Mit den Händen sprechen
21.02.2012
Ort: Sulzfeld ![]()
Tag der Muttersprache Jedes Baby lauscht, wenn sich seine Eltern unterhalten. Es lernt erst Wort für Wort, später ganze Sätze. Schon bald kommen die Betonungen hinzu. Eine Satzmelodie entsteht. Aus den Buchstaben wird eine Symphonie, die Muttersprache genannt wird.
Obwohl seine Eltern ihn mithilfe logopädischer Übungen in der Lautsprache erzogen, blieben viele Begriffe für ihn leere Hüllen. "Ich fühlte mich deshalb oft isoliert, weil ich den Inhalt vieler Wörter nicht verstanden habe." Wie sollte er auch? Das Hören spielt beim lernen der eigenen Sprache eine immens wichtige Rolle. Thein musste darauf verzichten und war auf seine Augen angewiesen. Leichter fiel es ihm, wenn er sich einiger grundlegender Gebärden bedienen konnte.
Zuerst ging er in einen normalen Kindergarten, "aber der Kontakt zu hörenden Kindern war schwierig". Selbst im Kindergarten für Gehörlose wie auch später in der Gehörlosenschule in Würzburg wurde ausschließlich auf die Lautsprachlichkeit Wert gelegt. Schwer sei das gewesen, "aber zumindest in den Pausen haben wir Kinder uns in Gebärdensprache unterhalten".
"Die Minderheit muss sich anpassen"
Die lautsprachliche Erziehung sei lange Zeit die geltende Lehrmethode gewesen, erklärt Uta Schmitgen vom Sozialdienst für Hörgeschädigte beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Unterfranken: "Der Tenor war, dass sich die Minderheit der Mehrheit anpassen muss." Von Nachteil sei, dass das Lernen für Gehörlose dadurch sehr schwer ist. "Es ist so, als würden Hörende in einer Fremdsprache unterrichtet", fügt sie hinzu. "Deswegen ist es auch meine persönliche Meinung, dass die Gebärdensprache zwingend zur Bildung Gehörloser dazu gehören muss." Dennoch sei es wichtig, dass die Gehörlosen neben der Gebärden- auch die Lautsprache beherrschen, "denn sie sind Teil einer Gesellschaft, die weitestgehend lautsprachlich spricht."
"Ich bin meinen Eltern dankbar dafür, dass sie mich lautsprachlich erzogen haben", sagt Elmar Thein. So kann er sich heute mit Leuten unterhalten, die keine Gebärdensprache beherrschen. Dabei muss er aber von den Lippen ablesen, was ihn sehr viel Kraft kostet: "Nach zehn, fünfzehn Minuten ist die Konzentration weg", sagt er. Deshalb bezeichnet Thein den Moment, den er 1993 erlebt hat, als die eigentliche "Entdeckung seiner Muttersprache". Auf den Kulturtagen der Gehörlosen in Hamburg erlebte er zum ersten Mal die Deutsche Gebärdensprache (DGS). "Ich war fasziniert. Plötzlich verstand ich viel mehr, als vorher."
Amtssprache erst seit 2002
Bei der DGS spielen neben den Gebärden die Körpersprache und die Mimik eine wichtige Rolle. Die Grammatik unterscheidet sich grundlegend von der der Lautsprache. Beispielsweise werden Artikel - wie der, die oder das - nicht gebärdet. Durch diese Vereinfachungen können Gehörlose auch über einen langen Zeitraum gut folgen.
"Schon 1993 habe ich in Hamburg dafür demonstriert, dass die DGS als Amtssprache anerkannt wird", sagt Thein stolz. Dieses Ziel wurde 2002 erreicht. "Vorher war es anscheinend nicht wichtig, ob Gehörlose beispielsweise bei einer standesamtlichen Hochzeit verstanden hatten, was gesagt wurde", sagt Schmitgen.
Heute können sich alle Gehörlosen einen Dolmetscher beim Paritätischen Wohlfahrtsverband in Würzburg bestellen, wenn sie Amtsgänge erledigen müssen. Insgesamt sechs Übersetzer gibt es in Unterfranken. "Es wäre schön, wenn es mehr Dolmetscher gäbe", sagt Thein.
Inzwischen hat sich eine eigene Kultur der Gehörlosen entwickelt. Elmar Thein hat Theater gespielt und singt in einem Gehörlosenchor. Das Internet erleichtert ihm den Kontakt zu anderen Hörgeschädigten: Durch eine Videokonferenz kann Thein sich mit anderen Gehörlosen unterhalten. In seiner Muttersprache - der DGS.
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