Bratwurst kontra Kunst

25.07.2011   Von: Monika Beer  

Vorschau Sebastian Baumgarten inszeniert Richard Wagners "Tannhäuser" bei den Bayreuther Festspielen. Heute ist Premiere.


Sebastian Baumgarten in Bayreuth Foto: David Ebener /dpa
Schon seit den Hauptproben brodelt es heftig in der Gerüchteküche am Grünen Hügel. Zum einen wegen Frank Castorf, der womöglich den Jubiläums-"Ring" 2013 inszenieren könnte. Zum anderen machte das Wort von der "Biogasanlage" die Runde, die im neuen "Tannhäuser" Hauptbestandteil des Bühnenbilds sein soll.
Was haben Stahlbehälter und Druckkessel beim Sängerkrieg auf Wartburg zu suchen? Vermutlich eine ganze Menge, wie das Premierenpublikum der 100. Bayreuther Festspiele heute ab 16 Uhr erleben wird. Ausgedacht haben sich das der 42-jährige Regisseur Sebastian Baumgarten und sein Bühnenbilder Joep van Lieshout, ein niederländischer Künstler vom Jahrgang 1963, der für Objekte bekannt geworden ist, die sich auf der Grenze von Kunst, Architektur und Design bewegen.
Das Recyclingzentrum, das auf der Bühne installiert wird, soll für beide Spielorte der großen romantischen Wagneroper gelten: "Es muss doch etwas bedeuten", sagte Baumgarten vor der Premiere in einem Interview, "wenn die Musik der Venusbergwelt auch in der Wartburgwelt anklingt - und umgekehrt."
Schlagzeilen hat die Neuinszenierung schon im Vorfeld gemacht, weil auch "normale Festspielbesucher" auf der Bühne sitzen sollen - um die Distanz zwischen Zuschauern und Bühne aufzuweichen. "Wir wollen", so der Regisseur, "eine Durchbrechung der vierten Wand. Der Zuschauerraum soll sozusagen auf die Bühne überschwappen."
Ob von seinem Plan, auch die Pausen aufzulösen, noch etwas übrig geblieben ist, wird sich heute zeigen. Die "Welt am Sonntag" vermeldete gestern, dass das Vorhaben gewissermaßen wegen der Bayreuther Bratwürste gescheitert sein soll. Und zwar deshalb, weil die Festspielrestauration das verbriefte Recht habe, in zwei Pausen für Speis' und Trank zu sorgen.

Tenor und Rockmusiker


Man darf in jedem Fall gespannt sein auf die Titelfigur, die der schwedische Tenor und sporadische Rockmusiksänger Lars Cleveman verkörpert. Regisseur Baumgarten hat die einschlägigen Regieanweisungen Wagners ganz genau gelesen und bezieht sie konkret auf das Leben des Komponisten. "Das ist einer, der sich zwischen Exzess und Ordnung, Rausch und Traum aufreibt."
Weitere Hauptsolisten sind Günther Groissböck als Landgraf, Michael Nagy als Wolfram von Eschenbach, Camilla Nylund als Elisabeth und Stephanie Friede als Venus. Sie debütieren in Bayreuth ebenso wie der Dirigent Thomas Hengelbrock, der sich vor allem als Vertreter der historisch-informierten Aufführungspraxis einen Namen gemacht hat.
Was immer auch passiert: Bei diesem "Tannhäuser" kann eigentlich nichts schief gehen. Denn wie der aktuelle Bayreuther "Heimatkurier" auf seiner Titelseite zeigt, war der Papst schon da - und zwar im August 2003, als der damalige Kardinal Joseph Ratzinger mit seinem Bruder Georg eine Bayreuther "Tannhäuser"-Aufführung besuchte.

Zur Person:

Sebastian Baumgarten ist 1969 in Berlin geboren. Der Sohn einer Sängerin und Enkel des damaligen Staatsopernintendanten in Ostberlin studierte Opernregie und assistierte bei Ruth Berghaus, Einar Schleef und Bob Wilson. Von 1999 bis 2002 war er Oberspielleiter am Staatstheater Kassel, wo er u.a. Wagners "Parsifal" inszenierte, von 2003 bis 2005 wirkte er als Chefregisseur am Meininger Theater. 2002 erhielt er für seine Lesart von Puccinis "Tosca" in Kassel den Götz-Friedrich-Preis, 2006 kürten Kritiker der Zeitschrift "Opernwelt" ihn für seine Inszenierung von Händels "Orest" in Berlin zum Regisseur des Jahres. Er arbeitet, gern auch sparten übergreifend, in Schauspiel und Musiktheater.


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