Ein Brautkleid war fast so alt wie die Kapelle

31.08.2010   Von: Evi Seeger  inFranken.de

Festtag Seit 125 Jahren besteht die Wingersdorfer St.-Bartholomäus-Kapelle. Der ganze Ort war beim Jubiläumsfest auf den Beinen. Höhepunkt war eine Modenschau mit Brautkleidern aus längst vergangenen Tagen.


Dieses Brautkleid aus Hohenpölz aus dem Jahr 1892 ist fast so alt wie die Wingersdorfer Kapelle. Vorgeführt wurde es von Christine Göller (als "Bräutigam" fungierte Thomas Wiesneth). Foto: Evi Seeger
So lange Isidor Spörlein zurückdenken kann, hat sich seine Familie um die kleine Kapelle in Wingersdorf gekümmert. "Den alten wurmstichigen Altar hat mein Vater verkauft und Stühle und Bänke angeschafft", erinnert sich der heute 74-Jährige. Anstelle des Altars bekam die Kapelle als Leihgabe der Erlanger Herz-Jesu-Kirche das dreigeteilte Altarbild mit der Taufe Jesu, der Weihnachtszene und dem Guten Hirten. Bis im Jahr 1990 ein elektrisches Läutwerk eingebaut wurde, brachten die Spörleins die Glocke per Hand zum Klingen. Drei Mal täglich wurde zum Engel des Herrn geläutet. War jemand im Ort verstorben, wurde die Gemeinschaft zum Totengebet gerufen. "Wir haben auch immer beim Läuten probieren dürfen", erzählt Maria, eine der Spörlein-Töchter. "Zu Silvester haben die Buben immer Kracher durch das Guckloch in der Tür geworfen, weil es in der Kapelle besonders laut geknallt hat", erinnert sich die junge Frau weiter. Einer der Höhepunkte des Jahres war für sie und ihre Schwestern jeweils die Kapellenstation beim Flurumgang der Pfarrei Sambach. Alle Kinder des Dorfes sammelten - und tun dies bis heute - Blumen, um vor der Kapelle einen farbenprächtigen Teppich für das Allerheiligste zu legen.

Kreis- und Bezirksbäuerin Anneliese Göller, die in Wingersdorf zu Hause ist, nahm das 125. Jubiläum der Kapellenweihe zum Anlass, Isidor Spörlein für alle die aufopfernde Liebe zu dem kleinen Gotteshaus zu danken. Monika Burkhard, seit 25 Jahren Vorbeterin, ließ die vergangenen Jahre und was sie dem Ort an Neuerungen brachten, Revue passieren.

"Von diesem Kirchlein ist großer Segen ausgegangen, sagte Prälat Hans Wich bei der Feier des 125jährigen Bestehens der Wingersdorfer Sankt-Bartholomäus-Kapelle. Dass die Kapelle noch heute Herz und Mitte des 170-Seelen-Ortes ist, zeigte das Fest, das ihr die Einwohner zum 125. "Geburtstag" ausrichteten.

Mit seinen Worten verband der Geistliche vor allem die zehn Priester- und Ordensberufe, die seit dem Kapellenbau aus dem kleinen Ort hervorgegangen sind. Das Wichtigste sei, dass Wingersdorf bis zum heutigen Tag seine Kapelle mit Leben erfülle, sagte der Prälat. Hier werde zum Angelus geläutet, Maiandachten und Rosenkränze gehalten und für die Verstorbenen gebetet.


Eigentümer ist die Gemeinde


Eigentümer des kleinen Gotteshauses ist die Gemeinde Frensdorf. Neben dem Allerhöchsten ist somit Bürgermeister Jakobus Kötzner der weltliche "Hausherr". Kötzner hatte in der vom ehemaligen Sambacher Pfarrers Egmont Topits verfassten Chronik nachgeschlagen. Daraus geht hervor, dass der Kapellenbau im Sommer 1885 erfolgte. Zuvor habe es an gleicher Stelle schon eine 14-Nothelfer-Kapelle gegeben, deren baulicher Zustand so schlecht war, dass sie nicht mehr zu retten war. "Die Einweihung wurde am 24. August 1885, dem Tag des heiligen Bartholomäus, gefeiert", berichtete der Bürgermeister. Großes Lob fand Kötzner für den Ort und seine Einwohner, "die sich vorbildlich um ihre Kapelle kümmern". Auch die Gemeinde Frensdorf habe ihren Teil beigetragen: In diesem Jahr habe die Kapelle eine eigene Stromversorgung erhalten und für das Fest wurde sie innen und außen auf Hochglanz gebracht.

Mit Geschichte befasste sich auch der weltliche Teil des Jubiläums: Anneliese Göller hatte für den Abend eine historische Brautmodenschau auf die Beine gestellt, die so viele Besucher anzog, dass das Zelt praktisch aus allen Nähten platzte. Die schönen alten Brautkleider wurden von jungen Leuten aus dem Ort vorgeführt, die darin ausnahmslos eine gute Figur machten. Den Anfang machte Monika Bickel, die in ihrem eigenen Brautkleid aus den 90er Jahren den Laufsteg betrat. Mit Kleidern, die zum größten Teil aus dem Ort selbst stammten - darunter auch das Brautkleid der Bezirksbäuerin aus dem Jahr 1977 - führte die Modenschau immer weiter in die Vergangenheit zurück. Besonders interessant wurde sie durch Anneliese Göllers Ausführungen zum Wetter, Hochzeitsessen und Zeitgeist, wie auch zu weltpolitischen Ereignissen. Immer weiter zurück ging die Zeitreise bis in die dreißiger- und zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts als die Brautroben noch schwarz war. Das älteste Brautkleid stammte aus dem Jahr 1892 und war damit fast so alt ist wie die Kapelle selbst. Großes Interesse fand bei den vielen Festbesuchern auch eine Ausstellung alter Fotografien und Ortsansichten.




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