Der "Führer" trommelt in Kulmbach

02.02.2012   Ort: Kulmbach  Von: Wolfgang Schoberth  Bayerische Rundschau

Geschichte Am 5. Februar 1928 reißt Hitler über 1200 Zuhörer in der Realschulturnhalle zu Begeisterungsstürmen hin. Die Veranstaltung gibt der hiesigen NSDAP enorm Auftrieb.


Der Kulmbacher NSDAP-Kreisleiter und Staatssekretär für Landwirtschaft Fritz Schuberth (Sechster von rechts) 1931 zum Empfang beim "Führer" in München. Foto: privat
Sollte man Hitlers Buch "Mein Kampf" zum Nachdruck freigeben? Sofort, wie es manche Experten vorschlagen, um die Aura des Geheimnisvollen zu brechen? Oder 2014, wenn der Urheberrechtsschutz fällt, der momentan beim Freistaat Bayern liegt? Eine aktuelle, heftig geführte Diskussion - vor dem Hintergrund immer schamloserer und raffinierterer Aktivitäten der Rechten.
Wer sich ein Bild der programmatischen Inhalte machen will, kann auch einen Blick auf die Rede werfen, die Adolf Hitler am 5. Feburar 1928 in Kulmbach gehalten hat. Der Grund: Er übernimmt, manchmal sogar wörtlich, Kernaussagen aus seiner Schrift "Mein Kampf", die er Ende 1926 fertiggestellt hat.
Als Hitler seinen zweieinhalbstündigen Rede-Marathon vor über 1200 Zuhörern in der Turnhalle der Realschule (heute MGF-Gymnasium) beendet hat, " durchbrauste ungeheurer Beifall den Saal, der erst ein Ende fand, als die Musik einstimmte in das Lied Deutschland, Deutschland über alles", kann man im "Kulmbacher Tagblatt" vom 7. Februar lesen.
Unbestreitbar ist, dass der Auftritt Hitlers seine Anhänger beflügelt. Die Wirkung lässt sich auch messen: Bei der Reichstagswahl am 20. Mai 1928 erringt die Hitler-Partei in Kulmbach 24,8 Prozent der Stimmen. Damit übertrifft sie die Durchschnittszahlen Oberfrankens (10,8 Prozent) und Bayerns (6,4 Prozent) beträchtlich. Reichsweit schneidet die NSDAP aber mit 2,8 Prozent kläglich ab.
Doch als Fanatiker glaubt Hitler unbeirrt an seine Sendung. Er trommelt weiter, landauf, landab. Fast auf den Tag genau fünf Jahre nach seinem Auftritt in Kulmbach hat er dann sein Ziel erreicht: Er hält die Macht in Händen.

Interview: Von Hitler kein bisschen fasziniert

Otto Kneitz - Zeitzeuge, promovierter Historiker und ehemaliger Schulleiter des MGF-Gymnasiums - nimmt im BR-Interview Stellung zum "braunen Geist" in Kulmbach.

BR: Herr Kneitz, Sie sind 1927 eingeschult worden, 1931 an die damalige Realschule, das heutige MGF-Gymnasium, gekommen. Haben Sie etwas vom "braunen Geist" gespürt?
Otto Kneitz: An der Volksschule habe ich Dergleichen nicht erlebt. Eine Ausgrenzung, gar Diskriminierung von jüdischen Mitschülern hat es nicht gegeben. Einer war in meiner Klasse: Herbert Flörsheim, ein Kumpel wie jeder andere. Die Lehrer haben auch Rücksicht darauf genommen, dass er am Samstag nach jüdischem Gesetz nicht arbeiten sollte.

Und die Lehrer an der Realschule?
Ganz unterschiedlich. Zwei Beispiele: Es gab Friedrich Michels. Er war ein feiner Kerl, ein viel gereister Geograph, weltoffen, liberal und gebildet. Und es gab den Deutschlehrer Ernst Puchtler, einen strammen Parteigenosse, später Kreisleiter in Stadtsteinach. Er wollte uns Jungs immer nur "schleifen" und "pimpfen" - deswegen sein Spitzname "Pimpf".

