"Das sind typische Merkmale aus der Nazizeit"

31.07.2010   Von: Franz Galster  inFranken.de

Podiumsdiskussion Bürger und Aktivisten haben in der Fränkischen Schweiz gegen den sogenannten Frankentag protestiert. Für die Ortschaft Obertrubach war das Diskussionsforum gegen Rechts vor der Pfarrkirche ein Novum.


Podiumsdiskussion von links Bgürgermeister Willi Müller Max, Gnugesser-Mair, Günter Pierzig und Werner Schnabel.
Alle Beteiligten waren sich am Samstag einig, sie wollten die Neonazis loswerden. Eingeladen hatte die Vereinigung Nordbayerische Bündnisse gegen Rechts. Der Diskussion stellten sich Bürgermeister Willi Müller, Günter Pierdzig vom Bamberger Bündnis und VVN, Werner Schnabel, Bamberg, vom Nordbayerischen Bündnis und Max Gnugessen-Mair, vom Bündnis Nazistop, Nürnberg. Moderiert haben die Veranstaltung Michael Helmbrecht und Michael Strößenreuther vom Gräfenberger Bürgerforum.

Auslöser der Veranstaltung war der am gleichen Tag auf einer Wiese zwischen Geschwand und Bärnfels stattfindende "Frankentag", zu der sich rund 300 Neonazis aus allen Teilen Deutschlands angesagt hatten.

Schnabel, er hat zusammen mit Günter Pierdzig die Vernetzung der Bündnisse in Nordbayern veranlasst, nannte denn auch diese Veranstaltung der Neonazis unerträglich.

Er warnte in seinen einleitenden Worten vor den Nazistrukturen, die entstehen. Sie müssten rechtzeitig bekämpft werden, bevor sie sich festsetzen könnten.

Abschreckendes Beispiel sei auch der überraschende Aufmarsch vor einer Woche in Forchheim gewesen, wo künftig ein regelmäßiger Auftritt angekündigt sei.

Pierdzig sieht im Frankentag typische Merkmale der Nazizeit mit Folklore, Kinderprogramm und Hetztiraden. Grüngesser verwies auf den rechten Terror mit 149 Todesopfern seit 1990.

In seiner Analyse zählte er detailliert Namen und Strukturen der Organisation auf, die sich im Netzwerk widerfinden. Mit wenigen fange es meist an. Ihren Einfluss in einer Gaststätte bei Hof böten sie Erntehelfer und Unterrichtshilfe für Kinder an. Ziel sei letztlich der Einzug in den Gemeinderat. Gnugesser griff auch die Behörden scharf an mit ihrer Strategie des "Totschweigens". "Brauchen wir wirklich Vorbilder und starke Männer wie Haider", so sinngemäß seine Frage.
Willi Müller, seine Teilnahme am Diskussionsforum wurde mit Beifall aufgenommen, stellte sich vorbehaltlos hinter die Ausführungen seiner Nebenleute. Er ging auf das fragliche Grundstück bei Geschwand ein, das eine Frau aus Niedermirsberg, sie arbeitet bei der Sparkasse in Forchheim, bei einer langfristigen Versteigerung 2006 erworben hat. Da ist man machtlos.

"Es ist nicht in Ordnung, dass man diese braune Sauce nicht verbieten kann", wurde der Bürgermeister noch deutlicher, "alles andere ist Flickwerk".

Die jetzige Veranstaltung sei am letzten Montag im Rathaus gemeldet worden, worauf man sich umgehend mit Landratsamt, Regierung und Polizei ins Benehmen setzte und genehmigen musste. Ich kenne keinen einzigen Nazi in unserer Gemeinde und die Historie dazu sei sehr positiv. Der Pfarrer von Obertrubach wurde während des Krieges zwischendurch verhaftet, man versteckte unter anderen auch einen französischen Theologiestudenten, der jetzt jährlich seinen Urlaub hier verbringt. Sein Großvater sei als Bürgermeister von den Nazis entmachtet, sein Vater nach dem Krieg von den Amerikanern wieder eingesetzt worden, betonte Müller, um auch die Verhältnisse aus Sicht seiner Familie ganz klarzustellen und möglichen Gerüchten gegen seine Person entgegenzutreten.

"Ich tue alles, um gegen die braune Sippe vorzugehen. Lassen wir uns nicht auseinanderdividieren", so sein abschließender Appell, der mit Beifall bedacht wurde.

Schnabel meint, es sei wichtig die Bevölkerung aufzuklären und nennt als positives Beispiel Wunsiedel.

Die Bevölkerung müsse den Willen gegen die Neonazis klarmachen. Bildungsarbeit sei gefordert. Karl Waldmann, Kreisvorsitzender von Bündnis 90/die Grünen forderte ein klares Flagge zeigen des Kreistages in Forchheim. "Als Lehrer" prangerte er auch die "dubiosen Aussagen" zu Haider an, die Erklärungsnot erzeugten.
Jürgen Nekolla, Gräfenberg, meinte in einem kurzen Statement, die gesetzlichen Spielräume gegenüber den Neonazis würden nicht genutzt. Angst, Weggucken, das wollten alle Redner nicht gelten lassen.

Müller wiederholte seine Aussage, dass nächstes Jahr kein Frankentag stattfindet.

Das Wie wollte er nicht preisgeben. "Kein Marketingmanager trägt seine Strategie zu Markte, dann ist sie nicht mehr viel wert" so seine Feststellung als Unternehmer. "Sie können mich daran messen", so seine gewagte Aussage. Wir müssen sorgsam mit unserem Image im Tourismus umgehen, hier wären im Ort Arbeitsplätze sonst gefährdet, meinte der Bürgermeister. Eine nach außen klar gezeigte Gegenposition zu den Nazis wäre auch positive Werbung für den Ort, meinte andere Teilnehmer. Differenzen, wie man in der Öffentlichkeit mit der Bekämpfung des Gedankenguts der Neonazis umgeht, waren erkennbar, aber auch der Wille, gemeinsam nach Wegen zu suchen, um das Problem aus ihrer Sicht zu lösen.
Die Aufmerksamkeit der Medien zu dieser Veranstaltung war bemerkenswert.

In Obertrubach selbst hört man Bürger häufig sagen, sie wollten weder rechts- noch linksextrem etwas zu tun haben. Vielleicht war dies der Grund, dass vom Ort selbst kaum Zuhörer da waren. Lediglich Renate Grembler meldete sich zu Wort und beschwerte sich, dass die Bürger erst am Morgen die Information im Briefkasten gefunden hätten. So könne diese Zusammenkunft nicht besser besucht sein. Bürgermeister Müller meinte dazu freilich, die Veranstaltung sei seit Wochen im Gespräch und in den Tageszeitungen längst veröffentlicht worden sowie tags zuvor fast stündlich im Bayerischen Rundfunk. Das hätte eigentlich reichen sollen.
Symbolisch ließen die Besucher mit den Veranstaltern zum Schluss viele bunte Luftballons in den Himmel steigen um zu demonstrieren, auch Obertrubach ist bunt.





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