Kritikerin soll schweigen

30.09.2011   Ort: Herzogenaurach  Von: Michael Busch  Fränkischer Tag

Drohung Die Seniorenresidenz in der Tuchmachergasse in Herzogenaurach fürchtet um ihren Ruf. Daher soll eine Beschwerdeführerin einen Maulkorb verpasst bekommen.


Von wegen "Eitel Sonnenschein" in der Seniorenresidenz - die Anwälte gehen gegen die Herzogenauracher Kritikerin vor. Foto: Michael Busch
Klaus Korn, Leiter der Seniorenresidenz Herzogenaurach, hat es in einem Schreiben an den Fränkischen Tag klar formuliert: "Die Furcht der Mitarbeiterin, dass sie bei lauter Kritik Angst um ihren Job haben muss, ist unbegründet." Und weiter: "Begründete Kritik, unabhängig von welcher Seite, sehen wir als Chance, unsere Arbeit weiter zu verbessern." Doch begründet müsse sie sein.

Androhung von Strafen


Darüber kann eine der Angehörigen einer Bewohnerin des Hauses nur lachen. Denn ihr flatterte ein Schreiben der Curanum AG ins Haus - der Betriebsträgergesellschaft des Hauses in der Tuchmachergasse. In diesem gab es allerdings keinen "Dank" oder Anregungen für die von ihr geäußerte Kritik, sondern eine Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung. Das Schreiben, das der Redaktion durch einen Mitarbeiter des Hauses zugeleitet wurde, stellt klar, was passieren soll, wenn die Angehörige die Seniorenresidenz Tuchmachergasse in der Öffentlichkeit verunglimpft.
Zur Erinnerung: Im August hatte die Betroffene der Redaktion ihr Leid geschildert. In dem Haus gebe es untragbare Zustände, die für die dortigen Bewohner unerträglich seien. Da sie der Heimleitung bereits mehrfach die Problematik geschildert habe, dies aber ohne Erfolg, habe sie sich entschlossen, in die Öffentlichkeit zu gehen.
Eine Mitarbeiterin des Hauses hatte ebenfalls Informationen über das Vorgehen im Haus geliefert, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sie Angst um ihren Job habe, wenn sie verrate, wer sie ist. Die Verantwortlichen reagierten mit einem Schreiben, das vor allem beinhaltete, wie die Situation tatsächlich sei und dem Hinweis, dass Kritik geäußert werden müsse. Das druckte der Fränkische Tag ebenfalls ab.
Dass es zu Veränderungen im Hause in Folge des Zeitungsartikels kam, bestätigten die Beschwerdeführerin ebenso wie Bewohner im Haus und auch Pflegepersonal. Es kam aber auch zu der Erklärung. Um diesem neuen Schreiben Nachdruck zu verleihen, wird zum einen gleich darauf hingewiesen, dass "für den Fall der Zuwiderhandlung gegen die Unterlassungsverpflichtung (...) die Zahlung einer Vertragsstrafe an die Curanum AG in Höhe von 2500 Euro" fällig sei. Außerdem sei der Schaden der AG zu ersetzen, der durch die vermeintliche ruf- und geschäftsschädigende Äußerung entstanden sei.
Außerdem solle die Beschwerdeführerin die Anwaltskosten von 411,30 Euro übernehmen.

Keine Reaktion aus dem Haus


In der Folge listet die Kanzlei nochmals die aus ihrer Sicht rufschädigenden Aussagen auf. Weder die menschenverachtende Begleitung über den Tag sei der Fall, noch die Behauptung, dass die Bewohner in den Essenszeiten sich selber überlassen seien. Auch dass das Personal überfordert sei, stimme nicht. Dass eine Mitarbeiterin des Hauses diese Aussage bestätigt hatte, darauf geht das Unternehmen nicht ein.
Diese erklärt auf Nachfrage, dass im Haus intensiv nach der "Verräterin" gesucht werde. "Es wird ganz offen über die Entlassung gesprochen, wenn man dahinterkomme", erklärt die Mitarbeiterin. "Offen mit der Kritik umgehen", dem stehe gegenüber die anwaltliche Aufforderung, zu schweigen.
Die Verantwortlichen selber reagieren wie bei der ersten Veröffentlichung: "Kein Kommentar", "Herr Korn ist in dieser Sache nicht zu sprechen", "Sie dürfen dieses Schreiben nicht haben, geschweige denn veröffentlichen." Da wirkt der letzte Absatz des Schreibens an die betroffene Tochter fast wie ein Hohn: "Für die Zukunft bitten wir Sie, etwaige Probleme oder Beschwerden auf direktem Wege an die Mitarbeiter, die Heimaufsicht oder den Heimbeirat zu richten, um unmittelbar und effektiv darauf reagieren zu können."
Die Angeschriebene wird laut ihrer Auskunft nicht zahlen. "Das ist ein Einschüchterungsversuch, den ich nicht hinnehme", erklärt sie auf Nachfrage.