Haben Sie Hitler 1928 in Kulmbach erlebt?
Nein. Allerdings 1931 in Coburg, halb Kulmbach war da auf den Beinen, und auch meine Eltern hatten mich mitgenommen. Die Kundgebung hat mich allerdings ziemlich gelangweilt, und Hitler hat mich kein bisschen fasziniert.

Die Fragen stellte unser Mitarbeiter Wolfgang Schoberth.



Drucken Artikel Versenden Abo bestellen
 

Weitere Artikel zum Thema suchen



Alternative Suche im Zeitungsarchiv
Hinweis: für Epaper-Abonnenten kostenlos


Kommentare

 
14  Kommentare  
Sortierung: 
 

Rasiermesser - 04.02.2012 13:19    (0)   
 

Lasst stecken, Leute!
Zurück in der Heimat, habe ich den ominösen Hitler-Artikel ganz in der Zeitung gelesen: Muss ebenfalls sagen: Die Story ist rundum sauber, sogar saukritisch. Worauf der Verfasser nämlich anspielt, ist das Gedicht "Kälbermarsch" von Bertolt Brecht, eine Parodie auf das Horst-Wessel-Lied: Die dummmen "Kälber" folgen dem "Trommler" in den Schlachthof. Wer die Kälber sind, dürft Ihr raten!
Also: Kein Grund zum Gun-fight. Lasst stecken, Kumpel!

tychobrahe - 03.02.2012 23:16    (0)   
 

Pawlow lässt grüßen
Habe den Artikel heute in Langform in der BR gelesen.
Er ist super recherchiert und flott geschrieben. In einem eigenen Artikel der "Sonderseite" werden Redepassagen zitiiert und kritisch kommentiert. Man muss halt nur (1) des Lesens mächtig sein und(2) nicht bei der Nennung des Namens Hitler aufheulen und reagieren wie im Pawlowschen Käfig.

Oberfranken - 04.02.2012 08:32    (0)   
 

Danke für die Aufklärung
Ich konnte nur den Ausschnitt hier in infranken.de lesen, wenn das aber so ist wie von ihnen beschrieben ist die Kritik an Kommentaren aber auch nicht angebracht. Dieser Artikel im Netz lässt keine Rückschlüsse zu, zu welchem Ergebnis der Autor kommen will. Das man bei den "hier" veröffentlichen Zeilen auf kein eindeutiges Ergebnis kommt liegt anscheinend an der unglücklichen Kürzung der ganzen Fassung.

meinemeinung - 03.02.2012 15:53    (0)   
 

Warnung?
Wenn man hört, dass Kulmbach eine Hochburg der Rechten hier in der Region sein soll, sollte der Bericht vielleicht auch als Warnung verstanden werden.

KU-MUC - 03.02.2012 15:27    (0)   
 

Was ist euer Problem?
Als Schüler war ich nicht unbedingt ein Fan von Herrn Schoberth aber jetzt muss ich ihn schon mal in Schutz nehmen. Der Artikel beschreibt eine historische Begebenheit - nicht mehr und nicht weniger.

Muss ich in jedem Absatz schreiben "...und übrigens: die Nazis waren böse!", damit ich nicht in den Verdacht komme, auf der falschen Seite zu stehen?

Ich befürworte auf jeden Fall Wachsamkeit gegen Rechts und da gibt es weiß Gott genug, wogegen es sich lohnt, die Stimme zu erheben. Dieser Artikel gehört definitiv nicht dazu.

Volltreffer - 03.02.2012 13:11    (0)   
 

Dieser "Artikel"
grenzt an Werbung für die braune Brut. Wolfgang Schoberth sollte mal zum Arzt gehen bzw. zur Nationalzeitung wechseln. Dort können sie solche Schmierfinken brauchen.

In einer seriösen Zeitung hat DIESE Art des Journalismus nichts verloren.

Besserwisserin82 - 03.02.2012 13:04    (0)   
 

Ich verstehe nicht
wie Herr Schoberth so einen Bericht verfassen kann. Vor etlichen Jahren war ich Schülerin bei ihm. Sein Unterricht war immer sehr plastisch und interessant. Allerdings konnte man immer spüren, wie seine Meinung zum Nationalsozialismus ist. Und die war komplett anders, als dieses Traktat vermuten lässt.

