Alle lieben die drollige Diva

03.09.2010   Von: Michael Memmel  inFranken.de

Sportler der Woche "Wer trifft, hat recht" - diese Weisheit passt zu wenigen Fußballern so gut wie zu Sven Merkel. Der gesellige Stürmer des FV Elsendorf hat keinen großen Aktionsradius, erzielt aber seine Tore mit schöner Regelmäßigkeit.


Sven Merkel, der Torjäger des FV Elsendorf.
Auf Sven Merkel kann keiner so richtig böse sein. Auch sein Coach hat das mittlerweile aufgegeben. Wenn der Spielertrainer des FV Elsendorf, Thomas Krieger, vor dem Spiel in der Kabine die Taktik bespricht und für jeden Fußballer eine konkrete Anweisung parat hat, dann hört er ganz selbstverständlich bei dem Mann im Sturm auf: "Naja und vorne, vorne da steht halt der Sven." Und was danach folgt, kennt Krieger jetzt auch schon zur Genüge: Alle laufen sich warm, und sein Torjäger hat eine halbgare Ausrede parat wie Toilette, dringendes Telefonat oder dergleichen. Sven Merkel kommt damit durch. "Mit mir kann man nicht streiten", sagt er selbst und nennt seine "Drolligkeit" als Grund dafür. Bei Alkoholzufuhr steige diese sogar noch an. Auf dem Sportplatz wäre das wertlos, wenn er nicht das beste Argument auf seiner Seite hätte: Tore, Tore und nochmals Tore.


Drei Tore in zehn Minuten


Welchen Trainer juckt es schon, ob sich der Angreifer warm gemacht hat, wenn er die Partie mit einem Hattrick innerhalb von zehn Minuten eröffnet? So geschehen am vergangenen Sonntag beim Elsendorfer 5:1-Erfolg in der A-Klasse Bamberg 1 in Zettmannsdorf, als Merkel zwischen der 11. und 21. Min. dreimal zuschlug. Das Elsendorfer Urgestein Edmund Pavelka drückt es so aus: "Der Sven is a fauler Fregger, aber wenn er noh'langt, is der Ball drin." In den vergangenen beiden Jahren markierte die Nr. 9 jeweils über 35 Tore für seinen Verein, ohne sich viel zu bewegen. Der 33-Jährige locht am liebsten bei Freistößen oder nach Einwürfen ein, indem er seine Körpermasse (Gewicht: "100 Kilo plus X") geschickt einsetzt und dann hart und platziert mit seinem guten "Linken" abschließt. Kopfbälle hingegen sind nicht so seine Sache. Als Ansporn dient dem überzeugten Junggesellen eine speziell ausgehandelte Tor- und Siegprämie - nicht in Geld, sondern in Naturalien bei seiner Stammkneipe "Sternbräu". "Pro Tor gibt es eine Maß Bier, pro Sieg eine Pizza", freut sich Merkel.


Vom Torwart zum Torjäger


So ungewöhnlich der verletzungsresistente Stürmer auf dem Platz ist ("Wenn ich nach 90 Minuten vom Platz gehe, könnte ich glatt noch ein Spiel machen"), so seltsam ist auch sein Werdegang als Fußballer. Ein Bolzplatz in einer Elsendorfer Neubausiedlung hat ihn früh zum Fußball und nur wenig später zum FV geführt. Bis zur A-Jugend kickte er regelmäßig, teilweise sogar in drei Jugendteams an einem Wochenende - wohlgemerkt als Torhüter, schließlich wollte er sich schon damals nicht zu viel bewegen. Als der laut Schwester Daniela Frank "wenig kritikfähige" Sven Merkel dann mit seinem Trainer aneinander geriet, warf er die Handschuhe in die Ecke. Erst mit 22 Jahren kam er zurück, weil die zweite Mannschaft dringend Leute benötigte - und zwar auf dem Feld, obwohl "ich damals überhaupt nicht Fußball spielen konnte." Regelmäßiges Training und viele Spiele in der AH, der Reserve und bald auch in der "Ersten" brachten ihn rasch auf ein ordentliches Niveau. Mit dem gleichaltrigen Matthias Krapp an seiner Seite schoss er den Verein plötzlich zur Vizemeisterschaft in der Kreisklasse: "Matze war der Läufer, ich der Robuste - das hat einfach gepasst." Die Elsendorfer schlossen ihn ins Herz, er wurde sogar A-Jugend-Coach.