Der Kommentar dazu:

Leere Worte, volle Heime
Die Reaktionen der Verantwortlichen des Pflegeheimes überraschen nicht. Es war vorhersehbar. Denn in den meisten Heimen ist so reagiert worden wie in Herzogenaurach. Nach außen hin wird erst einmal beruhigt, propagiert, wie gut man eigentlich sei, und dass man selbstverständlich der Kritik offen gegenüberstehe. Im zweiten Teil der Reaktion wird es dann unangenehm. Mitarbeiter werden wegen ihrer Mitteilungsfreudigkeit gesucht, um sie zu maßregeln, Außenstehende erhalten Post vom Anwalt. Damit wird versucht, die Menschen einzuschüchtern, die ihre Lieben in fremde Hände gegeben haben, um sie optimal versorgen zu lassen.
In solchen Momenten wird es dann deutlich, dass es bei dem Geschäft mit den Alten nur um das Geschäft geht. Möglichst hohe Rendite erzielen, die Geschäftsführergehälter sind teuer. Skurril ist lediglich, dass anderen der Mund verboten werden soll, um Schaden vom Hause abzuwenden, dabei produzieren die Verantwortlichen durch solche Reaktionen den nachhaltigsten Schaden. (Michael Busch)



Drucken Artikel Versenden Abo bestellen
 

Weitere Artikel zum Thema suchen



Alternative Suche im Zeitungsarchiv
Hinweis: für Epaper-Abonnenten kostenlos


Kommentare

 
2  Kommentare  
Sortierung: 
 

Meckerer - 30.09.2011 14:53    (0)   
 

Merkwürdig.
Ginge es nach den Betroffenen, würde kaum jemand im Heim gepflegt – Umfragen zufolge wünschen sich das gerade mal fünf Prozent. Tatsächlich aber landen dort immer mehr Menschen. Ihre Zahl stieg in den vergangenen zehn Jahren um knapp 28 Prozent, die der Zuhause Versorgten nur um ein Zehntel. Es gibt einen eindeutigen Trend zu mehr professioneller Pflege. Und die ist teuer. Während pflegende Angehörige für die leichten Fälle monatlich gerade mal 225 Euro erhalten, gibt es für ambulante Dienste 440 Euro und fürs Heim 1023 Euro.Kann es sein das die Pflegeheime nur noch abkassieren wollen ??

Roth - 30.09.2011 13:38    (0)   
 

der Kommentar von Michael Busch ....
.... sagt alles! Es geht um das Geschäft und darum, dass die Heime voll sind und bleiben, damit man die Geschäftsführerlöhne erwirtschaftet. Schade, dass es ganz selten um das Wohl der Bewohner und des "kleinen" Personals geht!!!!

Kommentieren


Titel:
Text:
 
(noch Zeichen)

Unregistrierte Nutzer
 
 

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:  *
gewünschtes Passwort:  *
Wiederholung Passwort:  *
E-Mail:  *
Kundennummer:
Anrede:
Frau Herr  
Vorname:
Nachname:
Zusatz (z.B. Firma):
Straße/Hausnr.:
PLZ/Ort:  *
Ich bin mit den AGB einverstanden.:  *


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Wieviel ist 3 x 3 : 




Nachrichten aus Ihrer Umgebung
Bad Kissingen Schweinfurt Kitzingen Haßberge Bamberg Erlangen-Höchstadt Forchheim Bayreuth Kulmbach Lichtenfels Coburg Kronach
Stammtisch-Gwaaf mit KKK
KKK
Auf kkk.infranken.de finden Sie alle Videos.
Soziale Netzwerke + Services inFranken.de
E-Paper + Zeitungsarchiv
Die Zeitungsausgaben der letzten zwei Wochen stehen Ihnen mit dem Online-Abo jederzeit, weltweit online zur Verfügung.
Zum E-Paper

Sie suchen einen älteren Zeitungsartikel?
Zum Zeitungsarchiv