Sie brütet nicht über Sorgen

31.08.2010   Von: Corinna Igler  inFranken.de

Behinderung Johanna Strysio ist seit einem Unfall vor 20 Jahren behindert. Viele hatten sie schon aufgegeben. Doch sie hat sich ins Leben zurückgekämpft - mit viel Engagement und nur einem Bein. Vor zehn Jahren gründete sie die Behinderteninitiative mit.


Ihre Beinprothese hat Johanna Stysio angenommen. In den Ordnern befinden sich die Vorträge, mit denen sie Mut machen will. Foto: Corinna Igler
Johanna Strysio ist schlank, groß, hübsch gekleidet und sie lächelt. Heute, mehr als 20 Jahre nachdem das Foto, das in dem roten Album klebt, aufgenommen wurde, lächelt Johanna Strysio wieder. Wieder - denn es gab eine Zeit, da wollte sie nicht lachen, nicht in einen Spiegel schauen.

Das war die Zeit nach dem 4. August 1990: Johanna Strysio ist zusammen mit ihrem Mann Willi auf dem Heimweg. "Mein Strysio", wie sie ihren Mann manchmal nennt, ihn dabei liebevoll anschaut und ihm über den Arm streicht, ist ein Ostpreuße. Seine vornehme Art, hat ihr imponiert, erinnert sie sich. An jenem Sonntag im August will er seiner Frau zeigen, wo er herkommt, die Strecke durch Tschechien, auf der er geflüchtet ist.

"Der kam uns entgegen, fuhr in die Leitplanke. Die ist nicht durchgebrochen, sondern hat das Auto zurück auf die Straße gedrückt, auf die Gegenfahrbahn. Der war betrunken - 2,6 Promille", spricht Johanna Strysio über den Unfallfahrer, der ihnen zwischen Zwiesel und Cham entgegen kommt. Erinnern kann sie sich an den Unfall heute nicht mehr wirklich, ihr Mann hat ihr alles erzählt. Schließlich liegt sie danach siebeneinhalb Wochen im Koma.


"Ich wünschte mir, sie stirbt"


"Ich wünschte mir, sie stirbt", sagt eines ihre 15 Patenkinder, als es die damals 56-Jährige im Krankenbett liegen sieht. Denn es sieht Johanna Stysio unter anderem mit nur einem Bein, das rechte hat sie verloren. Fast ein Jahr verbringt sie in Krankenhäusern, anschließend folgen 13 Wochen Reha.

Ihr Leben ist danach dennoch nicht wie zuvor: Drei Jahre lang kann sie nicht alleine aufstehen, sich nicht selbstständig bewegen, ist auf die Hilfe ihres Mannes angewiesen. "Ich hatte Angst, dass er mich verlässt. Immerhin hab' ich vorher sehr auf mein Aussehen geachtet, mich hübsch gemacht, war groß. Plötzlich hatte ich einen Stumpen und bin klein, wenn ich im Rollstuhl sitze", sagt Johanna Strysio. Doch ihr Willi hält immer zu ihr, unterstützt sie.

Aus ihrer Wohnung im dritten Stock müssen die beiden ausziehen, es gibt keinen Aufzug. Ihre Familie - Johanna Strysio ist das älteste von fünf Kindern - hilft ihr zurück ins Leben. Ihr Bruder und dessen Frau stehen ihr zur Seite, ihre Schwester hilft beim Einrichten der Wohnung. Ein Neffe ist Bauingenieur, baut zum Beispiel das Bad behindertengerecht für Johanna Strysio um.

Eine Psychologin macht Frau Johanna - wie sie früher, als sie noch im Café Helbig bedient hat, von Schülern genannt wurde - Mut. "Ich sollte ein Bild malen , auf dem ich so zu sehen bin, wie ich mich sehe. Ich hab' mich an den Rand gemalt, meine Krücke hat nicht mehr mit auf das Papier gepasst. Da hat die Psychologin gesagt, ich muss es schaffen, wieder in die Mitte zu rücken."


Vorträge


Johanna Strysio hätte sich in den drei Jahren nach dem Unfall oft am liebsten aufgegeben. Ihre Familie hat sie zeitweise schon aufgegeben, wie das Zitat des Patenkindes zeigt. Doch sie kämpft sich zurück: "Man darf nicht über seinen Sorgen brüten, sonst schlüpfen sie", sagt sie und zeigt auf diesen Spruch, der in einer ihrer Mappen abgedruckt ist. Die Mappen - das sind Johanna Strysios Vorträge, in denen sie ihre Behinderung verarbeitet. Mit denen sie anderen Mut macht.

Johanna Strysio, die 42 Jahre lang gearbeitet hat - unter anderem in zwei Einrichtungsgeschäften, im Café Helbig und in der Volkshochschule - gibt sich nicht auf, sondern engagiert sich. 1993 tritt sie dem Behindertenclub bei, danach der Initiative "Mensch zuerst". In der Selbsthilfegruppe Inkontinenz ist sie dabei, 2000 gründet sie zusammen mit Rosemarie Schnappauf und einigen weiteren behinderten Menschen im Landkreis Kronach die Behinderteninitiative, die heute ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Auch dem Verein "Mensch und Wohnen" tritt sie bei, schließlich weiß sie aus eigener Erfahrung, wie schwer es für Behinderte ist, eine gerechte Wohnung in Kronach zu finden.


Engagement hilft


"Das Engagement hat mir geholfen", sagt sie. Geholfen, wieder ins Leben zurück zu finden. Geholfen, ihre Behinderung zu akzeptieren. "Es gibt Menschen, denen es noch schlechter geht, als mir", sagt sie. Und dieser Gedanke motiviert die heute 76-Jährige immer wieder aufs Neue, stark zu sein.

Ihre Beinprothese hat sie angenommen, trägt sie, wenn sie aus dem Haus geht: "Wenn ich die Prothese trage, brauche ich die Krücken. Dann hab' ich zwar keine Hand frei, kann nichts tragen zum Beispiel. Aber manchmal hab' ich Phantomschmerzen, Schmerzen im Bein, in den Zehen. Wenn ich dann mit der Hand taste und da ist nichts, ist das schlimm. Wenn ich aber meine Prothese spüre, ist das, als gehöre sie zu meinem Körper, als wäre sie mein zweites Bein, das gerade schmerzt."


Sie schaut wieder in den Spiegel


Zufrieden sind sie und ihr Mann Willi heute, sagen beide - und das nach 55 Jahren Ehe. Vielleicht haben sie der Unfall und Johanna Strysios Schicksal noch enger zusammengeschweißt.

Johanna Strysio selbst ist zwar heute ein paar Kilo schwerer, als auf dem Bild in dem Fotoalbum, und, wenn sie im Rollstuhl sitzt, auch entschieden kleiner. Doch ihr Lachen hat sie wiedergefunden. Ein Lachen, mit dem sie heute wieder in den Spiegel schaut: "Der lange Flur in der neuen Wohnung hat mir nicht gefallen. Meine Schwester und eine Freundin haben dann gemeint, dass er durch zwei lange Spiegel viel schöner wirken würde", erinnert sich die lebensfrohe Frau, mit den kurzen blonden Haaren und - lächelt.


Behinderteninitiative feiert


Die Behinderteninitiative Kronach feiert heute zehnjähriges Bestehen. Die Initiative mit Sprecherin Rosemarie Schnappauf bemüht sich um die Information der Öffentlichkeit und um Barrierefreiheit. Ein wichtiges Anliegen ist es ihr, zu vermitteln, wie Menschen mit Behinderungen leben.



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