Gesichter machen Geschichte lebendig
28.06.2010
Von: Tanja kaufmann ![]()
Ausstellung Es ist nur die Geschichte einer Familie, und doch erzählt eine neue Ausstellung in der Synagoge Memmelsdorf (Gemeinde Untermerzbach) zugleich die Geschichte der Juden in Franken, von Glauben, friedlicher Koexistenz und Wohlstand, von Leid, Unterdrückung, Deportation und Mord, aber auch von einem Neuanfang in der Fremde.
Exempel für das Grauen
Manchmal ist es notwendig, dass Geschichte ein Gesicht bekommt. In der Synagoge in Memmelsdorf sind bis zum 1. August die Gesichter und Lebensläufe der Familie Kahn zu sehen, die einst hier ihre Heimat hatte und deren Familiengeschichte symptomatisch das Grauen des Nationalsozialismus widerspiegelt.
Auf die Suche nach den Spuren der Familie Kahn haben sich Doris Barth und Almuth David gemacht, die im Zuge einer anderen Ausstellung über Jüdische Lebenswege im Münchner Westen auf den Namen gestoßen waren. Ihre Nachforschungen im Laufe der Zeit ergaben eine derartige Fülle an Material, die die Münchner Ausstellung sprengte und (in Zusammenarbeit mit dem Institut für zukunftsweisende Geschichte München und Dr. Bernhard Schoßig) eine eigens konzipierte ergab: Ein umfassendes Porträt der Familie Kahn über sechs Generationen.
Mit dem Porträt der Kahns, das das integrierte und harmonische Leben des Landjudentums im ausgehenden 19. Jahrhundert ebenso zeigt, wie die menschenverachtende Herrschaft der Nationalsozialisten und ihre Auswirkungen auf eine einzelne Familie, bekommen Zahlen und Statistiken eine ganze Reihe von Gesichtern. Das von Selig Kahn beispielsweise, inmitten seiner Familie, umgeben von seinen Kindern an der Treppe des Memmelsdorfer Hauses, heute Judengasse Nummer 5. Ein Bild aus dem Leben, fotografiert etwa um 1918, als die Söhne aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt waren, in dem sie als Deutsche ihr Leben riskierten. Das Foto hat eine abenteuerliche Reise hinter sich: Es wurde 1936 nach Holland gerettet, 1939 nach Palästina gebracht und in Kopie von Seligs Enkel Siegbert Kahn an Cordula Kappner während einer Israel-Reise übergeben; nun ist es nicht nur Aufhänger einer bemerkenswerten Ausstellung, sondern für die Nachkommen ein einmaliges und bislang noch nie gesehenes Andenken an die Ahnen im fränkischen Memmelsdorf.
Gesichter und Geschichten
Die Ausstellung zeigt Gesichter und Geschichten, die ihrerseits durch die unterschiedlichen Gefühle und Gedanken der Besucher geprägt und immer wieder neu rezipiert werden, wie Hansfried Nickel, Vorsitzender des Träger- und Fördervereins der Synagoge, in seiner zweisprachigen Begrüßung bemerkt. Zweisprachig deshalb, weil mit Julie Kahn und ihren Töchtern aus den USA und Manfred Kahn aus den Niederlanden leibhaftige Nachfahren der Memmelsdorfer Familie in die Heimat ihrer Urgroßeltern zurückgekehrt sind, um die Ausstellung zu sehen. Es gibt der Ausstellung ein ganz besonderes Gewicht, die Enkelin von Simon Kahn und den Enkel von Hugo Kahn, zweier der fünf Söhne von Salomon Selig und Marie Kahn, in der Synagoge zu erleben. In perfektem Deutsch spricht schließlich Manfred Kahn zu den Besuchern, dessen Großvater Hugo bis 1908 hier in Memmelsdorf aufgewachsen ist, wo der Enkel selbst bislang noch nie gewesen war. Dankbar zeigt sich Kahn für die Familienzusammenführung, zu der durch die Recherche der beiden Autorinnen Verwandte in Amerika, Israel und den Niederlanden ausfindig gemacht worden sind. "Jetzt lebt die Familie für mich!", bekennt Manfred Kahn in bewegenden und bewegten Worten. Musikalisch bewegen zur Ausstellungseröffnung die fränkisch-jiddischen Weisen, Musik aus Amerika und Israel, die ihrerseits dargeboten von der Gruppe "Intermusica" die Familien- und Volksgeschichte lebendig und authentisch werden lässt.
Die Ausstellung
Die Ausstellung, die noch bis zum 1. August in der Synagoge in Memmelsdorf zu sehen ist, dokumentiert am Beispiel der Familie Kahn die Lebensbedingungen von Landjuden in Thüringen und Franken im 19. und 20. Jahrhundert. Darüber hinaus zeigt die Dokumentation viele individuelle Schicksale der Familiengeschichte, die exemplarisch stehen für viele, die ihre jüdischen und dörflichen Gemeinden verlassen mussten: Emigranten und Kaufleute, die sich Existenzen in Amerika und in der Großstadt aufbauten, Deportierte und Ermordete während der Naziherrschaft, aber auch Auswanderer, die in Israel, den USA und den Niederlanden neue Existenzen gründeten.
Die Ausstellung kann jeden Sonntag von 13 bis 17 Uhr und jeden Dienstag von 13 bis 16 Uhr besucht werden; Ausstellungsführungen durch die Autorinnen Doris Barth und Almuth David werden am Sonntag, 11. Juli und am Sonntag, 1. August, jeweils von 14.30 bis 16.30 Uhr angeboten.
Ein Aufruf zum Schluss
Gesucht werden Bilder von Trina Kuttner, geb. Kahn (1860-1943), Schwester von Selig Kahn, die 1878 aus Memmelsdorf nach New York emigrierte, dort 1887 heiratete, irgendwann nach Deutschland zurückkehrte,
1914 in Berlin lebte, nach 1918 zurück nach Memmelsdorf/Ufr. ging, um ihrem seit 1918 verwitweten Bruder Selig Kahn den Haushalt zu führen. Sie lebte bis anfang 1939 wieder in Memmelsdorf, zog dann wegen des zunehmenden Antisemitismus nach München. Von dort wurde sie nach Theresienstadt deportiert und 1943 ermordet. Fotos nimmt der Trägerverein Synaoge Memmelsdorf dankend entgegen.
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