Auch Bambergs OB zeigt sich webzweinullig

07.09.2010   Von: Petra Mayer  inFranken.de

Netzreport  Twitter, Facebook, MySpace . . . Wer sich behaupten möchte, vernetzt sich. Wie präsentieren sich Volksvertreter aus der Region in sozialen Netzwerken? Wir sahen uns um.


Bambergs OB möchte Hemmschwellen junger Leute gegenüber der Politik abbauen. Den privaten Andreas Starke lernt man über Facebook allerdings nicht kennen, Foto: Matthias Hoch
Auch im Bamberger Raum suchen Unternehmer, Künstler, Musiker und Politiker den heißen Draht zur Generation Web 2.0. In einer losen Reihe beleuchten wir WWW-Offerten von Zeitgenossen, die im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen - beginnend mit der Sparte "Politik 2.0".

Klar ist Twittern für Politiker eine Herausforderung:

Selbst in Wahlkampfzeiten müssen sie sich auf maximal 140 Zeichen beschränken. Auch Bambergs Stadtoberhaupt "zwitschert". "Peter Klappan hat mir gestern mitgeteilt, dass er Insolvenz angemeldet hat. Nun müssen die Weichen für einen Neuanfang gestellt werden", liest man in Starkes fünften und bislang letzten Beitrag vom 5. August. Immerhin folgen 159 treue Leser, um sich hin und wieder über Starkes "Tweets" zu freuen, unter denen "Bin mit vielen Bambergern auf dem Weg zu den Dallas Mavericks und freue mich auf das Treffen mit Magic-Dirk" die persönlichste News darstellt. Näher kommt man dem OB auch nicht via Facebook. Neben seiner Basketball-Leidenschaft bekennt Starke allenfalls, dass er "Spiegel online" liest und "Joachim Gauck for President" unterstützte.

Was brachte Starke überhaupt dazu, sich in diesem Metier zu engagieren? "Gerade jüngere Leute sind in sozialen Netzwerken aktiv", so der OB. Zwar sei er selbst kein großer Internet-Freak, wüsste aber "wie wichtig Twitter und Facebook mittlerweile sind". Nicht zuletzt auch, um "Hemmschwellen abzubauen, die gerade bei jüngeren Menschen gegenüber der Politik bestehen". Soweit es sein dicht gedrängter Terminplan zulässt, "informieren wir auf diese Weise über das, was in Bamberg los ist". Gerade bei Facebook bekäme er ein interessantes Feedback, berichtet Starke. Bamberger sollten eben auch über die neuen Kommunikationsmittel "Kontakt mit ihrem Oberbürgermeister halten können".

Bürgermeister Jonas Merzbacher: "Bin lieber auf der Straße als im Web präsent"

Jonas Merzbacher, der 2008 als zweitjüngster Bürgermeister des Landes die Geschicke Gundelsheims übernahm, geht andere Wege. In einer Ortschaft von 3.500 Einwohnern sei er lieber "auf der Straße präsent" als sich über die virtuelle Welt zu präsentieren, meint der mittlerweile 27-Jährige. "Meine Hobbys kennen die Leute, die mir gegenüber sicher auch keine Hemmschwelle haben."

So sucht man Merzbacher in den sozialen Netzwerken des Internets vergeblich. "Ich halte mich auch nicht für so wichtig, als dass ich twittern müsste." Ebenso rar macht sich GAL-Stadträtin Ursula Sowa, die sich bis 2005 noch als Bundestagsabgeordnete engagierte.

MdB Thomas Silberhorn setzt auf knappe Informationen

Über MdB Thomas Silberhorn ist bei Facebook zu erfahren, dass er verheiratet ist, gern Rad fährt, joggt, Musik und Bücher mag. Die Homepage des MdB liefert noch das Lebensmotto des CSU-Politikers "Wenn die Guten nicht kämpfen, müssen die Schlechten gewinnen" und einen Verweis auf YouTube, wo eine Bundestagsrede zu hören ist. Twittern? Fehlanzeige!

