Von Al-Kaida bis "islamische CSU"

02.11.2011   Ort: Erlangen  Von: Natalie Schalk  Fränkischer Tag

Wissenschaft Tunesien, Libyen, Syrien: Junge Wissenschaftler aus Erlangen erklären die Entwicklungen im Nahen Osten jetzt in einem Internet-Blog.


Christian Wolff und Peter Lintl betreiben gemeinsam den Internet-Blog "Fokus Nahost". Gibt es etwas zu besprechen, berufen sie eine "spontane Redaktionskonferenz" ein. Die beiden teilen sich ein Büro in der Uni Erlangen. Foto: Barbara Herbst
Tawakkul Karman ist die erste arabische Frau, die den Friedensnobelpreis bekam. Zum Teil wurde harsch kritisiert, dass die Ehrung heuer an eine "Islamistin" und "Tochter eines prominenten Muslimbruders" ging. Doch kaum einer weiß, wie die Frauenrechtlerin aus dem Jemen Menschenrechte und Religion verbindet. "Wir müssen entspannter mit dem Islam umgehen", sagt Christian Wolff. Er arbeitet am Lehrstuhl für Politik und Zeitgeschichte des Nahen Ostens der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und beschäftigt sich vor allem mit dem politischen Islam.
"Das Religiöse ist in der arabischen Welt sehr wichtig. Der politische Islam hat sich nicht von den Regimes kaufen lassen. Er stand für Bürgerrechte." Die Angst des Westens vor dem Islam führt aus Sicht des jungen Wissenschaftlers zu vielen Fehleinschätzungen. Peter Lintl, wie Wolff Dok torand an der Friedrich-Alexander-Universität, sieht das genauso: "Der Begriff Islamist ist so vage. Darunter kann man alles Mögliche verstehen, von Al-Kaida bis zu etwas wie einer islamischen CSU." Weder sei zu befürchten, dass die Islamisten in Tunesien einen zweiten Iran errichten, noch dass der Nahe Osten von Terroristen übernommen werde. Um mit falschen Vorstellungen aufzuräumen, haben Wolff und Lintl einen Internet-Blog gegründet. Auf www.fokus-nahost.de veröffentlichen sie ihre Sicht auf die arabische Welt.

Facebook und Scharia


"Es gibt viele englische und französische Blogs", sagt Wolff. "Wir haben das Gefühl, dass in Deutschland Informationsbedarf besteht." Was an den Universitäten diskutiert wird, komme in der Öffentlichkeit viel zu spät an, sagt Lintl. An den Hochschulen ist das westliche Bild des Orients, die Klischees, seit den 70er Jahren Thema. Lintl glaubt, außerhalb der Universitäten werde dennoch erwartet, dass die revoltierenden Araber Demokratien nach westlichem Vorbild installieren.
Wolff erklärt in einem seiner Blog-Beiträge die Theorie der politischen Straße als Ort, an dem sich revolutionäre Dynamik entwickelt. "Die traditionelle Revolution im Sinne einer auf das Militär gestützten Machtübernahme wird zunehmend durch eine Art von Bewegung abgelöst, die sich durch Dezentralisierung, relative Ideologiefreiheit und eine mit traditionellen Techniken nicht mehr kon trollierbare globalisierte Kommunikation auszeichnet", schreibt er. Das Internet spielt dabei eine große Rolle, allerdings schreibt Wolff in einem anderen Beitrag, warum der Be griff von der "Facebook-Revolution" nicht stimmt: Revolutionen, die in der Realität etwas verändern, müssen aus dem digitalen Raum heraustreten.
Demnächst will Wolff einen Beitrag zur Scharia schreiben. "Viele haben da so Methoden wie das Handabhacken vor Augen. Dabei wird vergessen, dass Scharia mehr ausdrückt als mittelalterliche Rechtsvorschriften und dass harte körperliche Strafen höchstens in Saudi-Arabien und irgendwo in Afghanistan durchgesetzt werden." Vielmehr gehe es um die zivilisatorisch-kulturelle Grundlage, auf die sich die Gesellschaften im Nahen Osten beziehen.
Wolffs Forschungsschwerpunkt ist Ägypten, Lintl befasst sich hauptsächlich mit Israel. "Die Bombe tickt", überschreibt Lintl einen Text zu den sozialen Problemen in Israel. Von Armut und Jugendarbeitslosigkeit ist vor allem die arabische und die ultraorthodoxe Bevölkerung betroffen. Lintl erklärt politische, religiöse und kulturelle Gründe. "Als die großen Demonstrationen in Israel waren, habe ich mit einer Freundin telefoniert, um zu erfahren, wie die Situation vor Ort ist. Sie ist Studentin und rutschte zufällig in den erweiterten Führungskreis der Proteste hinein."

Islamismus und Menschenrechte


Jeder der Blogger hat Kontakte in die Länder, mit denen er sich beschäftigt. Außerdem nutzen die Erlanger die üblichen wissenschaftlichen Quellen. "Aber wir geben das Ganze allgemeinverständlich wieder." Für die jungen Wissenschaftler ist der Blog ein Experimentierfeld. Sie können ihre Thesen veröffentlichen, diskutieren und verteidigen. "Es ist unheimlich wichtig, zu publizieren", sagt Lintl. Nur so kann ein Wissenschaftler sein Profil schärfen. Außer Wolff und Lintl sollen noch andere Autoren dazu kommen, deren Forschungsschwerpunkt der Nahe Osten ist.
Die meisten der potenziellen Autoren schreiben gerade ihre Doktorarbeit, andere studieren aber auch noch wie Mareike Transfeld. Sie hat gerade ihren ersten Beitrag zum Jemen gebloggt. Transfeld hat einige Jahre dort gelebt und hat noch gute Kontakte. Sie erklärt, dass Friedensnobelpreisträgerin Tawakkul Karman zwar Mitglied einer islamistischen Partei ist, aber keinen islamischen, sondern einen zivilen Staat fordert. Karman hat sich auch gegen radikale Religionsgelehrte gestellt. "Sie ist eine Aktivistin für Menschenrechte im Allgemeinen."


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Kommentare

 
1  Kommentare  
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johannah - 03.11.2011 21:49    (0)   
 

Ach ja! "Junge Wissenschaftler aus Erlangen
erklären (den so Unwissenden Mitmenschen) die Entwicklungen im Nahen Osten"

Und wie tun sie das? Sie betreiben gemeinsam einen Internet-Blog, vermutlich ohne einen einzigen Mohammedaner zu kennen, und werden vermutlich die Erkentnisse aus diesem Blog anschließend in ihrer Dissertation "verwursten". Vermutlich werden sie mit den so gewonnenen Erkentnissen ihren Doctor Titel erlangen. Und, weil die Fakultät Islamwissenschaften in Erlangen neu ist und sich zuerst profilieren muß, werden diese Dissertationen voraussichtlich mit "summa cum laude" bewertet.

Vielleicht sollten sich diese "Jung-Wissenschaftler", denen scheinbar nichts besseres eingefallen ist als das Studium einer der hierzulande brotlosesten aller Künste zu wählen, der Einfachhet halber mal bei Henrik M. Broder melden.

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