Die Coburger Oma-WG

08.02.2012   Ort: Coburg  Von: Natalie Schalk  Fränkischer Tag

Senioren Gesundheitsminister Daniel Bahr will Wohngemeinschaften von Demenzkranken und weniger Pflegebedürftigen fördern, Pfleger oder Hilfskräfte sollen zeitweise dazu kommen. Ein etwas anderes Modell fürs Wohnen im Alter gibt es bereits in Coburg. Das Haus Wilna ist eine Wohngemeinschaft mit verschiedenen Generationen.


Im Gemeinschafts-Wohnzimmer trifft sich Anneliese Krestan (rechts) regelmäßig mit Nachbarn zum Spiele-Nachmittag. Foto: Christine Opitz
Halma fällt heute aus. Anneliese Krestans Enkel hat Geburtstag, das geht vor. "Normalerweise treffen wir uns aber jede Woche zum Spiele-Nachmittag", sagt die 72-Jährige. "Wir" - das sind Anneliese Krestan, ihre Mitbewohner und inzwischen auch ein paar Nachbarn aus der Umgebung. Anneliese Krestan lebt in Coburg in einer der "alternativen Wohnformen" für Senioren, die Gesundheitsminister Daniel Bahr jetzt verstärkt fördern will. Pflegebedürftige sollen demnach künftig verstärkt in selbstständigen Wohngemeinschaften zusammenleben. Sozialverbände und Opposition kritisierten, der Minister wolle damit vor allem sparen.

Das "Haus Wilna" in Coburg ist eine Alternative fürs Alter, allerdings ist es keine Pflege-WG und hat einen etwas anderen Ansatz. Wilna steht für "Wir leben nicht allein", und der Name ist Programm: Im Alter nicht allein zu sein war der wichtigste Grund, warum ein halbes Dutzend Coburger Senioren 2006 auf die Idee kam, eine WG zu gründen. Zwei Jahre dauerte es, bis mit Hilfe der Awo ein Verein für ein Wohnprojekt gegründet und ein Haus gefunden wurde.
Es hat 15 abgeschlossene Wohnungen und eine Gemeinschaftswohnung für Besuch, Feiern - und zum Halmaspielen. 15 Frauen und sieben Männern zwischen 21 und 85 Jahren leben hier, das Durchschnittsalter liegt bei 61. "Ursprünglich war eine Senioren-WG gewünscht, dann wurde daraus ein generationenübergreifendes Projekt", erklärt Christine Opitz. Die Sozialpädagogin ist die Moderatorin der Gemeinschaft. Moderatorin? "Es ist ja nicht alles perfekt", sagt Anneliese Krestan. Meinungsverschiedenheiten gebe es selten, aber manchmal Diskussionsbedarf. Alle zwei Wochen treffen sich die Bewohner mit Moderatorin Opitz und besprechen, was gerade anliegt.

Nur mit Warteliste in die WG



Opitz arbeitet hauptberuflich in der Seniorenbegegnungsstätte Treff am Bürglaß-Schlösschen. Fürs Haus Wilna führt sie inzwischen eine Warteliste mit Interessenten verschiedenen Alters. Den Vorstoß des Gesundheitsministers findet sie "löblich" - zumindest von der Idee her. "Ich möchte später auch lieber in einer WG als in einem Altenheim wohnen. Und ich möchte nicht in der Rolle einer Altenpflegerin stecken, die soundsoviele Minuten hat, um einen Bewohner zu waschen." Opitz hat einmal in so einer Einrichtung gearbeitet. Erschrocken stellte sie fest, wie schnell die Menschen unmündig wurden. Für die Mahlzeiten sei top gesorgt. "Das führt dazu, dass die Bewohner nicht mal auf die Idee kommen, sich selbst einen Tee zu machen."

Es sei für Senioren wichtig, selbst aktiv zu werden, nicht nur auf Hilfe angewiesen zu sein, sondern auch etwas geben zu können. "Im Haus wohnt eine Dame, die inzwischen körperlich recht eingeschränkt ist, die ihre Nachbarn durch ihre humorvolle, unterhaltsame Art aber zum Lachen bringt und ein Segen für die Gemeinschaft ist."
Mit 80 sei es zu spät, eine passende WG zu suchen. "Die Idee des Gesundheitsministers ist gut, aber Gemeinschaftswohnen ist vor allem eine Vorsorge, um Lebensqualität zu erhalten." Und zwar bevor es nur noch um Versorgung und Pflege geht. "Wenn einer nur noch da liegt, hat das mit sozialer Teilhabe nichts zu tun."

Soziale Teilhabe ist das, was Anneliese Krestan will. "Ich bin halt gern unter Menschen." Zwölf Jahre lebte sie nach dem Tod ihres Mannes allein im Haus der Familie. "Ich hab' da Depressionen bekommen." Im Haus Wilna ist sie nicht allein. "Ich bin total begeistert - hier zieh' ich nicht mehr aus", sagt sie und schiebt ein deutliches "auf gar keinen Fall!" hinterher.

Pflegedienst und Gymnastikstunde


Etwa die Hälfte der Bewohner bekommt Hilfe von Assistenz- oder Pflegediensten. "Mit Anträgen und Pflegestufen kenne ich mich nicht aus", sagt Anneliese Krestan. "Da kümmert sich meine Tochter drum." Die Familie hat besprochen, dass Oma Krestan im Haus Wilna bleiben will, auch wenn sie irgendwann nicht mehr so fit ist. WG-Leben und gemeinsame Aktivitäten halten sie aber fit: Morgen steht Gymnastik auf dem Programm.




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Kommentare

 
1  Kommentare  
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Roth - 09.02.2012 18:12    (0)   
 

keine schlechte Idee, ...
.. eine Altenwohngemeinschaft. Sicher eine gute Form von Mehrgenerationenhäusern. Jeder hat eine abgeschlossene Wohnung und es gibt eine große Gemeinschaftswohnung für soziale Kontakte.

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