Bibbernde Nixen und freche Gören

03.02.2012   Ort: Lichtenfels     Fränkischer Tag

Rückschau Siegbert Koch hat bald seinen letzten Arbeitstag als Schwimmmeister im Lichtenfelser "Merania"-Hallenbad. In den 38 Dienstjahren dort hat er viel erlebt, darunter manches, das er mit Humor und Gelassenheit zu nehmen wusste.


Schwimmmeister Siegbert Koch am Kinderbecken, wo eine lustige Schlange auf das Wasser schaut. Jeder Winkel des Lichtenfelser Hallenbades ist ihm vertraut.
Aus der angenehm warmen Schwimmhalle hinaus in die Eiseskälte, die Stufen hinunter und durch eine Außentür hinein in die Unterwelt des städtischen Hallenbades. Der Schwimmmeister geht in T-Shirt und kurzen Hosen ("sind ja nur zehn Meter"), Temperaturwechsel ist er gewohnt. Vom Parkplatz bis zur Sauna, vom Kinderbecken bis zum Drei-Meter-Turm, vom Keller bis zum Dach - all das gehört zu seinem Zuständigkeitsbereich als Leiter des Betriebs mit 15 Mitarbeitern. Hier unten im Technikbereich ist der 58-Jährige genauso in seinem Element wie oben in der Schwimmhalle.
"Ich wollte nie nur als Aufsicht am Beckenrand stehen", sagt Koch und nennt die Vielseitigkeit einen der größten Pluspunkte seines Berufes. Schon nach seiner ersten Ausbildung zum Heizungs- und Lüftungsbauer wünschte er sich ein möglichst selbstständiges Arbeiten und Mitentscheiden. Die Stelle im Hallenbad hat ihm dies ermöglicht. "Ich hab' meinen Beruf gern gemacht, es war eine schöne Zeit."
Über das Erlebte könne er ein Buch schreiben. Aber das ist nun kein Ziel, das er sich für die kommenden Jahre gesetzt hat. Was in so einem Buch aber vorkommen müsste, das wäre die Geschichte mit den bibbernden Isar-Nixen. Die Damen des Münchner Schwimmsportvereins waren für einen Auftritt bei der Einweihung des Lichtenfelser Hallenbades 1975 gebucht. Drei Tage vor der Eröffnung blickten Siegbert Koch und seine Kollegen mit Entsetzen auf ein Becken, in dem sich schwarzes Wasser befand. Die Ursache war schnell gefunden: Ein Aktivkohlefilter hatte sich umgestülpt und feinste Partikel an das Wasser abgegeben. Das Becken wurde geleert und geschrubbt. Es war jedoch klar, dass die Zeit nicht mehr reichen würde, um nach einer Neubefüllung bis zur Eröffnung eine angenehme Badetemperatur zu erreichen. Heute sei das Becken in 24 Stunden gefüllt, und das Aufheizen dauere zwei Tage. Damals hätte man vier Tage benötigt. Weil diese Zeit nicht mehr blieb, erhielt die Feuerwehr den bemerkenswerten Auftrag, das 30 Grad warme Wasser aus dem Kinderbecken ins 750 Kubikmeter fassende große Becken zu pumpen. Doch das machte nur ein Fünftel der Füllmenge aus. Wohl oder übel musste man den Rest mit kaltem Wasser auffüllen und erzielte dann bis zum feierlichen Akt mit Auftritt der Synchronschwimmerinnen gerade so 20 Grad. "Die haben ganz schön gebibbert", erinnert sich Koch mit einem Schmunzeln.
Im Gedächtnis geblieben ist ihm auch die Episode, als er mit einem beherzten Sprung ins Becken einen auf 3,50 Meter Tiefe liegenden Körper nach oben holte, um dann festzustellen, dass es ein Taucher der DLRG war, der gerade trainierte. Der so nach oben Geholte ließ das regungslos geschehen und sagte dann dem einerseits empörten und andererseits erleichterten Schwimmmeister mit einem Augenzwinkern, das wäre bequemer als selbst aufzutauchen.
Die Herz-Lungen-Wiederbelebung musste Siegbert Koch natürlich regelmäßig trainieren, einen Ernstfall, bei dem sie anzuwenden war, gab es in all den Jahren nicht. Das ist ein weiterer Punkt seines Arbeitslebens, der ihn froh stimmt. Ja, es habe schon kleinere Unfälle gegeben, bei der seine Hilfe gefragt war, aber in seinen Schichten sei nichts wirklich Schlimmes geschehen. Gleichwohl war und ist sich Koch bewusst, dass "jede Sekunde etwas passieren kann". Ein Schwimmmeister müsse immer auch Augen im Hinterkopf haben, sagt er. Will heißen: Er muss stets achtsam sein und im Grunde schon ahnen, was einer vorhat, ein Gefühl für kritische Situationen haben, um vorbeugend einschreiten zu können.
In 38 Jahren haben sich die Zeiten geändert, auch das Hallenbad betreffend. Als Siegbert Koch seinen Dienst begonnen hatte, gab es, wie er erzählt, Leute, die mit Jahreskarte nur zum Duschen kamen, weil sie sonst daheim erst den Heizofen anschüren hätten müssen.
Über das nicht immer tadellose Betragen junger Leute, heutzutage wohl häufiger als früher, führt Koch keine Klage. "Die wollen dich austesten, wie weit sie bei dir gehen können", stellt er mit einer Gelassenheit fest, die als Bestätigung der These gelten kann, dass Schwimmmeister Nerven wie Drahtseile haben müssen. Bei Erwachsenen aber, die in der Sauna grundlos den Notknopf drücken, da könne er bös' werden.
Das 1999 mit einer Generalsanierung auf den neuesten Stand gebrachte "Merania" konkurriert mit einem immens gestiegenen Freizeitangebot. "Wir sind früher im Sommer zum Baggersee und im Winter Schlitten fahren", erzählt Koch aus seiner Jugend, in der es kein Hallenbad gab. Als 16-Jähriger kam er zum Ringen, mit sportlichen Erfolgen bis zum Deutschen Meistertitel. Eine Wasserratte aber war er "schon immer." Auch in Zukunft will er an seine bisherige Wirkungsstätte kommen - als Badegast.
Über das dort Erlebte könnte er, wie gesagt, ein Buch schreiben. Aber er hat sich lieber vorgenommen, wenn es an der Zeit ist, als Rentner seinem heute eineinhalbjährigen Enkelkind das Schwimmen beizubringen - so wie rund 4000 Kindern zuvor in seinem Berufsleben.


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