Sascha Burkhardts ganz anderer Marathon
05.09.2011
Ort: Kreis Forchheim ![]()
Rückspiegel Der zweimalige Sieger Sascha Burkhardt erlebte den Lauf in der Fränkischen Schweiz wegen einer Verletzung nur als Beobachter mit: vor dem Start, im Zeitnahme-Fahrzeug und im Ziel.

Der zweimalige Sieger Sascha Burkhardt wäre auch diesmal lieber mitgelaufen, doch eine Verletzung bremste ihn aus. Foto: Leo Hühnlein
Zwei Knie-Operationen wegen eines Knorpelschadens bedeuteten für ihn das Aus: "Für mich schon ein komisches Gefühl. Innerlich kribbelt es." Die Aufregung in der letzten Stunde, bevor es losgeht, sei für einen Läufer"das Schlimmste", beteuert der gebürtige Pretzfelder, der jetzt in Forchheim lebt.
Hauptsache, dabei!
Ganz die Finger lassen kann der 37-Jährige jedenfalls nicht von "seinem" Marathon, bei dem er schon zum Jungfernlauf 2000 am Start war. Heuer fungiert er "nur" als Betreuer und Berater seiner Lebensgefährtin Dorothée sowie deren Vater Bernd, die eine Zweier-Staffel laufen, und von Daniel Krippner, der über die volle Distanz gehen wird. Hauptsache, dabei!
Er sei eher zufällig zum Langstreckenlauf gekommen: "Als Fußballer in Pretzfeld habe ich bis dahin wohl keine Party ausgelassen. Mein Kampfgewicht betrug damals etwa Mitte 90 kg, heute wiege ich mit 67 etwas weniger."
Deshalb habe er 1998 mit dem Joggen angefangen, später kamen gelegentliche Streckenläufe dazu: "Beim Nikolauslauf 1999 in Forchheim sah ich einen Flyer zum ersten FM-Marathon und dachte: Da machst du mit." Im gleichen Jahr hörte Burkhardt mit dem Rauchen auf und fing damit an, streckenorientiert zu trainieren - was sich mit den Siegen 2001 und 2002 auch prompt auszahlte. Der Lokalmatador landete in den Folgejahren trotz steigender internationaler Konkurrenz immer auf vorderen Plätzen und heimste auch oberfränkische und bayerische Meistertitel ein.
7.30 Uhr: Vor der Abzweigung zum Landratsamt installieren Helfer die Zeitnahme und daneben laden orange-gekleidete Heinzelmännchen letzte Barrieren von einem Lkw ab. Schon jetzt sind Athleten zwischen der Passage und dem Paradeplatz zu sehen, die hauptsächlich versuchen, die eigene Anspannung zu bekämpfen. Ein Handbiker dreht seine Bahnen. Burkhardt trifft auf einen alten Bekannten: Der Schwürbitzer Alexander Finsel startet diesmal über 16 km. "Er wird sehr weit vorne landen, denn er geht von Anfang an ein hohes Tempo und ist unglaublich zäh", schätzt Burkhardt ihn ein und nuckelt an einem Kaffee. Der Himmel ist leicht bedeckt, es nieselt. "Das bleibt nicht so, die Sonne kommst spätestens zum Start heraus und wir werden hohe Temperaturen bekommen", wissen die beiden Freunde und zeigen somit, dass eine genaue Studie des Wetterberichtes ebenso zur Vorbereitung eines Läufers gehört.
Bei der Beurteilung des Starterfeldes sind beide ebenso einig, dass Burkhardt heuer eine sehr große Chance auf den dritten Einzelsieg ziehen lassen muss. Er sagt: "Natürlich ist mein Ziel, erst mal wieder zu genesen, denn im nächsten Jahr möchte ich schon gerne wieder auf meiner Hausstrecke dabei sein. Und der Paris-Marathon würde mich auch mal reizen."
Flotte der Begleitfahrzeuge
7.55 Uhr: Die Flotte der Begleitfahrzeuge trifft an der Kreuzung zum Gymnasium ein. Sascha Burkhardt, der verhinderte "Marathon-Man", findet im Zeitnahme-Auto Platz. Noch zehn Minuten zum ersten Startschuss: Es beginnen Handbiker und danach die Inliner.
8.40 Uhr, es geht los. Der Sprecher kündigt den ersten Start sehbehinderter Inliner an, die mit ihren Begleitern an der Hand anfahren. 9 Uhr: Nun sind die Läufer dran. Sofort setzt sich Alexander Finsel an die Spitze und hat bereits im Forchheimer Industriegebiet, wo es nach der Schleife Richtung Eisenbahnbrücke geht, einen respektablen Vorsprung herausgelaufen. "Den werden wir jetzt bis Ebermannstadt nicht mehr los", orakelt Burkhardt beim Blick aus der Heckscheibe - und sollte Recht behalten.
Schon am Anfang der Bayreuther Straße sitzen erste Fans am Rand auf Gartenstühlen und feuern an, das Hauptfeld folgt. "So ein komfortables Rennen hatte ich noch nie", scherzt Burkhardt, dessen Blick abwechselnd nach oben durchs Schiebedach auf die Zeitansage, aber auch ringsum aus dem Fahrzeug geht: "Als Läufer bekommt man oft nicht so viel mit, man ist mit sich selbst und seiner Taktik beschäftigt. Ich genieße es jetzt aus Sicht des Betrachters."
