Die Hausärzte setzen einen Notruf ab

26.08.2010   Von: Günther Flegel  inFranken.de

Streik Bei den Hausärzten im Landkreis Haßberge wird Donnerstag und Freitag die Gesundheitspolitik zum Patienten. Die Mediziner im Landkreis fühlen sich vom Minister "verschaukelt". Sie fürchten um ihre Existenz.


Gerhard Binder, Hausarzt in Zeil, fühlt sich "verröslert" und schließt heute und morgen die Türen seiner Praxis. Für Notfälle steht er am Donnerstag stundenweise bereit.
Die Hausärzte schließen ihre Praxen, um gegen die nach ihrer Ansicht "falsche Weichenstellung" durch den FDP-Gesundheitsminister Rösler zu protestieren.

Horst Seehofer, Ulla Schmidt, jetzt Philipp Rösler: Die Namen der Gesundheitsminister in Berlin und die Parteizugehörigheit haben in den letzten Jahren mehrfach gewechselt, als Konstante ist aber der Protest gegen ihre Politik geblieben, wie auch der Blick in das Archiv unserer Zeitung zeigt: Hausärzte, Fachärzte, Klinikärzte, Zahnärzte, Pflegepersonal:

Fast alle Akteure des Gesundheitswesens im Landkreis haben schon gegen die Gesundheitspolitik protestiert, nur die Krankenkassen und die Apotheken noch nicht.

Sind es also stets und in erster Linie die Ärzte, die zu Reformopfern werden? Oder verstehen sie es einfach am besten, auf hohem Niveau zu jammern? Der Zeiler Hausarzt Gerhard Binder, der den Donnerstag und Freitag ebenfalls zum "Tag der geschlossenen Praxis" erklärt hat, sagt nicht, dass er am Hungertuch nagt.

Er und seine Kollegen geben das Durchschnittseinkommen eines Hausarztes in Bayern in Übereinstimmung mit den Standesvertretungen mit rund 250.000 Euro im Jahr an.

Das war schon einmal viel mehr, vor allem in den "goldenen" 60er und 70er Jahren, wurde bei den diversen Reformen der letzten Jahre mehrfach "gesundgeschrumpft" und hat sich jetzt wieder auf einen Wert eingependelt, mit dem man, so Binder, "schon gut leben kann".

Wobei er die 250.000 Euro relativiert sehen will: "Davon gehen die Kosten für die Praxis und das Personal, für Gerätschaften und anderen Praxisbedarf ab"; vom Rest muss der Arzt seine Versicherungen und anderes selbst bestreiten. Was übrig bleibt, "ist kein Hungerlohn", aber auch nicht üppig nach jahrelangem Studium, angesichts einer Woche mit selten weniger als 60 Arbeitsstunden, Wochenend- und Nachtdiensten und einer erheblichen Verantwortung für die Patienten.


Was sagen die Patienten?


Das sehen auch Günter Selig und Friedrich Stephan so, die am Mittwoch auf einem Bänkchen vor der Praxis von Gerhard Binder Platz genommen haben und auf den ersten Blick den Eindruck erwecken, sie hätten sich zu einem solidarischen Sitzstreik entschlossen.

"Nein, wir warten auf unsere Frauen", lachen die beiden. Sie haben Verständnis für den Ärger der Ärzte. "Seit Jahren wird am Gesundheitssystem herumgepfuscht", sagt Günter Selig. "Das Ergebnis ist immer das Gleiche: Der Patient zahlt mehr, und er bekommt weniger Leistung". Vielleicht sollten auch einmal die Patienten streiken, um Druck zu machen? "Genau, wir werden ab sofort einfach nicht mehr krank", schlägt Friedrich Stephan vor.





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