Uwe Steimle steht für wunderbare Ostalgie
03.03.2011
Ort: Haßfurt Von: Ulrike Langer ![]()
Kabarett Der Dresdner Kabarettist und "Polizeiruf"-Schauspieler gastierte in der Stadthalle. Als bekennender Dialektsprecher flogen ihm in Franken die Herzen nur so zu. Seine Vorstellung in Haßfurt begeisterte die Besucher mit seinem Programm "Uns fragt ja keener".
Auch Franz Wölfl aus Haßfurt ist ein Fan dieses schrägen Denkers. Er findet den Schauspieler und Kabarettisten Uwe Steimle "ganz groß". Wölfl ist begeistert, dass Steimle, auch bekannt als Polizeiruf-Kommissar, nach Haßfurt gekommen ist. Wenn man bedenke, wo Steimle sonst auftrete, meinte der Haßfurter Buchhändler vielsagend. "Mir gefällt es, wie ernst er den Dialekt als eigene Sprache nimmt und dass er nicht nur Sächsisch spricht, sondern auch das Publikum nach dem fränkischen Pendant zu einem sächsischen Ausdruck fragt."
Uwe Steimle ist ein gefragter Mann: In dem Kinofilm "Sushi in Suhl" über das legendäre japanische Restaurant "Waffenschmied" spielt er die Rolle des Restaurantbesitzers Rolf Anschütz. Der Streifen kommt 2012 in die Kinos.
Der Sachse spricht bestes Hochdeutsch
Steimle ist auf Einladung des Kulturamts Haßfurt mit seinem Programm "Uns fragt ja keener" in die Kreisstadt gekommen. Er spricht den Abend über waschechtes Sächsisch, zitiert am Ende jedoch in reinem Hochdeutsch ein Gedicht von Joseph von Eichendorff. Denn er bietet mehr als Kabarett. Er hält ein Plädoyer für die deutsche Sprache und all ihre Dialekte. Denn Dialekte sind für Uwe Steimle Heimat und gehören zu den letzten Rückzugsgebieten. "Wer dem Volk die Sprache nimmt, bricht ihm das Rückgrat. Unser Ziel muss sein, alle Dialekte so zu sprechen, bis uns keiner mehr versteht. Nicht mal die in Brüssel", sagt er.
So wird die szenische Lesung aus dem Buch "Uns fragt ja keener" auch zum sächsischen und fränkischen Sprachkurs. "Fragen Sie nach, wenn Sie etwas nicht verstehen, wir sind ja unter uns", fordert er seine Zuhörer auf, und da nimmt man das Angebot tatsächlich an. Denn Uwe Steimle macht einen äußerst sympathischen Eindruck und wird von Anfang an herzlich aufgenommen. Das Sächsische ist kein Hindernis, vielmehr Zeichen der Zusammengehörigkeit. Denn auch die Franken im Publikum lieben ihre Dialekte und bringen Uwe Steimle so manchen Begriff näher.
Erst mal Denken vor dem Sprechen
Doch der Kabarettist wirbt nicht nur für die Sprache. Seine Maxime heißt vor allem: "Sprechen ist denken". Dass der Deutsche verlernt hat, beim Sprechen zu denken, offenbart er humorvoll. "Kannst Du grad eben mal vielleicht...", ist ein Satz, bei dem er sich denkt: "Höchstens uneben oder gar nicht." Ihm ebenso unverständlich: "Eher nicht", "nicht wirklich", "eher später". Steimles Dialog dazu: "Kannst du grad eben mal vielleicht nach Haßfurt kommen?" - "Eher nicht". "Warst du schon mal dort?" - "Nicht wirklich." - "Würdest Du trotzdem mal kommen?" - "Eher später."
Der Werbeslogan der Formel-1, "Wir jagen die Zeit bis zur Erschöpfung", lässt Steimle den Kopf schütteln. Argwohn lösen bei ihm Ausdrücke aus wie "ein Stück weit authentisch" oder "glaubwürdig". "Glaubwürdig ist etwas für Banken und Kirchen. Der Rest könnte es einfach mit der Wahrheit versuchen." Mit dem Lieblingswort der Sachsen, "furschbar", kommentiert er Modeworte.
"Wir haben '89 doch nicht hinter der Gardine gestanden, damit wir heute Quarkinis, mediterran statt Kräbbelschen angeboten bekommen", ruft er entsetzt. Die Franken lachen und sind begeistert. Der Kabarettist plaudert über die Nach-Wende-Helden Ilse Bähnert und Günther Zieschong, und er serviert schwere Kost leichtverdaulich. Seine Kritik an Politik und Gesellschaft will zum Nachdenken animieren."Wenn jeder den Spruch ,Das Gemeinwohl steht über dem Wohl des Einzelnen' beherzigen würde, dann würde eine Lottobotschafterin nicht 450 000 Euro im Jahr bekommen", echauffiert sich Steimle.
"Ein Land, aber keene Nation"
Seine Bilanz ist knallhart: "Wir sind ein Land, aber keene Nation. Sonst wären wir nicht getrennt worden. Das hätte die andere Seite nicht hingenommen." Dass zu Guttenberg am 1. März, dem früheren "Nationalen Tag der Volksarmee" zurücktrat, "kann kein Zufall sein", sagt er und fragt sich, wie angesichts der steigenden Terrorgefahr die 80 Millionen Deutschen von nur noch 170 000 Soldaten verteidigt werden sollen. "Wer macht hier eigentlich Kabarett?"
Nach seinem selbstironischen Streifzug durch das Land schlüpft er in der Zugabe auf Wunsch von Franz Wölfl nochmals in die Rolle des Heiratskandidaten Günter Zieschong, der bisher vergeblich nach einer Frau gesucht hat, die Eigenschaften wie "Einfachheit, Natürlichkeit und Apartheid" aufweist - und die die Arbeit im Haushalt selber sieht.
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