-Car. Lediglich die Räder des original Big-Modells, die aus Plastik bestehen, können durch sogenannte Flüsterräder oder Jako-o-Räder (bessere Straßenlage) getauscht werden. Dann geht es im Motorrad-Kombi, Helm und spezialbesohlten Schuhen auf die Piste, die von Zuschauern hinter dicken Strohballen gesäumt ist. 1,65 Meter Körperlänge gilt es, auf dem Bobby-Car unterzubringen. Normalerweise sitzen da Kleinkinder und zuckeln vor sich hin."Als Kleinkind habe sie nie ein Bobby-Car besessen", sagt Corinna. Sie und ihre Rennkollegen bevorzugen denn auch wegen der Aerodynamik die Waagrechte. Auf dem Rücken liegend "wie ein Brett", mit wenig Sicht, geht es von der Startrampe in die teils heftigen Kurven und Geraden. "Ich liebe Strecken mit zwei, drei scharfen und knackigen Kurven", freut sich die Markt Einersheimerin. Von einer Streckenführung wie eine Achterbahn ist sie weniger begeistert.

Zwischen 400 Metern und einem Kilometer gilt es im Rennen Eins-gegen-Eins zu überwinden, ein Abflug in die Strohballen ist nicht ausgeschlossen. "Bisher hatte ich nur einen Sturz, da stand ich aber gleich wieder auf den Beinen", klopft Corinna auf Holz. Nach rund einer Minute ist der Adrenalinschub vorbei. Vergangenheit ist dann auch der unbedingte Siegeswille: "Ab der Startrampe bis ins Ziel bin ich ehrgeizig, auf der Rennstrecke zählen die Punkte", sagt Corinna: "Vorher wünschen wir uns viel Glück und auch hinterher haben wir viel Spaß miteinander."

Wie eine große Familie seien die Bobby-Car-Fahrer und -Anhänger, bestätigt Mutter Katja. "Da haben sich schon viele tolle Freundschaften gefunden", stimmt Tochter Corinna zu, ihr Bruder Tizian, ebenfalls sehr erfolgreich, nickt. "Da wird dann ein Grill in die Mitte gestellt, Spiele gemacht, oder einfach nur zusammengesessen und gefeiert", unterstreicht Katja, selbst stolze Besitzerin eines Bobby-Cars, allerdings getuned.

Denn ab der Jugendklasse (12 bis 16 Jahre), werden die Teile edler. Dann hat das serienmäßige Bobby-Car ausgedient, und jeder darf sich sein eigenes Gefährt mit Metall-Radaufhängungen, Alu-Lufträdern und einer Lenkung selbst zusammenschrauben und umbauen. Nur die Maße und das Höchstgewicht (20 kg Jugend, 40 kg Erwachsene) müssen beachtet werden. Ein Motor ist selbstredend perdu. "Geschraubt wird jeden Winter", sagt Katja Teufel."Physikalische Gesetze sind da vollkommen außer Kraft gesetzt", kann die Mutter nur den Kopf schütteln. Der Theorie nach müsste vieles funktionioren, was aber in der Praxis nicht der Fall sei. Kreativität sei gefragt. Im Frühjahr stellt sich das Ergebnis des Winters heraus. Da fahren die Teufels auf der Trainingsstrecke am Markt Einersheimer Schlossberg. Corinna freut sich schon darauf, endlich im Profi-Gefährt zu sitzen. "Ich will langsam und gut durchkommen, aber schon ein paar Läufe gewinnen", setzt sich die im Sternzeichen Stier Geborene erste Ziele. Mit dann bis zu 100 Sachen wird sie das Gefühl der Freiheit auf dem neuen Gefährt noch viel intensiver verspüren.



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