HansWurschd - 03.02.2012 06:52    (0)   
 

Endlich...
...haben unsere Gutmenschen wieder was zu geifern!

Volltreffer - 03.02.2012 13:13    (0)   
 

Hans,
du bist wurschd. Und DAS ist gut so.

ciao - 02.02.2012 23:18    (0)   
 

Man stelle sich vor: Der Autor Wolfgang Schoberth ist Lehrer für Geschichte am …
´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´
… Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasiums in Kulmbach.

Von welchem Hitler-Fan er wohl das „historische“ Foto („privat“) mit freundlicher Genehmigung zum Abdruck bekommen hat?

MalmDelta - 02.02.2012 23:02    (0)   
 

Die schreiben nur so ...
... wie sie über den KT auch immer schreiben. Man kann deutlich erkennen, worauf bestimmte Pressekampagnen hinzielen. Siehe Steinbach: eigentlich sind die Nationalsozialsisten ja links. Die Ultrarechten sollen wieder salonfähig gemacht werden.

ciao - 02.02.2012 21:56    (0)   
 

Hinzu kommt auch noch - sei es Gedankenlosigkeit, sei es Dummheit - …
´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´´
… dass in diesem journalistischen Traktat das so genannte „historische Präsens“ dominiert:

Soll sich die Leserschaft leichter in das beschriebene Ereignis hinein denken, ja eigentlich sogar hinein FÜHLEN können: die Vorarbeit gar zu einem „historisch-empathischen Event“, wie er heutzutage blauäugig mittlerweile dem „Alten Fritz“, Napoleon in allen Facetten und auch °Kini° Ludwig II. lobhudelig gewidmet wird?

Jedenfalls kommt in diesem Artikel keinerlei kritische Distanz zu Hitlers Auftritt in Kulmbach zum Ausdruck!

Ebenso völlig distanzlos, ja sogar fast „sympathisch“ wirkt auch das Foto mit der dazu gehörenden Unterschrift.

SCHÄMT EUCH !

Oberfranken - 02.02.2012 19:32    (0)   
 

Was für ein Ausflug
Manchmal weiss ich echt nicht mehr was ich von den journalistischen Fähigkeiten dieses Mediums halten soll, zu viele verschieden Redaktionen treiben hier ihr Unwesen.

Eines ist mir nicht klar, was soll dieser Artikel aussagen? Wo finde ich hier eine Stellungnahme zu diesem Ereignis? Bruacht man das Hoch jubeln dieses fragwürdigen Ereignisses und wie toll es war das in Kulmbach so viel braunes Blut floss?

Sollte es der Passus "Unbestreitbar ist, dass der Auftritt Hitlers seine Anhänger beflügelt" sein? Na dann gute Nacht, dann hat sich jemand gewaltig vergaloppiert.

Mit gutem Willen unterstelle ich einmal das der Schreiber selber nicht weiss was er mit diesem Artikel wollte.

Dr_Pflichtfeld - 02.02.2012 21:22    (0)   
 

Danke, ...
... dieser Stellungnahme ist nichts hinzuzufügen.

Kommentieren

Dieses Thema kann nicht kommentiert werden.
Nachrichten aus Ihrer Umgebung
Bad Kissingen Schweinfurt Kitzingen Haßberge Bamberg Erlangen-Höchstadt Forchheim Bayreuth Kulmbach Lichtenfels Coburg Kronach
23.05. 24.05. 25.05. mehr Wetter
Tagsüber sonnig sonnig sonnig
Abend sonnig sonnig sonnig
Nacht sonnig sonnig sonnig

Veranstaltungen inFranken.de

Haben Sie heute schon etwas vor?
Finden Sie aus 2832 Events, Partys und Konzerten Ihre Veranstaltung:
Soziale Netzwerke + Services inFranken.de
E-Paper + Zeitungsarchiv
Die Zeitungsausgaben der letzten zwei Wochen stehen Ihnen mit dem Online-Abo jederzeit, weltweit online zur Verfügung.
Zum E-Paper

Sie suchen einen älteren Zeitungsartikel?
Zum Zeitungsarchiv