Wenn Literatur aufs Leben trifft

29.01.2011   Ort: Coburg     Coburger Tageblatt

Bekenntnis Der Leiter der Rudolf-Steiner-Schule, Christoph Wegener, spricht darüber, was ihn antreibt, literarische Texte neu zu erzählen und sie in einen aktuellen Zusammenhang zu stellen. Jetzt hat er sein erstes Buch herausgegeben.


Irgendwann wollte Christoph Wegener nicht nur viel lesen, sondern auch selbst schreiben. Inzwischen sind so viele Geschichten zusammengekommen, dass sie für ein Buch reichen. Foto: Helke Renner
Diese Geschichten eignen sich nicht als Bettlektüre, es sei denn man möchte wachbleiben und die Nacht mit Grübeln und Zu-Ende-Denken verbringen. Christoph Wegener macht es dem Leser nicht leicht - er weiß das. Er sieht sich auch weniger als Erzähler denn als Komponist. "Für fast alle Geschichten gibt es eine literarische Vorlage, die ich auf meine Weise bearbeite", erläutert der Autor. "Je schwerer der Stoff, desto mehr reizt er mich." Also verknüpft er die Geschichte von Orpheus und Eurydike mit Emily Brontës "Wuthering Heihgts". Er holt die Figuren aus ihrer Schattenwelt und erzählt parallel dazu von einer unerfüllten Liebe in der Jetztzeit.
Eine Komposition par excellence ist die Erzählung mit dem Titel "Tjoste", die mittelalterliche Bezeichnung für den Zweikampf von Rittern. Hier wechselt die Beschreibung eines Filmdrehs mit Rap-Songs und der entschleunigten Vorbereitung eines Ritters auf den Zweikampf. Die verschiedenen Teile sind in unterschiedlicher Schrift gedruckt. Am Ende fließen Fiktion und Realität derart ineinander, dass der Leser zunächst ratlos ist, aber unbedingt darüber nachdenken, zurückblättern, noch einmal lesen muss. Die Aufgabe ist nicht unlösbar, das Erkennen macht Spaß. So geht es fast bei jeder Geschichte. Sie haben nur vermeintlich kein richtiges Ende. Dabei ist es wie im Leben auch: Nicht alles lässt sich rational erklären und zu einem schlüssigen Ergebnis bringen. "Ich weiß oft selbst nicht, wo eine Geschichte hinläuft. Aber es macht mir Freude, einen komplizierten Strumpf zu stricken."
Wie der Buchtitel heißt auch eine Erzählung: "Wie bei Sempé". Auch das ein Rätsel, denn mit dem französischen Zeichner Jean-Jacques Sempé hat auf den ersten Blick weder das eine noch das andere zu tun. Aber: "Ich finde, dass meine Geschichten seinen Cartoons ähnlich sind. Sie sind mehrdeutig, und das ist für mich die Kunst", sagt Christoph Wegener.
Was aber veranlasst einen Schulleiter, der zudem überall in Deutschland Vorträge hält, andere Waldorf-Pädagogen schult, fachliche Publikationen schreibt und auch noch Pferde züchtet dazu, Belletristik zu schreiben? Er habe immer viel gelesen, auch schon als Kind. Aber das mache irgendwie auch weltuntüchtig. "Man liest sich so weg." Er wollte irgendwann selbst schreiben. Während seines Germanistik-Studiums in Würzburg und Freiburg versuchte er es mit Gedichten und bot sie Literatur-Zeitschriften an. "Ich hatte eine schöne Sprache, aber ich kannte das Leben nicht", erinnert sich Christoph Wegener.
Also ließ er es erst einmal sein - 30 Jahre lang. Doch dann mussten all die Geschichten raus. "Mit ,Schatten' habe ich angefangen." Stück für Stück kamen die anderen dazu. Der Plan, daraus ein Buch zu machen, reifte im Herbst 2010. "Genug Material hatte ich." Der Titel war da, der Einband entworfen - mit einer witzigen Zeichnung des Autors an versteckter Stelle. Es fehlte nur noch der Verlag. Doch da war Christoph Wegener vorsichtig. Er wollte nicht eine Menge Geld investieren, ohne sicher sein zu können, dass sein Buch auch gekauft wird. Also entschied er sich für den Eigenverlag.
Als nächstes kommt etwas, das auch zum Schreiben und Publizieren gehört: Der Autor muss sein Buch vorstellen, am besten mit einer Lesung. Dazu gibt ihm die Stadtbücherei am 25. März Gelegenheit.


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