La Traviata: Nur Stockfische bleiben ungerührt

29.01.2012   Ort: Nürnberg  Von: Monika Beer  

Opernpremiere Peter Konwitschnys Version von Giuseppe Verdis beliebter Oper "La Traviata" ist jetzt auch in Nürnberg zu erleben. Die Titelheldin ist bravourös, die anderen Figuren sind leider zu klischeehaft gezeichnet.


Probenfotos: Ludwig Olah, Staatstheater Nürnberg
Ein aufregender Opernabend, und zwar jeder Hinsicht: Denn einerseits schafft es diese ganz auf die Titelprotagonistin fokussierte Version von Giuseppe Verdis "La Traviata" immer wieder, dass nur Stockfische nicht ergriffen und zu Tränen gerührt sind. Andererseits schnitzt der Regisseur alle anderen Figuren aus derart grobem Holz, dass man ihm damit schwer eins auf die oberlehrerhaft erhobenen Zeigefinger geben wollte. Was schade ist, denn sonst dürfte man von einer Sternstunde des Regietheaters sprechen.

Der Jubel im Nürnberger Opernhaus am Samstag war allerdings einhellig und groß - und vielleicht auch deshalb nicht von den sonst obligatorischen Buhrufen getrübt, weil die Zuschauer schon vorab wissen konnten, was sie erwartete. Peter Konwitschnys "Traviata"-Inszenierung feierte vor just einem Jahr in Graz Premiere, wurde aktuell mit anderer Besetzung am Staatstheater Nürnberg neu einstudiert und soll in einer dritten Station auch noch in London gezeigt werden.

Man kann über derlei Koproduktionen geteilter Meinung sein, erst recht, wenn der Regisseur nur bei den Endproben selbst Hand anlegt. Die Inszenierung, von der es aus Graz eine Aufzeichnung gibt - mit der großartigen Sängerdarstellerin Marlis Petersen, deren Karriere in Nürnberg begann -, hat wegen Konwitschnys Erkrankung sicher schon im Vorfeld Federn gelassen. Dass seine Assistentin Mika Blauensteiner in vermutlich viel zu kurzer Zeit gleich eine Doppelbesetzung einarbeiten musste, war bei der Premiere nicht zu übersehen.

Selbst die zu Recht donnernd gefeierte Hrachuhí Bassénz als Violetta Valéry schaffte es noch nicht ganz, durchgängig die Spannung zu halten. Was allerdings auch kein Leichtes ist in einer Interpretation, die so viel geballte Konzentration von der Solistin erfordert. Sängerisch erreichte die Sopranistin konstant eine musikdramatische Wahrhaftigkeit, die unter die Haut ging, darstellerisch blieb sie zuweilen dahinter zurück. Insgesamt aber eine bravouröse Leistung, vor allem in den nicht wenigen Szenen, in denen sie souverän über alles Opernhafte hinauswuchs.

So sehr man als Frau das flammende Plädoyer des Regisseurs für diese ganz heutige Kurtisane zu schätzen weiß, seine radikale Einseitigkeit beschädigt das Stück doch mehr, als ihm lieb sein kann.

Angesichts der überaus klischeehaft gezeichneten Männerfiguren Alfredo und Giorgio Germont fragt man sich, warum Verdi sich ihnen musikalisch so viel differenzierter widmete. Ganz zu schweigen vom nicht unerheblichen Rest.

Zum einen bringt die noch kindliche Tochter, die Vater Germont hier für die Auseinandersetzung mit der Geliebten seines Sohnes mitbringt, keine wesentlichen neuen Erkenntnisse und schwächt den Verzicht Violettas eher ab, zum anderen scheinen die weiteren Figuren und der an Sektglas, Sex und Geld klebende Chor aus der Klamottenkiste des Brecht-Theaters zu kommen. Was schmerzt, ist nicht die Tatsache, dass zugunsten einer pausenlosen Vorstellung rund zwanzig Minuten an Chorszenen gestrichen sind. Sondern dass Konwitschny glaubt, mit platt plakativen Mitteln noch gesellschaftskritisch wirken zu können.

Trotzdem sollte sich kein Opernfreund diese Aufführung entgehen lassen. Denn sie zeigt in ihren guten Momenten, dass die um 1850 in Paris spielende Geschichte sich nahtlos auch in die Gegenwart übertragen lässt.

Die stark reduzierte Ausstattung von Johannes Leiacker - das Bühnenbild besteht aus mehreren, hintereinander gestaffelten roten Vorhängen und einem einzigen Stuhl, die Kostüme sind heutig - ermöglicht eine Konzentration auf das Kammerspiel, auf das Zwischenmenschliche, dem am Premierenabend sängerisch vor allem noch Mikolaj Zalasinski als Girogio Germont viel baritonale Kontur gab.

Fulvio Oberto als Alfredo hingegen stand am Abgrund einer Indisposition, aus der sich der Tenor geradezu wundersam zu retten wusste. Solide bis gut die weiteren Solisten, prägnant der von Tarmo Vaask einstudierte Chor, hellwach das Orchester unter Marcus Bosch, der sich im Gegensatz zum Regisseur nicht mit Klischees aufhält, sondern seinen eigenen, ganz schmalzlos-klaren Weg zu Verdi sucht und findet.

Termine und Karten

Weitere Vorstellungen (mit alternierender Besetzung) am 31. Januar, am 4., 10. und 13. Februar, 7. und 13. März, 29. April, 7., 17. und 27. Mai, 3. und 30. Juni sowie 13. Juli. Ticket-Hotline unter 0180-5-231600.




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