Im Weg steht nur ein Korb voll Post

11.03.2008     inFranken.de

Vorstellungsgespräche sind bei großen Firmen aus der Mode gekommen, heute lädt man Bewerber ins Assessment Center ein. Die Jobanwärter müssen Post durcharbeiten und werden auf Persönlichkeit und Können geprüft.

Endlich, ein kleiner Umschlag im Briefkasten, eine Antwort auf die Bewerbung: „Mit diesem Schreiben laden wir Sie herzlich zu einem Assessment Center ein.“ Zu einem was bitte? Als würde nicht schon das gute alte Vorstellungsgespräch nervenaufreibend genug sein, jetzt muss man sich auch noch mit Anglizismen wie Assessment Center, kurz AC, herumärgern.


Das Beurteilungsverfahren kann bis zu drei Tagen dauern


Das Englische Wort „to assess“ bedeutet übersetzt „beurteilen“. Ein AC ist also ein Beurteilungsverfahren. Entwickelt wurde es in der Weimarer Republik, um Offiziere auszuwählen. Seit den 70er Jahren wird dieses Verfahren auch im betrieblichen Alltag genutzt. Meistens laden große Firmen Hochschulabsolventen dazu ein. Bei kleineren Firmen kommen sie seltener vor, da sie aufwendig und teuer sind. Ein AC dauert zwischen einem und drei Tagen und kann von Job zu Job variieren. Im Wesentlichen aber besteht das Verfahren aus vier Säulen.


Harte Tests, weiche Fähigkeiten


Privatdozent Armin Stock hält an der Universität Würzburg Seminare, in denen er mit seinen Studenten ein AC entwirft und mit Probanden durchspielt. Er erklärt die Struktur des Auswahlverfahrens: „Ein AC beinhaltet meist eine Postkorb-Übung, einen Persönlichkeits- und einen Intelligenztest sowie eine Gruppenarbeit.“ Bei einer Postkorb-Übung müssen die Bewerber einen Korb voll Post durcharbeiten. Sie sollen fiktiv einen Kollegen vertreten. Entscheidungen müssen selbstständig getroffen werden, Termine ausgemacht und verschoben werden. Ein Persönlichkeitstest soll die „Soft Skills“ (dt.: weiche Fähigkeiten) zeigen.


Es ist wichtig, natürlich zu sein und sich nicht zu verstellen


Das heißt, der Bewerber wird während des ACs beobachtet, um zu sehen, wie sozial kompetent er ist. Deshalb sei es zum Beispiel in Gruppenarbeiten wichtig, sich zu Wort zu melden. „Man sollte aber nicht zu dominant auftreten“, rät Armin Stock. Soll eine Gruppe also einen Vortrag halten, wäre es gut, sich einmal als Referent zu melden. In Intelligenztests oder Wissenstests müssen die Jobanwärter meist Fragen zum Beruf oder zum Allgemeinwissen beantworten. „Man sollte selbstbewusst in ein AC gehen, denn mit der Einladung ist man schon sehr weit gekommen.“


Wer die Konkurrenz schlecht macht, beweist schlechten Stil


Ansonsten sei das wichtigste, sagt Armin Stock weiter, natürlich aufzutreten. Zwar könne der Bewerber versuchen, sein Verhalten auf die Anforderungen in der Firma auszurichten. Doch das kann auch nach hinten losgehen. „Denn wer beispielsweise nicht extrovertiert ist, die Stelle aber diese Eigenschaft erfordert, müsste fortan immer eine Rolle spielen.“ Und das mache schließlich nicht glücklich.
Weitere Tipps des Experten sind: „Man sollte unbedingt pünktlich sein und ein gutes Benehmen an den Tag legen. Ich halte es außerdem für einen großen Fehler, zu versuchen, andere Teilnehmer schlecht zu machen.“ Und falls es nicht auf Anhieb klappt, sollte man nie den Mut verlieren. Stock: „Bei jedem Mal nimmt man ein Stück mehr Erfahrung mit.“



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