Schweigen in der Männer-WG


Beim Abstieg in die A-Klasse änderte sich die Stimmung, und Merkel gab dem Werben des Kreisligisten DJK-FC Thüngfeld nach. Einen Zettel, auf dem die Bedingungen für sein dortiges Engagement standen, zerriss er, statt ihn zu unterschreiben: "Wenn, dann komme ich nicht für Geld, sondern um Spaß zu haben." Der wurde ihm jedoch in den nächsten Wochen erstmal geraubt. Sein Vater Willi, ein eingefleischter Elsendorfer und bis heute noch am Grillstand aktiv, redete plötzlich kein Wort mehr mit ihm, obwohl sie doch eine eingeschworene Männer-WG bilden. Auf einmal war einer böse auf "Butzi". Sechs, acht Wochen hielt es sein Vater aus, dann brach er das Schweigen. Es dauerte aber zweieinhalb Jahre, bis Merkel Senior ein Spiel in Thüngfeld verfolgte - prompt schoss sein Sohn vier Tore und der Vater konnte seinen Stolz kaum verbergen. Wenn Verwandte zuschauen, ist das sowieso die beste Motivation für den Familienmenschen Sven Merkel. Mit seinen Patenkindern Saskia, Eva-Maria und Maximilian an der Bande macht selbst er den einen oder anderen Meter extra. Insgesamt verlebte der zuverlässige Merkel eine schöne Zeit in Thüngfeld als "gesetzter zwölfter Mann", wobei er mit geschätzten 130 Toren vor allem die Reserve über Wasser hielt. Welch bleibenden Eindruck er in der Nachbarschaft hinterlassen hat, wurde ihm erst in diesem Sommer bewusst, als die Thüngfelder ihre Rückkehr in die Kreisliga feierten und mit dem "Gummi-Wagen" extra in seine Straße fuhren, um ihn zum Feiern zwangszuverpflichten.


Auslaufen für die Kameradschaft


Seit drei Jahren kickt Merkel nun wieder für seinen Heimatverein. Als er zurückkehrte, war er ausnahmsweise einmal böse, weil sich die Spieler nach dem Schlusspfiff einzeln ausliefen. Er nutzte seine Stellung als gesellschaftlicher Leitwolf und setzte durch: "Das machen wir ab sofort alle zusammen, damit ein bisschen Kameradschaft reinkommt." Und so reiht sich auch der ausdauerschwache Merkel klaglos ein und läuft mit. Seinen Abschied vom Fußballplatz verschiebt Merkel fast schon traditionell von Jahr zu Jahr. Schließlich hat er noch einen großen Traum: seinen ersten Aufstieg. Den letzten Elsendorfer Sprung in die Kreisklasse verpasste er just durch das "Fremdgehen" in Thüngfeld. Dieses Jahr rechnet er allerdings nicht damit. Platz 3 bis 6 hält der HSV-Fan für realistisch. Dann muss er wohl noch ein weiteres Jahr warten, bis er sich auf seine zweite Karriere als Schiedsrichter, die er vor einem Jahr begonnen hat, konzentrieren kann. Er scheint wie gemacht dafür: Wer kann schon einem drolligen Schiedsrichter böse sein?

Zur Person


Geburtsdatum 27. September 1976
Geburtsort Erlangen
Familienstand ledig
Wohnort Elsendorf
Beruf gelernter Gas- und Wasserinstallateur, derzeit Kraftfahrer
Hobbys Fußball, Angeln, Tennis, Patenkinder, Fitness-Studio, Stammkneipe "Sternbräu"
Spitzname Butzi
Vorbild Vater Willi
Verein FV Elsendorf (zwischendurch vier Jahre bei der DJK Thüngfeld und eine halbe Saison beim MSC Markt Taschendorf)
Schönster Erfolg Platz 2 im ersten richtigen Jahr in der Elsendorfer "Ersten" zusammen mit Matthias Krapp im Sturm
Schlimmste Niederlage 2:3-Pleite im letzten Spiel mit Thüngfeld in Aschbach, die den direkten Kreisliga-Abstieg besiegelte



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