Fränkische Schweiz fürchtet Teufelskreis

27.07.2010   Von: Nikolas Pelke  inFranken.de

Debatte  Damit sich Fuchs und Hase in der "Fränkischen Schweiz "nicht schon bald "Gute Nacht" sagen, hat Dr. Hermann Ulm dem Forchheimer Kreistag am Montag eine Analyse des "demografischen Wandels" präsentiert.


Der demografische Wandel könnte die ländlichen Regionen in der Fränkischen Schweiz besonders hart treffen. Foto: dpa
Ein Gespenst geht um, das schon jetzt einigen Bürgermeistern im Landkreis Forchheim die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Der 34-jährige Dr. Hermann Ulm aus Kunreuth beschäftigt sich schon seit Jahren mit diesem heißen Eisen: dem demografischen Wandel.

Der Wissenschaftler und Lehrer ist derzeit wohl der jüngste amtierende Bürgermeister im Landkreis. Seiner Gemeinde Kunreuth dürfte das Problem der alternden Bevölkerung schon bald Kopfschmerzen bereiten. "Wir liegen hier in Kunreuth an der Schwelle zwischen Wachstum und Rückgang", beschreibt Ulm die Lage seiner Gemeinde. Bereits am Montag hatte der Familienvater die Chance genutzt, dem Kreistag mit Hilfe von Fakten und Zahlen ein "scharfes Bild" der Situation im Landkreis zu zeichnen.

Demnach ist der Kreis zweigeteilt. Auf der einen Seite gäbe es noch Wachstumsregionen insbesondere im südlichen "Speckgürtel" und entlang der Regnitz, die dank Zuzug die Einwohnerzahlen stabil halten können. Auf der anderen Seite müssten Gemeinden im Herzen der Fränkischen Schweiz die niedrigen Geburtenraten allein ausbaden. "Es ist ein Teufelskreis: weniger Leute bedeutet weniger Infrastruktur gleich weniger Attraktivität", bringt der Geograf die fatalen Mechanismen des Bevölkerungsrückgangs auf den Punkt. Deshalb will der Bürgermeister schon jetzt dafür sorgen, dass möglichst viele Mosaiksteine mithelfen, die Wohn- und Lebensqualität im ländlichen Raum trotz des demografischen Wandels beizubehalten. Hier hat der 34-Jährige in erster Linie die Versorgung im Visier. Ohne Arzt, Laden und Schule wandern Erwerbstätige genauso wie Familien noch häufiger in Ballungszentren ab. Zusätzlich seien Faktoren wie der Öffentliche Nahverkehr oder eine "schnelle Internetverbindung" wichtig.

Dummerweise hätten auch da die relativ dünnbesiedelten Regionen schlechte Karten. In seinem Ort versucht Ulm derzeit, dass rund 50 Einwohner aus dem Ortsteil Regensberg in den Genuss schnellen Breitband-Surfens kommen. Immerhin würden jetzt fast stündlich Busse von Kunreuth nach Forchheim fahren. In den Höhen und Tälern der "Fränkischen" vertrauen die meisten allerdings trotzdem auf ihren eigenen fahrbaren Untersatz. Wer kann schon auf dem täglichen Arbeitsweg (in Kunreuth gibt es 90 Prozent Auspendler) auf sein Auto verzichten? Demnächst will die Gemeinde gemeinsam mit Pinzberg zumindest einen Radweg nach Forchheim bauen. Rund 140 000 Euro müssen die Kunreuther dafür berappen. Aber auch ohne Geld gäbe es Mittel und Wege. Beispielsweise müssten sich die Bürger mit ihrer Gemeinde gerade in den Zeiten ohne Wachstum identifizieren. Hier hat Ulm auch die 70 Prozent seiner 1400 Kunreuther im Blick, die nicht in der Gemeinde geboren wurden. Wenn die natürliche Bevölkerungsentwicklung zurückgehe sei es umso wichtiger, die "Zuzügler" ins Dorfleben einzubinden. So könne man von einem "Modernisierungsschub" profitieren. In seiner Gemeinde hatte Ulm eine Info-Broschüre verteilen lassen, damit jeder (Neu)Bürger weiß, wo der nächste Bäcker, Metzger oder Handwerker im Ort zu finden ist. "Mit jedem Dorfladen der schließt, werden natürlich auch die Immobilien weniger wert", verdeutlicht der Bürgermeister die konkreten Auswirkungen. Dabei hat der engagierte Politiker, der selber Vater einer vierjährigen Tochter ist, noch nicht einmal die Problematik der Arbeitsplätze angesprochen. Hier könne die "Fränkische Schweiz" aufgrund ihrer Nähe zu den wirtschaftlichen Zentren zwar profitieren. Chancen zum Broterwerb müssten aber auch vor Ort möglich sein. Im Kreistag wurde das Thema anschließend kontrovers diskutiert. Jürgen Kränzlein (SPD) hatte die Debatte angestoßen.



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