Wilde packt an!

21.07.2010     inFranken.de

HSC 2000 Der Dachdeckermeister bastelt derzeit kräftig an der Zukunft des Coburger Zweitligisten. Während der langen Vorbereitungsphase will der Cheftrainer nichts dem Zufall überlassen.


HSC-Trainer Raimo Wilde ist Dachdeckermeister.
Von Christoph Böger

Leger mit Sonnenbrille im Haar, das Hemd weit aufgeknöpft, die Flip-Flops unterm Tisch lässig aufeinander gestellt. Hier geht's einem richtig gut. Und der Schein trügt nicht: "Ich fühl' mich verdammt wohl, hier lässt es sich aushalten", schwärmt Raimo Wilde und zieht sich seine schwarze Brille runter. In der spiegelt sich der stolze Albert, ein paar empor spritzende Wasserfontänen und die halbe Bratwurstbude.

"Coburg is ne richtig geile Stadt", legt der nach Erfolg dürstende Handballtrainer nach, der einst aus dem tiefen Osten flüchtete und in Volkach bei Würzburg eine Wahlheimat fand.

Wahlheimat - das könnte auch Coburg werden. Ein "echter Coburger" ist er zwar noch nicht, doch auf einem guten Weg dorthin.

Dabei stand sein HSC-Engagement über die Saison hinaus auf der Kippe, denn ein künftiger Schweizer Erstligist hatte die Fühler ausgestreckt. "Ins Ausland zu gehen, hat mich schon immer gereizt und ich habe mir die Sache in der Schweiz mal angehört." Doch Wilde entschied sich auch und vor allem im Sinne seiner Lebensgefährtin für Coburg, wo er demnächst eine Wohnung im Steinweg bezieht.

Der HSC habe sich richtig viel Mühe gegeben. "Der Hakan ist ein Klassemann" (gemeint ist 2. Spielleiter Hakan Balkan/Anm. d. Red.). Er hat dem Coach nämlich mitten im Zentrum, mitten im Herzen der Vestestadt eine Wohnung besorgt. So wie es sich für einen gehört, der im Mittelpunkt steht. Vor allem samstags ab sechs, wenn sein "verschworener Haufen" in der alten Angerhalle auf der Platte steht.

Wilde kann's kaum erwarten. "Ich freue mich riesig auf den Zweitligastart", sagt er mit einem für ihn typischen breiten Grinsen und schlürft an seiner großen Fanta mit extra vielen Eiswürfeln. Dann zieht er die Brille wieder nach oben und schlägt stolz seine dicke Vorbereitungsmappe auf: Darin ist dokumentiert, dass er seit drei Wochen die HSC-Spieler "quält".

Der Schweiß fließt, egal ob im Fitness-Studio, in den Hallen, auf der Laufbahn, im Wald oder im Aquaria. "Wir trainieren richtig hart. Bei mir gibt es keine Ausreden." Der Dachdeckermeister lässt keinen Zweifel daran: "Einer muss sagen, wo es lang geht und hier bin ich der Chef".

Wohin sein Weg mit dem HSC führen soll, ist klar, die Ziele hinreichend bekannt: Eines heißt eingleisige 2. Liga, ein anderes "eine volle Halle auf der Lauterer Höhe. Das wäre eine richtig tolle Sache". Der Spielplan gibt es her, denn das erste Heimspiel 2011 beschert den "Schwarz-Gelben" den ThSV Eisenach und wenig später kommt der HC Erlangen. Zwei Derbys also.

"Wir müssen im Februar nur einigermaßen dabei sein, dann wird die Kiste da oben schon voll", ist sich der gewiefte Taktiker schon jetzt absolut sicher. Ihm wird nachgesagt, dass er ein Spiel in kürzester Zeit lesen und darauf reagieren kann wie kaum ein zweiter Handballtrainer in der 2. Liga.

Alles laufe prima, alle ziehen voll mit. Wilde fühlt sich im Juli 2010 aber nicht nur als Trainer wie im siebten Himmel. Der zweifache Vater - Rico ist 15 und Maximilian sieben - hat auch privat und beruflich alles im Griff.

Ein drittes Kind mit seiner neuen Lebensgefährtin Margarete-Anna kann er sich sehr gut vorstellen. Doch bevor es soweit ist, muss er sich mit Wunschspielern "trösten".

"Ich habe alle bekommen, die ich wollte. Dem Siggi muss ich ein ganz dickes Kompliment machen", lobt der Trainer den sportlichen Leiter. Auch die erhofften Trainingszeiten und -orte waren schnell perfekt gemacht. Die Zusammenarbeit beim HSC 2000 läuft derzeit anscheinend wie geschmiert.

Bei seinem Betreuerstab überlässt Wilde nichts dem Zufall und will aus jedem Spieler das Beste herausholen. Mit sportwissenschaftlichen Studien wurde deshalb in der ersten Phase der Vorbereitung systematisch untersucht, wie sich bestimmte Parameter auf die sportliche Leistungsfähigkeit oder auf die Gesundheit von Anderson, Rose, Göhl & Co. auswirken. Wildes Trainingskonzeption beinhaltet konkrete Ziel- und Aufgabenstellungen sowie Lösungswege, damit die angestrebten, ehrgeizigen Ziele erreicht werden.

Mit dem sportlichen Leiter Siggi Roch (O-Ton Wilde: "Er ist ein Glücksfall für den HSC") und Vorsitzendem Jürgen Heeb lag er bisher stets auf einer Wellenlänge. Mit einer Ausnahme: Während Heeb nämlich bei der Hauptversammlung am Montag davon sprach, dass die Neuzugänge erst einmal integriert werden müssen, lehnt sich Wilde weit aus dem Fenster: "Unsere Neuzugänge müssen gar nicht großartig integriert werden. Ich habe mir die Jungs herausgesucht und dabei bewusst auf deren Charakter geschaut. Die passen ins Team wie die Faust aufs Auge."



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