Theater um das Theater

09.02.2012   Ort: Würzburg  Von: Pat Christ  Die Kitzinger

Bilanz Stadträte üben harsche Kritik an der Theaterintendanz.


Wie provokativ darf Theater sein? Über diese Frage wurde im Werkausschuss des Würzburger Stadtrats heftig gestritten. Foto: pc
Wie kann man das Mainfranken Theater optimieren? Angesichts rückläufiger Besucherzahlen sorgte diese Frage am Mittwochabend im Theaterausschuss des Würzburger Stadtrats für äußerst kontroverse Diskussionen zwischen Theaterleitung, Kulturreferat und den Ausschussmitgliedern.
Rund 140 000 Menschen besuchen derzeit das Theater im Jahr. Anfang der 1990er Jahre waren es noch 200 000. Sorgen macht dem Ausschuss die bei einigen Produktionen schlechte Einspielquote von unter 50 Prozent im Großen Haus.
CSU- und FDP-Mitglieder interpretierten die teilweise sehr schlechte Auslastung als Quittung des Publikums für eine Theaterleitung, die künstlerisch allzu Gewagtes akzeptiert. Im Mittelpunkt der Kritik standen die umstrittene Inszenierung der Operette "Die Lustige Witwe" sowie das Schauspiel "Kein schöner Land". Dass ausgerechnet eine beliebte Operette bis zur Unkenntlich "verfälscht" worden sie, habe das Publikum frustriert. "Die Menschen fragen sich, was wohl als nächstes verunstaltet wird", sagte CSU-Stadträtin Dr. Christine Bötsch. Eine Aussage, die bei Intendant Hermann Schneider auf scharfe Kritik stieß: "Dass bei uns Stücke ‚verunstaltet' werden, das lasse ich nicht auf mir sitzen."
Ein weiterer Satz von Bötsch stieß dem Theaterchef auf. Die Stadträtin hatte appelliert, nicht nur "für eine begrenzte Anzahl intellektueller Leute" Theater zu machen. Angesichts von 140 000 Zuschauern könne davon keine Rede sein, so Schneider. Ihm zufolge liegt dem Theater auch keineswegs daran, "nur für eine Handvoll Intellektueller" zu produzieren: "Wir sind auf Erfolg erpicht." Was jedoch auch künstlerisch, nicht ausschließlich quantitativ zu verstehen sei: "Wir haben einen Kulturauftrag. Es kann nicht unser ausschließliches Ziel sein, dass die Bude voll ist."
Kein Zweifel ließ Hermann daran, dass es eine große Herausforderung darstellt, im "Resonanzraum Würzburg" Theater zu machen.
Angesichts der tiefen Sinnkrise, in der die katholische Kirche 2010 wegen der aufgedeckten Missbrauchsfälle steckte, baute das Produktionsteam des Stücks "Kein schöner Land" provozierende, die Kirche persiflierende Szenen in ihr Schauspiel ein. Das habe ihm, so Schneider im Werkausschuss, "Dutzende empörter Briefe" christlicher Theaterbesucher beschert. Die Stadträte wiederum wunderten sich, warum Schneider Stücke mit solchen Szenen überhaupt zulässt. "Mein Job ist es, Kunst zu ermöglichen", betonte der Intendant, über diesen Vertragsverlängerung nach 2013 im Anschluss an die öffentliche Sitzung nichtöffentlich beraten wurde. "Ich bin nicht die oberste Zensurbehörde."
Treue Fußballfans seien immer zur Stelle, um ihren Verein zu unterstützen, warf Würzburgs Kulturreferent Muchtar Al Ghusain ein: "Es darf auch einmal eine Heimniederlage geben. Die Fans glauben dennoch weiter an ihre Mannschaft." So, würde er sich wünschen, sollten auch die Theaterfans aus Würzburg und Umgebung an "ihr" Mainfranken Theater "glauben".
Dass es bei jeder Vorstellung positive oder negative Überraschungen geben könne, liege am Charakter des Theater: "Theater ist kein industriell gefertigtes Produkt." Dass die künstlerischen Vorstellungen des Produktionsteams mitunter nicht mit denen des Zuschauers übereinstimmen, auf dieses "Risiko" müsse sich jeder Besucher einlassen.
Ohne weitere Einwände wurden im Anschluss die für die neue Spielzeit vorgesehenen Tragödien, Opern und Ballettaufführungen zur Kenntnis genommen. Unter dem Motto "Macht Spiele" wird es 2012/2013 zehn Produktionen im Musiktheater, vier Schauspiel-Produktionen im Großen Haus, fünf Schauspiele in den Kammerspielen, zwei Kinderstücke sowie ein Klassenzimmerstück geben. Daneben stehen in der neuen Spielzeit mehrere Konzerte, das Theaterfest sowie die Kinder- und Jugendtheatertage auf dem Programm. Auch einen Poetry Slam wird es wieder geben. Der hatte in der aktuellen Spielzeit bei einer Auslastungsquote von 85 Prozent knapp 2800 Euro eingebracht.


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