In Stein gemeißelte Erinnerung

21.11.2011   Ort: Mainbernheim  Von: Marianne Kehrer  Die Kitzinger

Gedenken Die Familie Hausmann lebte einst in Mainbernheim - bis sie als Juden vertrieben und umgebracht wurden. Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erinnern in ganz Europa an solche Schicksale, jetzt auch in Mainbernheim.


Mit der Verlegung von drei gravierten Steinen erinnert die Stadt Mainbernheim seit Freitag an die letzten jüdischen Mitbürger, die zur Nazi-Zeit aus Mainbernheim wegdeportiert und ermordet worden waren. Marianne Kehrer
Eine ganz normale Schulklasse im Jahr 1937. In der vordersten Reihe auf dem Klassenfoto sitzt ein siebenjähriger Mainbernheimer Junge zwischen seinen Schulkameraden - er heißt Heinz Hausmann. Ein Jahr später, am 9. November 1938, wird der kleine Heinz aus der Schule gejagt. Er hat nichts angestellt, seine Familie gehört lediglich dem jüdischen Glauben an. Schulkameraden von damals können sich noch erinnern, wie der Junge an diesem Tag weinend durch das Städtchen nach Hause in die Klostergasse 10 gelaufen war und die Familie in der Folgezeit immer mehr Ausgrenzung erfahren musste. Am 29. November 1941 wurden die Hausmanns schließlich zunächst nach Nürnberg und von dort in das Konzentrationslager nach Riga Jungfernhof deportiert. Heinz durfte seinen zwölften Geburtstag im April 1942 nicht mehr erleben. Er wurde am 26. März gemeinsam mit seiner kleinen Schwester Rosi bei der "Aktion Dünamünde" unter Leitung der Sicherheitspolizei im Wald von Bikernieki erschossen. Ihr Vater, der Viehhändler Siegmund Hausmann fand im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig den Tod.
Nach Arbeiten in Wertheim, Mainstockheim und Kleinlangheim kam der Kölner Bildhauer Gunter Demnig am Freitag ein weiteres Mal auch nach Mainbernheim, um auf Einladung der Stadt im Rahmen seines Kunstprojektes "Stolpersteine" drei Gedenksteine in den Asphalt vor dem Anwesen in der Klostergasse 10 einzulegen. Sie sollen an das Schicksal des Jungen und seiner Familie erinnern. Mit der Verlegung der letzten drei Gedenksteine hat die Stadt Mainbernheim gemeinsam mit dem SPD-Ortsverein einen weiteren Schritt zur Aufarbeitung ihrer Vergangenheit unternommen. Insgesamt ein Dutzend Stolpersteine halten in dem Städtchen nun das Gedenken an das Unrecht wach, das Mitbürger zur NS-Zeit erleiden mussten.
"Wir wollen dazu stehen, nicht im Verborgenen handeln", sagte Mainbernheims Bürgermeister Karl Wolf. Dabei gehe es nicht um Schuldzuweisung, wie aus den Reihen der etwa zwölf anwesenden Bürger, darunter Zeitzeugen der damaligen Ereignisse, zu hören war. Vielmehr gehe es darum, die Erinnerungen im Sinne künftiger Generationen wachzuhalten. So verziehen die Anwesenden auch die etwa einstündige Verspätung des Künstlers, die daher rührte, dass kurz zuvor in Mainstockheim nicht wie geplant alle Steine zügig verlegt werden konnten.
Insgesamt hat Demnig im Rahmen seines nicht unumstrittenen Projektes seit 1996 inzwischen mehr als 32 000 der mit einer verankerten Messingplatte versehenen Betonsteine verlegt, seit einiger Zeit auch europaweit. Dabei ist ihm wichtig, dass das Andenken nicht ausschließlich jüdischen Mitbürgern, sondern allen Opfern von Willkür und Gewalt wie politisch Verfolgten, Homosexuellen, Euthanasieopfern und anderen Minderheiten gilt. Die Initiative zur Verlegung der Steine komme stets aus den Orten selbst oder von Angehörigen der Opfer, so Demnig. Und so ist sein Terminkalender voll. Bis zu einem Jahr Wartezeit müssen Anfragende einplanen, die Stadt Mainbernheim hatte bereits im Frühjahr diesen Jahres ihre Anfrage gestellt. Die Aktion "Stolpersteine" gilt als weltweit größtes dezentrales Mahnmal.



Drucken Artikel Versenden Abo bestellen
 

Weitere Artikel zum Thema suchen



Alternative Suche im Zeitungsarchiv
Hinweis: für Epaper-Abonnenten kostenlos


Kommentare

Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Kommentieren


Titel:
Text:
 
(noch Zeichen)

Unregistrierte Nutzer
 
 

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:  *
gewünschtes Passwort:  *
Wiederholung Passwort:  *
E-Mail:  *
Kundennummer:
Anrede:
Frau Herr  
Vorname:
Nachname:
Zusatz (z.B. Firma):
Straße/Hausnr.:
PLZ/Ort:  *
Ich bin mit den AGB einverstanden.:  *


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Wieviel ist 10 - 3: 




Nachrichten aus Ihrer Umgebung
Bad Kissingen Schweinfurt Kitzingen Haßberge Bamberg Erlangen-Höchstadt Forchheim Bayreuth Kulmbach Lichtenfels Coburg Kronach
23.05. 24.05. 25.05. mehr Wetter
Tagsüber wolkig heiter sonnig
Abend heiter heiter sonnig
Nacht heiter sonnig sonnig
Kliniken in der Region
Kliniken in der Region

Der heiße Draht DIE KITZINGER

Sie haben Fragen und Anregungen zu Ihrer DIE KITZINGER? Dann wenden Sie sich doch direkt an die zuständige Abteilung 

Direkt-Kontakte
Jugendinnovationspreise 2010
Ihre Meinung zählt
Haben sie Fragen, Anregungen oder Tipps zu inFranken.de? Dann schreiben Sie uns bitte. Denn ihre Meinung zählt!
Hier geht es zum Formular

Veranstaltungen inFranken.de

Haben Sie heute schon etwas vor?
Finden Sie aus 2832 Events, Partys und Konzerten Ihre Veranstaltung:
E-Paper + Zeitungsarchiv
Die Zeitungsausgaben der letzten zwei Wochen stehen Ihnen mit dem Online-Abo jederzeit, weltweit online zur Verfügung.
Zum E-Paper

Sie suchen einen älteren Zeitungsartikel?
Zum Zeitungsarchiv