"Ich habe mich nie als Ausländerin gefühlt"

03.09.2010     inFranken.de

Erinnerung Die italienische Gastarbeiter-Familie Zinfollino hat 17 Jahre in Coburg gelebt. Besonders die Tochter Grazia Zinfollino zieht es immer wieder zurück. In dieser Woche zeigte sie ihrem Ehemann und ihren Kindern die Stadt, die sie so mag


Coburg bleibt die Stadt ihrer Träume. Grazia Zinfollino kommt gern hierher zurück. Foto: Joachim Kortner
Auf die Frage, welche Bindung sie heute noch an Coburg hat, kann Grazia Zinfollino nicht sofort antworten. Ihre Augen werden rot, sie schluckt und bemüht sich, die Tränen zu unterdrücken: "Ich werde die Stadt nie vergessen. Am liebsten würde ich jedes Jahr hierher kommen", sagt die Italienerin, die 17 Jahre lang erst in der Nägleinsgasse, dann in der Kreuzwehrstraße und schließlich in Beiersdorf verbracht hat. Ihr Deutsch ist akzentfrei. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Andria in Apulien. Von dort war ihr Vater 1966 in Richtung Coburg aufgebrochen, um als Gastarbeiter sein Geld zu verdienen. Ein Jahr später kam seine Frau mit den Töchtern Maria und Grazia nach. Zwei weitere Kinder wurden in Coburg geboren.

1983 kehrte die Familie nach Andria zurück. "Meine Eltern waren müde. Vor allem meine Mutter hatte hier kaum Kontakte und fühlte sich oft einsam", erinnert sich Grazia Zinfollino. Sie und ihre Geschwister seien auch gern mitgegangen in den warmen Süden Italiens, aber Coburg blieb ihre große Liebe. Zum ersten Mal sei sie 1988 wieder in der Stadt gewesen, 2000 das zweite Mal, erzählt Grazia Zinfollino. Nun ist sie wieder da und hat ihren Ehemann, Sabino Fusaro, und ihre drei Kinder Giorgia, Federica und Lazzaro mitgebracht.

"Am liebsten wäre ich ja allein gekommen, um alles in Ruhe wie ein Schwamm aufsaugen zu können, aber ich wollte meiner Familie die Stadt auch einmal zeigen, von der ich so viel erzählt habe", sagt die junge Frau. Und sie hat sich mit Freundinnen und Freunden verabredet: mit Sabine Höll, mit der sie zur Schule gegangen ist, Margit Möring, eine sehr enge Freundin - ihretwegen ist Grazia Zinfollino unter anderem mit ihrer Familie nach Coburg zu Besuch gekommen - und dem ehemaligen Nachbar, Friedrich Knabe. Die Begrüßung ist euphorisch. Und als Joachim Kortner mit Ehefrau zum Treffen in die Raststraße, Ecke Kreuzwehrstraße, kommt, ruft ihm Grazia Zinfollino begeistert "Gioacchino!" entgegen. Auch wenn der Autor des Buches "Raststraße" Grazia nicht von früher kennt, verbindet sie doch seit einiger Zeit eine besondere Freundschaft.

Und das kam so: Bei einer Lesung im März 2009 im Andromeda-Saal der Landesbibliothek kam ein Zuhörer zu Joachim Kortner, legte ihm ein Foto hin und sagte, in diesem Haus habe er gewohnt, sei also quasi ein Nachbar gewesen. Der Autor aber konnte sich an das Gebäude nicht erinnern - auch sonst niemand, den er fragte. Also stellte er das Foto ins Internet, in der Hoffnung, es finde sich jemand, der ihm weiterhelfen könnte. Grazia Zinfollino erkannte das Haus, denn sie wohnte in unmittelbarer Nachbarschaft. Heute steht dort das Gebäude der HUK-Coburg. Das Haus, in dem die Zinfollinos wohnten, gibt es auch nicht mehr.

Dass sich die Freunde dennoch dort treffen, weckt in Grazia Erinnerungen: "Wir haben hier auf der Straße Federball und Verstecken gespielt, sind Fahrrad gefahren und im Heuweg Rollschuh gelaufen." Sie hat den Kindergarten Park 3 besucht und ist in die Heiligkreuz-Schule gegangen. Fremdenfeindlichkeit habe sie nie gespürt. "Ich habe mich nicht wie eine Ausländerin gefühlt, sondern wie eine Deutsche. Nur zu Hause waren wir Italiener." Im Sommer wurde der VW-Bus gepackt, den Vater Zinfollino zu einem Camper umgebaut hatte. Dann ging es für einen Monat nach Italien zur Oma. Vor einer Woche führte nun die Urlaubsreise in die entgegengesetzte Richtung. Jedes Jahr kann sich das Grazia Zinfollino aber nicht leisten. Für ihre fünfköpfige Familie sei das finanziell nicht machbar. Umso intensiver möchte sie alles genießen. Und was sagt der Ehemann dazu, der zum ersten Mal in Deutschland ist? "Ich bin positiv überrascht von Bayern, von der Architektur und den Menschen", sagt er und Grazia übersetzt, denn Deutsch spricht Sabino Fusaro nicht. Das tue ihm am meisten leid, denn er möchte sehr gern nachempfinden, wie seine Frau das Wiedersehen mit Coburg erlebt.



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