"Die Leute fahren auswärts"
03.09.2010
Von: Beate Dahinten ![]()
Tante-Emma-Laden Immer mehr Menschen zieht es in die großen Discountmärkte. Dabei vergessen viele den kleinen Tante-Emma-Laden, wie ihn Hildegard Karl betreibt. Weil die Kunden ausbleiben, müssen diese schlussendlich die Segel streichen. Meist merken die Einheimischen erst dann, dass etwas fehlt.

Die Tage sind gezählt für dieses Lebensmittelgeschäft in Stettfeld. Hildegard Karl will voraussichtlich zum 1. März 2011 dicht machen, "weil es sich wirklich nicht mehr rentiert", wie sie sagt. Auch wenn, wie auf unserem Bild vom gestrigen Freitag, die "Bude voll" ist. Foto: Günter Flegel
Nur der Lückenbüßer
Karl verweist auf die vier Supermärkte im wenige Kilometer entfernten Ebelsbach. "Die Leute fahren auswärts." Bei ihr werde meistens nur das besorgt, was man vergessen habe. "Es gibt nur noch ein paar Kunden, die einkaufen wie früher."Früher ... da gab es nebenan noch eine Metzgerei. Viele Autofahrer hielten dort an und kamen dann auch in das Lebensmittelgeschäft, um noch etwas zum Trinken zu kaufen. Und vor allem die älteren Kunden haben hier oben an der Kirche einen kleinen Rundgang gemacht.
Der Dreh- und Angelpunkt
Der Friedhof mit der Bank davor, wo man sich auch mal hinsetzen und miteinander plaudern konnte, die Metzgerei und eben der Laden von Hildegard Karl waren die Stationen. "Für die älteren Leute tut's mir schon leid", gesteht sie.Dass keines ihrer beiden Kinder in ihre Fußstapfen tritt, war schon länger klar. Beide haben studiert, sind verbeamtet und "haben mit so was nichts am Hut". Dabei ist Hildegard Karl als gelernte Kinderpflegerin auch nicht vom Fach. Vor allem ihrer Schwiegermutter Frieda zuliebe hatte sie 1985 den Laden übernommen. Diese wiederum hatte seit ihrer Heirat mit Erwin Karl 1953 das Geschäft von dessen Eltern weitergeführt. Und noch heute sagen die Einheimischen, sie gehen "zur Friedl". Der heutige Verkaufsraum mit seinen 70 Quadratmetern entstand 1968 durch einen Anbau.Sie habe den Laden immer gern gemacht, sagt Hildegard Karl. "Es ist nicht wie in einem großen Kaufhaus, man kann miteinander reden, sich auch mal unterhalten. Es geht noch etwas familiär zu, man nimmt sich Zeit für die Leute." Die meisten ihrer Kunden kenne sie schon recht lange. Anders ausgedrückt: Durch das Geschäft hat sie seit ihrer Einheirat nach Stettfeld viele Einheimische kennen und schätzen gelernt. Die menschliche Ebene ist das eine, die wirtschaftlichen Fakten sprechen eine andere Sprache. Auch wenn der Laden für Hildegard Karl keine Existenzgrundlage ist, weil ihr Mann arbeitet. "Man kann mit Ebelsbach einfach nicht mithalten, mit der Auswahl und den Preisen nicht konkurrieren." Bei ihr gebe es eben keine 20 Sorten Joghurt, sondern nur vier oder fünf, nennt sie ein Beispiel. Frischmilch bietet sie keine an, dafür sei die Nachfrage zu gering.Als Pluspunkt sieht es die 54-Jährige, dass sie von einer Bäckerei aus dem benachbarten Staffelbach mit frischen Backwaren beliefert wird. Fleisch und Wurst hat sie bewusst nicht im Sortiment, um der verbliebenen Metzgerei im Ort keine Konkurrenz zu machen. Sie findet, dass man die Geschäfte und auch die Gasthäuser im Ort unterstützen sollte. Viele wüssten das alles erst zu schätzen, wenn es nicht mehr da sei. Allerdings hat Karl auch schon erlebt, dass Kunden ein Produkt in den Supermärkten vergeblich gesucht haben und dann in ihrem Geschäft fündig geworden sind. Eine Kundin aus der Nachbarschaft, die gerade dazu kommt, merkt an, dass sie gar nicht so gern in die großen Märkte geht: "Da kauft man immer mehr ein als man braucht."
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