Aufhören kommt nicht in Frage

03.02.2012   Ort: Hammelburg  Von: Jürgen Schmitt  Saale-Zeitung

Faustball Roland Sell spielt seit 40 Jahren Faustball in Hammelburg. Der 64-Jährige würde gerne etwas kürzer treten, doch das kleine Team ist auf jeden Akteur angewiesen.


Der Dauerbrenner: Der 64-jährige Roland Sell spielt seit 40 Jahren Faustball. Foto: Jürgen Schmitt
So sieht also das personifizierte schlechte Gewissen aus. Freundlich, gelassen. Ein leises Lächeln im Mundwinkel. Roland Sell ist keiner, der Leuten Schuldgefühle aufs Auge drücken würde. In dem kleinen Büro in der Hammelburger Bahnhofsstraße sitzt vielmehr ein Mensch, der mit sich im Reinen scheint. Schlechtes Gewissen? Schon möglich, dass sich so mancher Mensch am Schaufenster des Fahrrad-Ladens die Nase platt drückt und denkt: Das gibt's doch gar nicht. Der Otto-Normal-Sportler zieht sich meist mit Mitte 30 vom aktiven Treiben auf dem Feld oder in der Halle zurück. Tauscht die Fußballschuhe mit Nordic-Walking-Stöcken. Geht vielleicht wieder öfters ins Schwimmbad, weil es Gelenke schont und dem Rücken gut tut. Roland Sell ist 64 Jahre alt. Und aktiver Faustballer. Seit 40 Jahren. "Sport ist doch wichtig. Man kann schließlich nicht den ganzen Tag arbeiten."

Faustball hat eine große Tradition in Hammelburg. "Das wurde bei uns schon nach dem Krieg gespielt", sagt Roland Sell, der 1972 seine Freude an dieser Sportart entdeckte. Zu einer Zeit also, als in München die Olympischen Spiele stattfanden und die deutschen Fußballer mit Maier, Beckenbauer, Breitner, Netzer, Heynckes und Müller Europameister wurden. Dem Faustball ist Roland Sell immer treu geblieben. Natürlich ist der bald 65-Jährige ältester Spieler seiner Mannschaft, in der der jüngste Akteur über 30 ist. "Früher hatten wir mehr Spieler, als gebraucht wurden. Jetzt haben wir fast keinen Nachwuchs, und die Jungen sind noch nicht so weit", erzählt Roland Sell, mit der SG Hammelburg/Fuchsstadt aktueller Tabellenführer der Kreisliga. Die Wand des kleinen Büros, in dem gewöhnlich die Ehefrau sitzt, braucht eigentlich keine Tapete. Die Urkunden und Bilder sind Schmuck genug. Und verleiten zu Tagträumen. Zum Beispiel von den Derbys früherer Tage, als der FC Fuchsstadt und der TV/DJK Hammelburg noch eigene Mannschaften stellten, als Faustball auch in Euerdorf, Bad Brückenau oder Bad Kissingen gespielt wurde.

Erfolge blieben nicht aus mit dem Gewinn der deutschen DJK-Meisterschaft und dem Aufstieg in die Bayernliga zu Beginn der 90er Jahre. "Damals war der Christoph Schreiner noch mit dabei", zeigt der Unternehmer auf ein Bild. Den Kader der Spielgemeinschaft bilden aktuell sechs Akteure: Trainer Horst Geier und Martin Bock aus Fuchsstadt, Dietmar Schreiner, Christian Schreiner und Jens Martin, der früher auch in Euerdorf spielte. Und eben Roland Sell, der als "Steller" den Ball möglichst perfekt an die Leine zum Schlagmann spielen muss. "Beim Faustball gibt es ähnlich dem Volleyball keinen Kontakt zum Gegner. Damit ist das Risiko einer Verletzung eher gering, was für mich als Selbstständigen wichtig ist. Einen Ausfall kann ich mir nicht erlauben", erzählt der Hammelburger. Die 64 Jahre sind das Problem nicht. "Noch geht's. Noch habe ich die Ballbeherrschung. Nach anstrengenden Spielen habe ich höchstens mal einen Muskelkater. Ich gehe aber auch mal freiwillig auf die Bank", spricht der jung gebliebene Saalestädter, der von schlimmeren Verletzungen im Lauf der Jahrzehnte verschont blieb.

Und weil ohne Kondition auch im Faustball nichts geht, steht montags Fitness-Training und Hobbyvolleyball im TV/DJK auf dem Programm, während freitags das reguläre Faustball-Training in Fuchsstadt stattfindet. "Wenn das Wetter passt, radele ich gerne mal den Lagerberg hoch. Und die jährliche Wallfahrt nach Vierzehnheiligen hält mich ebenfalls in Form." Die Liga-Spiele finden gewöhnlich Sonntag statt. Ab neun Uhr. Sicher mit ein Grund, warum sich nur wenige Zuschauer in die Saaletalhalle verirren. Eigentlich schade", findet Roland Sell, "weil wir bei Heimspielen auch immer für Verpflegung sorgen". Anpacken müssen die Spieler sowieso, da das Spielfeld präpariert sein will. Die Basketballkörbe werden eingeklappt und die Leine gespannt, ein spezielles rot-weißes Band in zwei Metern Höhe, das weder von den fünf Akteuren pro Team, noch vom Spielgerät berührt werden darf.

Die große Volleyball-Tradition rund um Hammelburg steht dem Faustball ein Stück weit sicher im Weg. Und ohne mediale Aufmerksamkeit ist der Nachwuchs nur schwer zu überzeugen. "Die Jungen finden unseren Sport wohl nicht attraktiv genug. Dabei ist Faustball laufintensiver als Volleyball, weil der Ball ja einmal aufspringen darf und das Spielfeld größer ist", wirbt Roland Sell für sein Hobby. "Auf dem Feld ist der Teamgeist sehr wichtig. Außerdem geht es unter den Vereinen sehr freundschaftlich zu. Das ist wie eine große Familie. Da wird später nicht nachgekartet."

Für den Hammelburger ist es Ehrensache, in diesem Jahr den TV Oberndorf zu unterstützen, wenn der im Schweinfurter Willy-Sachs-Stadion die Faustball-Europameisterschaft ausrichtet, mit Deutschland als Favoriten. "Wenn die uns brauchen, helfen wir. Als Zuschauer sind wir da auf jeden Fall dabei." Vorbei sind die Zeiten, als die Hammelburger Faustballer an Pfingsten an den großen DJK-Turnieren teilnahmen, in Berlin, Dortmund, Düsseldorf oder Münster. "Heute hat doch jeder an Pfingsten etwas anderes vor", weiß Sell.

Die Anekdoten gehen dennoch nicht aus. "Neulich hat sich ein junger Bursche bei mir entschuldigt, der einige Bälle auf mich gespielt hatte. Das war wohl der Respekt vor dem Alter." Da ist es wieder, das leise Lächeln im Mundwinkel.


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