Melchiors Wiege stand am Kerwaplatz

29.07.2010   Von: Leo Hühnlein  inFranken.de

Annafest Bei den Streifzügen über den Kellerberg trifft man die interessantesten Menschen. Der Mann am Süßigkeitenstand feiert heuer hier seinen 65. Geburtstag. Auch seine Vorfahren kamen schon als Marktleute.


Heinrich Melchior
Das Annafest hat heuer seinen 170. Geburtstag und bietet wieder einige neue Attraktionen für die Besucher an. In der großen Familie der Schausteller gibt es aber auch eine Vielzahl Gewerbetreibende, die schon seit Jahren, manchmal Jahrzehnten, dem Fest die Treue halten. Ein Unikat begleitet die "fünfte Forchheimer Jahreszeit" dieser Tage bereits zum 65. Mal und feiert alljährlich sogar den eigenen Geburtstag im Kellerwald.

Wenn am kommenden Sonntag Heinrich Melchior in der gleichnamigen Süßwarenbude am Hauptplatz gegenüber dem Riesenrad seinen 65. Jubeltag feiert, ist das für den Nürnberger Schausteller nichts Besonderes. Er war bereits als Baby im Wagen der Eltern im Kellerwald dabei.

"Ich hob hald amol on Annafest mein' Dooch, oba des Fesd is jo a 105 Johr ohne mich auskumma", schmunzelt der agile Mittsechziger und viele Lachfalten verraten einen innerlich junggebliebenen Lausbuben, der um keinen Spruch verlegen ist.

Ein Blick in das Wageninnere zeigt neben einer enormen Auswahl an Süßigkeiten ein Schild "Wer hier klaut, stirbt" und eine alte Schablonenschrift mit dem selbst gemalten Schriftzug "Echte Nürnberger Genüsse" deutet auf ein langes Leben des Gefährts hin. "Ich hob den Wogn scho seid die Siebzicher, der is fasd so alt wie mei Fraa", presst er hinter vorgehaltener Hand mit einem Grinsen heraus - diesmal noch ungestraft.

Vielen Annafest-Besuchern ist Heinrich Melchior - der eigentlich "Heinz" genannt wird - noch als Betreiber der Pistolenbude in Erinnerung. Sie stand bis Mitte der 90er Jahre am gleichen Platz vor dem Schindler-Keller. "Ich hob umgsaddeld auf Süßigkeit'n und die Pistol'n aufgehm, damit i ned amol aus Versehn derschossen werd'", kommt die nächste Spitze mit Blick auf Ehefrau Eveline, die prompt und mit gespielter Strenge kontert: "Es gibt ja auch noch Gift."

Beide lernten sich einst standesgemäß auf einer Kirchweih kennen. "Des wor in Förth - oba ich waas gor nimma wann", witzelt er, während einem der Duft von Zimt und Süßem in die Nase steigt und er die frisch gebrannten Mandeln aus der Kupferschüssel in "Schermitzel-Tüten" - wie er sie nennt - packt. "Zum Tanz'n hoddmer jo ka Zeid ghabd domols."

Auch seine Eltern, Vater Heinrich senior und Mutter Lotte Melchior, lernten sich natürlich im Fahrgeschäft kennen. Lotte war einst Hausmädchen der Schaustellerfamilie Dölle, die am heutigen Platz des Holzpavillons am unteren Greif-Keller ein Dampfkarussell betrieben.

Der kleine Heinz kam ebenfalls standesgemäß im Schaustellerwagen auf die Welt. "Des wor bei der Kerwa in Gartenstadt in Bamberch. Deswegn schdehd in meina Geburtsurkundn a Bamberch drinna."

Zu Forchheim und dem Annafest haben die Melchiors eine fast schon familiäre und ganz besondere Beziehung. Zwei von drei Geschwistern sind noch heute im Schaustellerbetrieben tätig. Seine 71-jährige Schwester Elisabeth Rudolph betreibt am Aufgangsweg ebenfalls eine Süßwarenbude und hat gegenüber der neugeschaffenen Toilettenanlage oberhalb des Hauptplatzes noch eine Eisbude.

Die Eltern waren ab den 30er Jahren bereits im Kellerwald mit verschiedenen Gewerken tätig. Wegen der Bombardierung Nürnbergs siedelte der besorgte Familienvater Heinrich senior bis zum Ende des Krieges in den Kaiser-Keller um und versuchte dazwischen, das Hab und Gut der Familie mit einem Fuhrwagen nach Forchheim zu holen.

"Jedsmol, wenn der Vadder in Nürnberch ankomma is, wor a Zimma wenicher gstandn wecher die Bombn. Zum Schluss is ner noch die Küch´n do gween." Nach Kriegsende durfte Heinrich senior zunächst nur Armbrustschießen in seiner Bude anbieten, Pistolen und Gewehre waren von den Besatzungsmächten einige Zeit verboten.

Daneben hatten die Melchiors ab den 50er Jahren noch den "Kartenblinker-Wagen" am Annafest. Mit 17 Jahren bekam Heinrich junior seinen Gewerbeschein und begann mit der Pistolenbude des Vaters sein eigenes Schaustellerleben - damals noch am Winterbauer-Keller.

Nur einmal verfinstert sich die Miene des sonst immer gutgelaunten Mandelbrenners, als ein sichtlich angetrunkener "Frühschöppler" noch ein Mitbringsel mit nach Hause nehmen will - wohl um die Ehefrau Milde zu stimmen - und die Bestellung im Befehlston herunterspult.

"Ja, beim Alkohol schrumpft des Hirn und die Muskln wachsn", berichtet Heinrich Melchior von den unangenehmen, meist abendlichen Begegnungen, die allerdings zum Geschäft gehörten, wie er betont. "Manchmol wern mir Schausteller wie der letzte Dreck behandld."

Als der "Melchiors-Heinz" kurz darauf von der 31-jährigen Dajana Dötzer samt ihren beiden Kindern, der siebenjährigen Jasmin und dem zwei Jahre älteren Fabian, mit einer herzlichen Umarmung begrüßt wird, ist er wieder ganz der Alte. "Mei Stammkundn haldn mich am Leem. Die Dajana und ihrn Vadder kenni scho, als selba noch klaane Kinder worn." Er sei zwar eigentlich Nürnberger und ist deshalb auch alljährlich auf dem Christkindles-Markt in seiner Bude, aber das Annafest ist für ihn eine Herzensangelegenheit, ein großer Teil seines Lebens. "Forchheim is für mich wie mei zweite Heimat. Ich bin scho als Baby jeds Johr am Annafesd gween und werd wohrscheinlich a amol do sterm", gibt er schlitzohrig noch zum Besten - unter wohlwollendem Nicken von Ehefrau Eveline.



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