Junger Mann, der oft ins Schwarze trifft

26.08.2010   Von: Ekkehard Roepert  inFranken.de

Schießen  11 000 Forchheimer und Bamberger Schützen sind im Gau Oberfranken-West organisiert: Der Prominenteste von ihnen ist Sebastian Drawert, der mit dem Kleinkaliber-Gewehr bereits zwei WM-Medaillen errungen hat. Ab heute schießt er in München um den Deutschen Titel.


Drei Abende pro Woche verbringt Sebastian Drawert im Schießstand der Hauptsmoorhalle in Strullendorf. Fotos: Barbara Herbst
Auf den Tag genau weiß Sebastian Drawert gar nicht mehr, wann er die Medaillen gewann. Der junge Mann zieht sein Handy aus der Tasche und sieht im Kalender nach: "1. und 2. August, Sonntag Silber, Montag Bronze".

Das sind noch keine vier Wochen, als er in München mit der Mannschaft Vizeweltmeister wurde und Dritter im Einzelwettbewerb. Doch die Weltklasseleistungen, die dem Junioren-Schützen mit dem Kleinkalibergewehr gelangen, scheinen für ihn keine außergewöhnliche Bedeutung zu haben. Der anerkennende Knicks der Bundestrainerin, der Jubel seiner Fans aus dem Heimatverein Sassanfahrt, der Empfang in der Gemeinde mit Blasmusik und Böllerschützen... - an all dem kann sich der 19-Jährige sichtlich erfreuen. Gleichzeitig wirkt es unbekümmert, fast beiläufig, wenn er über seine unerwarteten Erfolge spricht. Sein Leben nach der Weltmeisterschaft sei so wie zuvor, sagt er lachend: "Ich habe jedenfalls noch keinen Unterschied bemerkt".

Dass sein Schützling "auf dem Boden geblieben ist", macht Trainer Stefan Düsel auch daran fest, dass "der Basti" zwei Wochen nach der Weltmeisterschaft seine "Weltklasseleistung" von 595 Punkten im Liegend-Schießen "gleich noch mal um zwei Punkte toppte, das ist ganz außergewöhnlich".

Schon Drawerts Großvater war Schütze und 1960 bei der Olympiade mit der Schnellfeuerpistole erfolgreich. Aber der Enkel entdeckte die Waffen-Leidenschaft für sich eher zufällig, bei einem Preis-Schießen auf der Kirchweih. Da hatte der Zehnjährige "ein kleines Erfolgserlebnis". Im Verein bei den Andreas-Hofer-Schützen Sassanfahrt ist er seit seinem 12. Lebensjahr aktiv.

Das Talent war von Anfang an sichtbar. Dass es bis in die Weltspitze reichen würde, so etwas sei bei keinem Jugendlichen vorhersehbar, sagt Stefan Düsel. Was dem Trainer aber sofort auffiel, "das war die unglaubliche Lernoffenheit" des jungen Sebastian Drawert. Was immer er ihm "im Anschlag" gesagt habe, sei von "Basti" sofort umgesetzt worden.

An Medaillengewinne habe er aber nie gedacht, sagt der 19-Jährige, obwohl er seit einem Jahr dem Nationalkader angehört und zu den zehn besten Junioren in Deutschland zählt. Im Wettkampf denke er nicht an mögliche Erfolge.

Das Schießen funktioniert idealerweise "gedankenfrei". Daher lässt sich Sebastian Drawert, wenn er zum Kleinkaliber greift, nur von einem Gefühl lenken, "dem Gefühl, dass man nie gut genug schießen kann".

Die Scheibe hat zehn Ringe und ist 50 Meter entfernt. Im Liegen-Wettbewerb kann ein Schütze bei 60 Schüssen maximal 600 Punkte holen. Bis auf drei Punkte hat sich Drawert dieser Traummarke schon genähert. Drei Mal pro Woche liegt, kniet oder steht er stundenlang im Schießstand der Hauptsmoorhalle in Strullendorf.

Bei seiner Klasse geht es nicht darum, noch mehr Zeit im Anschlag zu verbringen, sondern darum, an der Qualität zu feilen. Zum Beispiel an der Atemkurve. Beim Einatmen senkt sich der Lauf, beim Ausatmen hebt er sich. Wenige Sekunden nach der Ausatmung bewegt sich der Abzugfinger. Den idealen Moment in der Atempause zu finden, darum geht es. Drawert spricht von der "Konsequenz, einen Schuss abzusetzen". Diese Konsequenz sei bei ihm noch nicht optimal, daran arbeite er.

Um als Schütze Erfolg zu haben, brauche man keinen bestimmten Charakter, sagt Trainer Düsel. Es gebe auch Choleriker unter den Spitzensportlern; aber sicherlich sei es von Vorteil, die Lockerheit und die innere Ruhe eines Sebastian Drawert mitzubringen.

Doch wie gelingt es, diese Ruhe in Stress-Situationen zu bewahren? Etwa wenn mehrere Schüsse nacheinander nicht in der Mitte der Scheibe einschlagen? Der 19-Jährige hat ein einfaches Rezept, seine Haltung zu bewahren: Er stecke sich "immer ein höheres Ziel, als ich es erreichen kann". So entstehe im Wettbewerb "keine Leistungsangst". Mit dieser Einstellung wird er auch ab heute bei den Deutschen Meisterschaften in München in den Anschlag gehen. Ob dort die Erwartungen nicht übermächtig sind, nach dem WM-Erfolg auch Deutscher Meister zu werden? Solche Erwartungen mögen andere haben, sagt Sebastian Drawert, "ich erwarte das für mich nicht."




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