Sie kämpfen um mehr Anerkennung

12.03.2010   Von: Daniela Schütte  inFranken.de

Integration Als Aussiedler haben es die studierten Lehrer Amalia Kraus, Natalia Kulekov sowie Helena und Viktor Neuwert in Deutschland bei der Stellensuche nicht leicht. Weil ihre Diplome nicht anerkannt werden, bleiben ihnen nur Aushilfsjobs.


Helena und Viktor Neuwert haben sich in Kasachstan zu Musiklehrern für Klavier und Waldhorn ausbilden lassen. Weil ihre Diplome in Deutschland aber nur zum Teil anerkannt werden, sind sie gezwungen, in der Fabrik zu arbeiten. Fotos: Daniela Schütte
"In meinem Bereich bin ich Profi". Viktor Neuwert (53) hat Musik studiert, das Waldhorn beherrscht er perfekt. Dennoch findet der ausgebildete Musiklehrer in Deutschland keinen Job. Das Problem: Seine Diplome werden nicht vollständig anerkannt. Viktor Neuwert ist Spätaussiedler, lebte bis zu seinem 42. Lebensjahr in Kasachstan. Und was er dort gelernt hat ist, so scheint es, in Deutschland fast nichts wert. Elmar Jonas von der Migrationsberatung des Diakonischen Werks erlebt solche Fälle häufiger. "Viele Aussiedler sind der Kinder wegen nach Deutschland gekommen um ihnen eine bessere Ausbildung zu ermöglichen. Auf ihre eigene Karriere müssen sie aber verzichten", weiß der Sozialpädagoge. Der Akzent irritiert Arbeitgeber

Auch bei Viktor Neuwert war das so. 1999 zog er mit seiner Frau Helena (53) nach Deutschland. "Für mich war wichtig, meine richtige Heimat zu finden", betont er. Auch wenn er fast sein ganzes Leben in Kasachstan verbracht hat, war er dort immer Deutscher. "Meine Vorfahren sind alle deutsch", berichtet er und klagt: "Jetzt bin ich Russe in Deutschland."Es ist sein russischer Akzent, der viele Bürger irritiert – auch potenzielle Arbeitgeber. Dabei ist Viktor Neuwert in seinem Berufsfeld hoch qualifiziert. "Ich habe zwei Diplome", sagt er stolz. Eines qualifiziert ihn als Orchestermusiker, Leiter eines Laienblasorchesters und Musikschullehrer für Waldhorn. Das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst erkannte die Leistungen an – stufte sie aber nur mit denen eines Absolventen der Berufsmusikschule gleich – wenngleich die Ausbildung von Viktor Neuwert viel länger und intensiver war. Das zweite Diplom, für das er weitere fünf Jahre studierte, ist für den 53-Jährigen in Deutschland dagegen absolut wertlos: Das Staatsministerium verweigert die Anerkennung. "Vielleicht liegt es daran, dass ich die falsche Geschichte studiert habe?", fragt sich Viktor Neuwert. Denn neben der Musiklehre stand zum Beispiel auch kommunistische Philosophie auf dem Stundenplan. Die Musik ist nur noch Hobby

Auch seine Frau Helena hat in Kasachstan Musik studiert. In Deutschland dürfte sie Klavierunterricht an einer Kindermusikschule geben oder als Konzertmeisterin arbeiten – theoretisch. Denn als Viktor und Helena Neuwert nach Deutschland kamen, befanden sich ihre beiden Kinder gerade mitten in der Ausbildung. "Wir hatten Angst, ohne Arbeit zu bleiben", erzählt Viktor Neuwert. Als Hilfsarbeiter sicherten sich die Eheleute ihr Überleben, und auch heute arbeiten die beiden studierten Musiker noch in der Fabrik. "Die Musik ist momentan unser Hobby", sagt Viktor Neuwert. In ihrer Freizeit gehen er und seine Frau in ihrem Talent auf – und finden bei Konzerten im Kreis Kronach, aber auch darüber hinaus, großen Zuspruch. Mit Putzen hält sie sich über Wasser

"Da sind qualifizierte Leute, deren Potenzial einfach nicht genutzt wird", ärgert sich Sozialpädagoge Elmar Jonas. Denn auch die gebürtige Kasachin Natalia Kulekov kann mit ihren Qualifikationen auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen. Die 49-Jährige hat Mathematik und Physik studiert. In ihrem Heimatland könnte sie als Lehrerin arbeiten. In Deutschland wird ihr Diplom jedoch nur als erstes Staatsexamen anerkannt. Natalia Kulekov müsste, um in einer deutschen Schule unterrichten zu dürfen, zunächst das Referendariat nachholen. Dafür reichen aber ihre Sprachkenntnisse nicht aus. Sie müsste zunächst einen speziellen Kurs an der Universität besuchen – und sich anschließend gegen deutlich jüngere Mitbewerber durchsetzen. Und da rechnet sich die gebürtige Kasachin keine großen Chancen aus. Um ihr Wissen in der Praxis zumindest ein wenig anwenden zu können, hilft sie in der Mittagsbetreuung an einer Grundschule aus, unterstützt dort Schüler bei den Mathe- und Physikhausaufgaben. Weil diese Stelle aber nur auf Honorarbasis läuft, war die 52-Jährige gezwungen, sich eine weitere Einkommensquelle zu suchen: Mit dem Geld, dass sie als Putzfrau hinzuverdient, kann sich die studierte Lehrerin zumindest über Wasser halten. Erst mit sieben Jahren lernte sie Russisch

Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache hat Amalia Kraus (52) zwar nicht, die Probleme von Natalia Kulekov sind der Deutschlehrerin jedoch nicht fremd. Aufgewachsen in einem deutschen Dorf mitten in Sibirien war Deutsch ihre Muttersprache. "Als ich dann mit sieben Jahren in die Schule kam, konnte ich zunächst kein Wort Russisch", erinnert sie sich. Später entschied sich Natalia Kulekov, ihre Deutschkenntnisse weiter zu vertiefen – und studierte Deutsch und deutsche Literatur. "Das war so dumm", sagt die 52-Jährige heute. "Hätte ich doch Deutsch und Englisch oder Deutsch und Französisch gewählt – dann könnte ich heute wenigstens Englisch oder Französisch unterrichten." Denn in Deutschland will sie trotz ihrer guten Sprachkenntnisse niemand einstellen. In Steinwiesen, Nordhalben und Kronach unterstützte sie zunächst Aussiedlerkinder bei ihren Hausaufgaben, allerdings tat sie dies wie auch Natalia Kulekov ausschließlich freiberuflich. Ab 2002 arbeitete sie dann für verschiedene Integrationsprojekte des Diakonischen Werks, das letzte endete im Oktober 2009. Nun ist Amalia Kraus wieder auf Arbeitssuche. "Das Problem ist, dass wir hier im ländlichen Raum sind. Da gibt es nicht so viele Möglichkeiten, in einer bestimmten Position tätig zu sein", erklärt Elmar Jonas. Dabei wollen Helena und Viktor Neuwert, Natalia Kulekov und Amalia Kraus nur eines: "Arbeiten, gebraucht werden – und dazugehören." Migrationsberatung: Ansprechpartner sind Elmar Jonas (Telefon: 09261/95371, E-Mail: jonas@migration-kronach.de) und Gerd Weickert (Telefon: 09261/620862, E-Mail: weickert@migration-kronach.de). Sprechzeiten: Elmar Jonas und Gerd Weickert haben ihr Büro in der Maximilian-von- Welsch-Straße 3 in Kronach, wo auch die Sprechzeiten stattfinden: Montag von 9 bis 12.30 und 13.30 bis 16.30 Uhr (Jonas), Dienstag von 9 bis 12.30 Uhr (Jonas), Mittwoch von 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr (Weickert), Donnerstag von 9 bis 12.30 und 14 bis 16.30 Uhr (Jonas) bzw. 9 bis 17 Uhr (Weickert) sowie Freitag von 10 bis 13 Uhr (Weickert). Montags gibt es außerdem von 14 bis 16 Uhr ein Beratungsangebot im Rot Kreuz Raum des Küpser Rathauses. Die Migrationsberater sind dort unter Telefon 09264/6845 erreichbar. Um Anmeldung wird gebeten.



Drucken Artikel Versenden Abo bestellen
Stichworte zum Thema Beruf | Integration | Aussiedler | Qualifikation
 

Weitere Artikel zum Thema suchen



Alternative Suche im Zeitungsarchiv
Hinweis: für Epaper-Abonnenten kostenlos


Kommentare


Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Kommentieren


Titel:
Text:
 
(noch Zeichen)

Unregistrierte Nutzer
 
 

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:
Kundennummer:
Anrede:
Frau Herr  
Vorname:
Nachname:
Zusatz (z.B. Firma):
Straße/Hausnr.:
PLZ/Ort:
Ich bin mit den AGB und der Netiquette einverstanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Wieviel ist 3 + 4 + 6: 




Nachrichten aus Ihrer Umgebung
Bad Kissingen Schweinfurt Kitzingen Haßberge Bamberg Erlangen-Höchstadt Forchheim Bayreuth Kulmbach Lichtenfels Coburg Kronach
Aktuelle Angebote

Veranstaltungen inFranken.de

Haben Sie heute schon etwas vor?
Finden Sie aus 2915 Events, Partys und Konzerten Ihre Veranstaltung:
Soziale Netzwerke + Services inFranken.de
E-Paper + Zeitungsarchiv
Die Zeitungsausgaben der letzten zwei Wochen stehen Ihnen mit dem Online-Abo jederzeit, weltweit online zur Verfügung.
Zum E-Paper

Sie suchen einen älteren Zeitungsartikel?
Zum Zeitungsarchiv