Auch hier gibt es reichlich Konfliktstoff

11.03.2010     inFranken.de

Bildung Am Schulzentrum in Haßfurt kümmert sich die Sozialarbeiterin Carolin Geith um 2200 Gymnasiasten und Realschüler. Damit betritt Carolin Geith Neuland: Das Pilotprojekt beweist nach kurzer Zeit, wie groß der Bedarf ist.


Carolin Geith und Herbert Brütting
Die Schule ist keine Insel der Seligkeit. Sie ist ein Spiegelbild der Gesellschaft und ihrer Veränderungen, vor allem auch ein Brennpunkt der Probleme in den Familien. Hier setzt die Schulsozialarbeit an; seit Jahren schon selbstverständlich an den Hauptschulen, aber ebenso selbstverständlich noch nicht an den Gymnasien.

Haßfurt ist die Ausnahme. Hier hat sich die Schulleitung des Regiomontanus-Gymnasiums vor einem halben Jahr entschieden, professionelle Schulsozialarbeit anzubieten. Die Sozialpädagogin Carolin Geith aus Schweinfurt hat diese Stelle übernommen, ein Pilotprojekt in Bayern, bislang provisorisch finanziert aus einem Topf der Regierung von Unterfranken, wie der stellvertretende Schulleiter Herbert Brütting erzählt.

Dauerhafte Einrichtung?

"Wir drängen darauf, dass diese Stelle dauerhaft eingerichtet wird. Das halbe Jahr hat gezeigt, wie groß der Bedarf tatsächlich ist". Carolin Geith hat seit 1. Oktober sehr viel Aufbauarbeit am Schulzentrum in Haßfurt geleitet. Die Realschule ist mit im Boot, so dass die Mutter dreier kleiner Kinder während ihrer 18-Stunden-Woche für rund 2200 Kinder zuständig ist.

"Sie hat einen Draht zu den Kindern", lobt Herbert Brütting, und Carolin Geith gibt das Kompliment sofort zurück: "Sowohl die Schulleitung als auch die allermeisten Lehrer sind überaus aufgeschlossen und vor allem sehr aufmerksam und sensibel, wenn sie bemerken, dass Kinder Probleme haben." Carolin Geith sieht sich weniger als "Feuerwehr", die versuchen muss, das Schlimmste zu verhindern, sondern vor allem als der Knotenpunkt in einem sozialen Netzwerk, das sich in einem großen Schulkomplex wie in Haßfurt entwickeln muss.

Veränderungen

Das klingt so, als wären alle Schüler kleine Nervenbündel oder Nervensägen, ganz anders als in der guten alten Zeit? Carolin Geith und Herbert Brütting schütteln den Kopf. Zwar haben sich die Zeiten, die Gesellschaft, die Menschen und damit auch die Schüler und die Schule geändert. Aber man dürfe bei allen Problemen nicht übersehen, dass die unauffälligen Schüler die ganz überwiegende Mehrzahl sind, die Kinder also, bei denen sowohl die schulischen Leistungen passen als auch die zwischenmenschliche Ebene konfliktfrei ist.

Freilich kann schon ein einziger Störenfried das Klassenklima vergiften – und da gibt es keinen Unterschied zwischen Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien. Aber gerade die "Oberschule" galt lange als eine elitäre Schmiede der Intellektuellen, frei von Konflikten und Aggression. "Aber das natürlich Unfug", weiß Carolin Geith schon aus ihrer beruflichen Vorgeschichte. Rund zehn Jahre arbeitete sie als Sozialpädagogin für das Jugendamt in Schweinfurt. "Es kann ja nicht sein, dass ein schwieriger Schüler plötzlich zum Engel wird, weil er auf das Gymnasium wechselt".

Die ersten Erfahrungen in Haßfurt haben das bestätigt. Das Schulzentrum ist auch als sozialer Brennpunkt "normal". Es gibt immer mehr Kinder aus instabilen Familienverhältnissen, Kinder mit Lernstörungen, Kinder, die sich schwer in Gruppen einfügen, Buben und Mädchen, die zu viele modernen Medien konsumieren und deshalb das klassische Lernen verlernen.

Mittler zwischen den Parteien

Carolin Geith kann den Kindern das Elternhaus und ein fehlendes soziales Umfeld im Privaten nicht ersetzen; aber sie ist für viele Kinder, die zu ihr kommen oder von den Lehrern zu ihr geschickt werden, schon eher die große Schwester als die Sozialarbeiterin. Als Mittler zwischen Schülern, Lehrern und Eltern geht sie sehr viel unbefangener an Probleme heran, als es jemand könnte, der etwa als Lehrer "vorbelastet" wäre.

Ihre Arbeit ist ein Geben und Nehmen und lässt sich am besten daran messen, dass nichts passiert. "Unglaublich wertvoll" findet Herbert Brütting diese Arbeit, die Carolin Geith "unglaublich viel Spaß" macht.



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