Durch die hervorkommende Sonne trocknet die Fahrbahn schnell ab, die Temperaturen steigen. Aufsteigende Feuchte wird zur Schwüle und macht, wie von Burkhardt vorhergesagt, den Athleten zu schaffen. Auf Höhe des Walberlas sagt der Fachmann: "Unter diesen Bedingungen wird heute eine Zeit unter 2:40 Stunden kaum zu laufen sein. Ich rechne eher 2:45 Stunden."
Burkhardts eigene Bestleistung liegt bei 2:25:20 Std., die er beim Münchner Marathon errungen hat. Der Werkselektriker einer Forchheimer Firma hatte damals als Zweitplatzierter von 12 000 Teilnehmern sein schönstes Läufererlebnis: "Wenn man zum Ende des Rennens ins Olympiastadion einzieht und die vollbesetzten Ränge feuern einen an: Ja, da läuft es mir heute noch eiskalt den Buckel herunter."
Ebermannstadt naht und somit das Ziel. Aber vorerst nur für die Distanz über 16 Kilometern - alle anderen müssen weiterlaufen. Sein Favorit aus Lichtenfels gewinnt (1:00:12 Std.). "Fast noch beachtlicher finde ich den Lauf von Manfred Dormann, der nur eineinhalb Minuten dahinter den zweiten Platz holt. Eine Wahnsinns-Leistung für den 61-jährigen", meint Burkhardt. Er freut sich für die Athleten, die ihr Ziel erreichen, weil er deren Gedanken kennt. Die Anhebung bei Gasseldorf, für den normalen Verkehrsteilnehmer eher ein Hügelchen, sieht ein Langstreckenläufer mit ganz anderen Augen: "Wenn du fast 20 Kilometer in den Beinen hast, dann merkst du jeden Zentimeter Steigung. Das geht in die Oberschenkel oder du musst zurückschalten."
Schönheit der Strecke
Die Schönheit der Strecke offenbart sich nicht erst vor dem Tal zur Ruine Neideck: "Zum ersten Mal hat der verhinderte Champion bei Streitberg die Möglichkeit, die Vorzüge als Zuschauer voll zu genießen: "Die Tänzerinnen der Sambagruppe müssen große Kondition mitbringen, wenn sie diesen Hüftschwung bis zum Ende durchhalten wollen."
Weshalb der FSM landschaftlich zu einer der reizvollsten Laufveranstaltungen in Deutschland gehört, wird hier im Wiesenttal deutlich. "Außerdem haben die Veranstalter von den Erfahrungen der Anfangsjahre schnell gelernt", so der 37-Jährige, "und den FSM nicht nur professioneller gemacht, sondern nahezu perfektioniert." Das Hauptfeld der Inliner begegnet ihm im Kurvenbereich nach Muggendorf, wo man weit voraussehen kann: "Das ist für einen Wanderer oder Urlauber sicherlich reizvoll, für die Psyche der meisten Läufer aber nicht so gut." Man orientiere sich immer an Nahzielen. Bei sehr weitem Blick würde der Weg endlos scheinen und das kann sich negativ auswirken: "Du läufst und läufst, aber die Strecke wird nicht kürzer." Auf der Brücke bei Muggendorf winken Sanitäter und Ärzte - man kennt sich.
Nach dem Wendepunkt bei der Sachsenmühle kommt eine weitere markante Situation auf die Teilnehmer zu, die sich Burkhardt zufolge sehr wichtig auf den restlichen Streckenverlauf auswirkt: "Ab da läuft man fast nur noch abwärts und vor allem dem Ziel entgegen. Aber man begegnet auch den Konkurrenten und beobachtet sehr genau, wie sie unterwegs sind."
Was das für Auswirkungen haben kann und dem normalen Betrachter verborgen bleibt, erklärt der Kenner seiner Hausstrecke so: "Entweder es motiviert, um zuzulegen, wenn man sieht, wie weit man bereits Vorsprung hat und der andere schwer läuft. Oder es gibt einen Knacks, weil man denkt: Mist, der holt mich bei diesem Tempo sowieso noch ein." Bereits auf den ersten Metern des Rückweges wird klar, dass Burkhardt auch beim Sieger richtig liegen wird. Mit Markus-Kristian Siegler liegt genau der Akteur in Front, dem Burkhardt die größte Siegchance eingeräumt hatte.
Ganz anders erlebt
Die restliche Strecke und der Zieleinlauf birgt für den zweimaligen Champion eine weitere Erfahrung. Links und rechts der Fahrbahn winken ihm die Zuschauer zu und rufen seinen Namen. Hier und da wird geflachst: "Sieh an, der faule Hund lässt sich kutschieren." Aber für jeden dieser Sprüche hat der Experte die passende Antwort parat. Siegler gewinnt in 2:45:31 Stunden, womit sich Burkhardt Vorhersage als Punktlandung herausstellt.
"Es war eine ganz tolle Erfahrung für mich", bilanziert er, "die Strecke auf diese Weise zu begleiten und sie ganz anders zu erleben." Der Spruch des Tages gelingt Klaus Friedrich, dem Piloten des Zeitnahme-Fahrzeugs. Beim Überqueren der Ziellinie mit dem Auto gibt er seinem Schulkollegen Burkhardt eine weitere Erkenntnis mit auf den Weg: "Siehst du Sascha, jetzt bist du nicht mitgelaufen und kommst dennoch als Erster durchs Ziel."
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Fränkische-Schweiz-Marathon
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