Mit dem Ohr ganz nah am Menschen

17.07.2011   Ort: Kitzingen  Von: Diana Fuchs  Die Kitzinger

Ärztemangel Eine angehende Internistin macht sich Gedanken über ihren Berufsstand. Warum wollen viele junge Fachärzte nicht in Krankenhäusern arbeiten?


Dr. Sabrina Ott hört genau hin. Foto: Diana Fuchs
Ihre feingliedrigen Finger haben das Stethoskop fest im Griff. Sabrina Ott lächelt aufmunternd, ehe sie dem Patienten das kühle Metall auf die Brust setzt. Der Mensch, der vor ihr liegt, soll Vertrauen zu ihr haben - das ist der angehenden Fachärztin für Innere Medizin wichtig. Deshalb erklärt die 32-Jährige genau, was bei der Untersuchung passiert. Ruhig und konzentriert geht sie ans Werk. Sie kann sich in diesem Moment keinen anderen Beruf vorstellen als den der Klinik-Fachärztin.
Vielen ihrer Kollegen ging es einst ähnlich - inzwischen aber sind sie Hausärzte geworden oder haben ihr Können in den Dienst der Wissenschaft gestellt. "Der Fachärztemangel ist hierzulande ein Riesenproblem", sagt Eugen Reifenscheid, Vorsitzender des Personalrates der Klinik Kitzinger Land. "Regionale Ausschreibungen bringen fast gar nichts. Inzwischen geben auch wir in Kitzingen viel Geld aus, um überregional auf uns aufmerksam zu machen." Speziell Neurologen und Fachärzte für Innere Medizin würden gesucht, bald auch Fachärzte für Anästhesie und Gynäkologie.
Klinik-Vorstand Klaus Rihm bestätigt, dass aktuell je zwei Weiterbildungsstellen in den Abteilungen Innere Medizin und Chirurgie frei sind - letztere werden jedoch in Kürze durch zwei Fachärzte besetzt; für die Innere Medizin laufe die öffentliche Ausschreibung. "Von einem generellen Fachärztemangel kann in Kitzingen nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Mit 60 Prozent ist der Anteil überdurchschnittlich. Wenn aber mehrere Ärzte rasch hintereinander ihre Weiterbildungszeit beenden, entstehen Lücken, die zu schließen heute schwieriger ist als früher." Mehr Bewerber wären schon wünschenswert.
Assistenzärztin Sabrina Ott ist vor fünf Jahren, direkt nach dem Medizin-Studium, an die Klinik Kitzinger Land gekommen. Sie will noch heuer die Facharztprüfung absolvieren. Sie kennt Nacht- und Schichtdienst, Überstunden und all die anderen aufreibenden Aufgaben, die so manchen Klinikarzt im Lauf der Zeit die Segel streichen lassen. "Ich hatte Kollegen, die sich nach zehn, 15 Jahren Nacht- und Wochenend-Einsatz selbstständig gemacht haben." In der eigenen Praxis oder angestellt bei einem niedergelassenen Arzt absolvieren sie zwar auch Nachtschichten über die Kassenärztliche Vereinigung, aber keine vier bis sechs pro Monat.
Nur an Spezialkliniken kann man bestimmte Zusatzqualifikationen erwerben. "Kollegen sind an onkologische, gastro-enterologische oder Lungenfachkliniken gegangen." Andere folgten dem Lockruf einer akademischen Karriere. Je nach Spezialisierung, hofft mancher wohl auch auf mehr Gehalt.
Sabrina Ott weiß dagegen ihr festes Klinikgehalt zu schätzen. Doch auch sie wird Kitzingen den Rücken kehren: "Anfang 2012 wechsle ich für eine intensivmedizinische Weiterbildung an eine andere Klinik." Nach der Zusatzausbildung will sie aber gern zurückkommen, denn: "In einer Praxis sehe ich mich, zumindest vorerst, nicht."
Das Team in Kitzingen, den Austausch mit Kollegen, auch anderer Fachrichtungen, bezeichnet die angehende Internistin als erstklassig. Auch das für die Klinik-Größe "überdurchschnittlich große Spektrum an Behandlungsfeldern" reize sie sehr. "In Kitzingen wird einem nichts erschwert, man darf alles lernen. Das ist ein großes Plus."

Wunsch: Mehr Zeit für Patienten


Dieses Plus überzeugt trotzdem nicht alle Fachärzte vom Krankenhausdienst. Der politische Ansatz, den Zuzug ausländischer Mediziner zu erleichtern, könne "vielleicht in akuten Notsituationen helfen", meint Ott. Doch was hilft auf Dauer?
Die Ärztin eruiert: "Generell sind die Anforderungen an unseren Beruf sehr hoch: vom Umgang mit Kranken und Sterbenden über den Schichtdienst bis hin zu der Tatsache, dass heute alles in rasender Geschwindigkeit funktionieren soll." Genug Zeit für jeden Patienten zu haben - dies bleibe oft ein Wunsch. "Das ist auch ein politisches Problem", forciert durch das seit acht Jahren bestehende DRG-System, nach dem Krankenhäuser Patientenbehandlungen als "Fallpauschalen" abrechnen müssen. "Oft trägt man Fälle mit sich nach Hause."
Den emotionalen Umgang mit den vielen Krankheits- und Lebensgeschichten lerne man nicht an der Uni. Für manche sei die seelische Belastung sicher auch ein Grund, den Krankenhausdienst zu quittieren.
Bei Sabrina Ott besteht diese Gefahr kaum. Ihr Mann, von Beruf Psychologe, hat immer ein offenes Ohr. Anderen Ärzten nützt das freilich nichts. "Den", sagt Sabrina Ott verschmitzt, "geb´ ich nicht her."




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