Kälte treibt Obdachlose ins Forchheimer Waisenhaus

05.02.2012   Ort: Forchheim  Von: Alexander Hitschfel  Fränkischer Tag

Unterkunft Die Minusgrade sind für Menschen ohne Dach über dem Kopf lebensbedrohlich. Die Obdachlosenunterkunft im Forchheimer Waisenhaus hat in diesen Tagen deutlich mehr Gäste als sonst.


Obdachlose müssen nicht auf der Straße schlafen. Tageweise werden ihnen Schlafmöglichkeiten zur Verfügung gestellt. Foto: dpa
Hans Weiss ist obdachlos. Seit rund 20 Jahren lebt er inzwischen auf der Straße. "Das war nicht immer so", erzählt der Mann Mitte 50. Über 33 Jahre führte er ein geregeltes Leben. Er wuchs in einem wohlhabenden Elternhaus auf, schloss eine weiterführende Schule ab, gründete sogar seine eigene Firma. Weiss kommt ins stocken und schluckt: "Dann kam der Absturz - darauf möchte ich aber jetzt nicht näher eingehen."

Heinz Weiss macht sich immer einen Wochenplan. In ganz Deutschland war er schon zu Fuß unterwegs. "Jeden Tag laufe ich 30 Kilometer von Stadt zu Stadt", erzählt der gebürtige Nürnberger, der sich nur in den Wintermonaten in Obdachlosen-Asylen einquartiert und in den Sommermonaten die Nächte im Freien verbringt. Das Obdachlosen-Asyl in Forchheim im Waisenhaus ist für Hans Weiss eine feste Station in seinem Plan. Am Wochenende hat er es wieder besucht.

Tagessatz: 12,43 Euro


"Man darf leider in jeder Unterkunft nur eine Nacht verbringen, danach muss man weiter", berichtet Weiss. "Es gibt leider keine Sozialhilfe mehr, wie es früher gegeben hat; die bekommt man lediglich ab 65 Jahren", erzählt Weiss. Heute ist ein Tagessatz von 12,43 Euro vorgesehen, den sich jeder Obdachloser täglich im Jobcenter der Arbeitsagentur entweder bar oder als Scheck abholen kann. Die Schecks können dann bei Postfilialen in Bargeld umgewechselt werden. "Mit den 12,43 Euro muss jeder seinen ganzen Bedarf finanzieren - angefangen bei Kleidung und Essen bis hin zu Körperpflegemitteln", erzählt Weiss. "Da kann man sich ausrechnen, wie lange man sparen muss, bis man sich mal ein paar neue Schuhe oder einen Pullover kaufen kann."

Obst ist zu teuer


Weiss hat gelernt, mit dem wenigen Geld klarzukommen. Gerade in den Wintermonaten kauft er sich viel Haferflocken, Billigkuchen und Milch. "Das ist sehr nahrreich und stillt lange Zeit dem Hunger." Obst ist schwer zu finanzieren; höchstens die eine oder andere Banane kann er sich leisten.

Bis vor wenigen Wochen hat Weiss noch außen übernachtet. Die jetzigen Temperaturen lassen das aber nicht mehr zu. Gegen die Kälte hat er sich eine spezielle Folie gebastelt. "Die hält die Körperwärme und ist besser wie jeder Schlafsack", erklärt er. Außer Kleidung hat Weiss nicht mehr viel in seinem Rucksack: "Für den Notfall hab ich ein paar Feueranzünder dabei, dass ich mir außen ein Feuer machen kann, damit ich nicht erfriere."

Und wie verbringt er besondere Feste wie Weihnachten? "Alleine", sagt Weiss. "Letztes Jahr Weihnachten habe ich wie Jesus in einem Stall im Heu verbracht - ein Tag für mich wie jeder andere auch." Nach Forchheim kommt er immer wieder gerne. "Hier wird man von Frau Lindner freundlich aufgenommen", betont Weiss.

Daniela Lindner wohnt mit ihrem Mann und ihren Kindern im ersten Stock des Waisenhauses und betreut seit sechs Jahren das Forchheimer Obdachlosen-Asyl. Das besteht aus zwei Räumen und sanitären Anlagen und ist im zweiten Obergeschoss des Gebäudes untergebracht. Die 38-Jährige arbeitet bei der Stadt. "Wir haben im Sommer pro Monat zirka zehn Hilfsbedürftige zu Gast; im Winter sind es pro Monat 15", erzählt Lindner.

Nachfrage bei der Polizei


Abends von 18 bis 21 Uhr können sich Obdachlose melden. "Wenn es unter null Grad hat, öffnen wir schon um 16 Uhr." Bevor jemand eingelassen wird, muss er seinen Namen und Geburtstag über die Haussprechanlage Preis geben. Daniela Lindner lässt dann über die Polizei prüfen, ob etwas gegen die unterkunftsuchende Person vorliegt. Insgesamt stehen neun Betten in zwei Räumen zur Verfügung. Am nächsten Morgen um acht Uhr müssen die Obdachlosen wieder das Haus verlassen.

Suppe, Spiegelei und Tee


Lediglich bis zu vier Tage dürfen Obdachlose pro Monat im Waisenhaus übernachten - öfters nicht. "Die meisten machen es ganz schlau und kommen dann vier Tage vor dem Monatsende", berichtet Lindner. "Ich koche eine warme Suppe, und es gibt Spiegelei sowie Tee." Lindner ist für die Gäste eine wichtige Bezugsperson. Viele sind Stammpublikum im Asyl. "Wenn man die Einzelschicksale oftmals hört, nimmt einen das schon richtig mit", gibt Lindner zu, die ihren Job aber gerne macht. "Greift die Polizei Obdachlose auf, schickt sie die zu uns, oder es kommen auch Menschen, die von den Hilfsorganisationen zu uns geschickt werden." Von November bis März hat die Unterkunft durchgängig geöffnet, von April bis Oktober nur von Sonntag bis Freitag.

Das plant Hans Weiss natürlich mit ein. Jetzt muss er wieder weiter. Doch das Waisenhaus wird er noch häufig besuchen: "Ich werde so lange wandern gehen, bis ich mit 65 Jahren dann meine Rente bekomme, dann möchte ich wieder sesshaft werden, dann habe ich auch wieder Geld dafür." Er stockt kurz. "Was anderes bleibt mir wohl auch nicht übrig."



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