MdB Sebastian Körber twittert Klartext

Dann wieder gibt es Politiker, die sich im Web 2.0 regelrecht austoben: Nehmen wir den Forchheimer MdB Sebastian Körber, der beim Business-Netzwerk Xing, bei YouTube, bei studiVZ, bei Facebook und Twitter (1325 Beiträge, 462 Leser) aktiv ist. Er zwitschert als FDP-Mann auch mal Klartext zu Grünen-Politikerin Künast ("ideologisch verblendet") oder zur Wahl in NRW ("das blutrot-rot-grüne Grauen beginnt"). Um das Wahlvolk dann wieder am Leben eines MdB teilhaben zu lassen, den verspätete Züge stressen ("ich habe langsam kein Verständnis mehr") und "Fußball und Bier mit Kollegen (nach viel Büroarbeit) " entspannen. Bei Facebook gibt sich Körber als Wagner- und Los-Schnallos-Anhänger, der sich für die TV-Sitcom "The Nanny" ebenso wie für Bücher von Hesse und Kafka begeistern kann. Auch mit gesunder Selbstironie punktet der MdB, der sich als Träumer (neben einer Reihe noch unschönerer Bezeichnungen) darstellt.

Woher nimmt Körber die Muße für derartige Aktivitäten? "Ich überbrücke auf diese Weise Wartezeiten", so die Antwort des Abgeordneten. Er fürchtet sich nicht davor, allzu persönliche Seiten zu zeigen. "Ich achte ja darauf, was ich schreibe. Und mein Privatleben bleibt privat." Kritik gehört für den Forchheimer zu jeder Form der Interaktion. So setzt er auf Authentizität statt sich aus Furcht vor unliebsamen Reaktionen zurückzuhalten. Alles nur Mittel zum Zweck sprich' Wahlkampf? Vielleicht, aber unterhaltsam.Alles nur Mittel zum Zweck sprich' Wahlkampf? Vielleicht, aber unterhaltsam.

Staatssekretärin Melanie Huml wird aktiv

Mit der Frage, inwieweit sie sich Fremden über Twitter und Facebook öffnen soll, beschäftigt sich derzeit auch Umweltstaatssekretärin Melanie Huml. "Ich weiß ja aus Gesprächen mit Schülern und anderen jungen Leuten, dass sie mehr über das Leben von Abgeordneten wissen möchten als in Pressemitteilungen steht." So will die CSU-Landtagsabgeordnete noch im Herbst bei Twitter und Facebook aktiv werden, um neben politischen Sachverhalten auch die persönliche Ebene anzusprechen. "Fest steht für mich aber, dass alle Beiträge von mir selbst kommen und nicht aus Zeitgründen anderen überlassen werden."

Wie frustrierend diese Form der Bürgernähe sein kann, erfuhr gerade Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. Von den Medien fühlte sie sich schon nach Amtsantritt "durch den Kakao gezogen" und "unter verschärfter Beobachtung", nachdem man Tweets kommentierte. Jetzt zog Schröder auch noch den Zorn der User auf sich, was Spiegel Online mit "Die Community schlägt zurück" kommentierte. So sah sich die Familienministerin heftigen Beschimpfungen von Mikro-Bloggern ausgesetzt, nachdem sie das schwarz-gelbe Sparpaket verteidigte, das neben Unternehmen sozial Schwache trifft. Ausgezwitschert? Bislang noch nicht. Angeblich.

Ob das Web 2.0 mit Twitter, Facebook, YouTube, Xing etc. als Kommunikationsformen und Möglichkeiten der Kontaktaufnahme politikverdrossene User erreicht, bleibt natürlich fraglich. Gerade PR-Manöver wie die Tweets des US-Präsidenten desillusionieren, der nach dem Wahlsieg einräumte, seine Finger seien fürs Tippen ins Telefon zu "ungeschickt". Für viele war's von Anfang an klar, mancher aber hatte noch Illusionen.




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