Sandkerwa kommt auf Touren

21.08.2010   Von: Werner Baier  inFranken.de

Tradition Ein begeisterter Zuschauer schildert, was er beim ersten Bummel erlebt hat. Der Höhepunkt war das Wasserfest. Und dann hat er noch Männerwaden und Ferkel-Skelette gesehen...


Das Regnitzufer ist während der 60. Bamberger Sandkerwa in Bamberg nach Sonnenuntergang bunt beleuchtet. Foto: David Ebener dpa
Wasserfest zum Wasserfest? Nicht nötig, bei d e r Wetterprognose für die Sandkerwa kann das Ölzeug im Keller hängen bleiben. Er und Sie in Landhausmode geschlüpft und dann nichts wie "nunter nei'n Sond"!

Donnerstagabend kam Bambergs größtes Volksfest auf Touren, zumal es Petrus wieder einmal gut meinte mit dem Fest zu Ehren der Elisabethenkirche: Gerade rechtzeitig lachte die Sonne, dann funkelten die Sterne. Und dazu zwei als "Bühnenfeuerwerke" angekündigte Spektakel, die - wie sich zeigen sollte - auf keiner Theater- oder Opernbühne der Welt hätten abgebrannt werden können. Immerhin: Die schönste Kulisse Bambergs überstand die beiden als "Wasserfest" getarnten Feuershows in der Nacht zum Freitag unbeschadet, begleitet von tausendfachem A und O und rauschendem Beifall zahlloser Nachtschwärmer.

Wer die erste "Halbzeit" versäumt hat, der sollte sich am Samstagabend die Fortsetzung der musikalischen und feurigen Zeitreise nicht entgehen lassen. Um 21.30 und 23 Uhr an den Ufern der Regnitz oder auf den Brücken der Altstadt sind Zuschauer willkommen!

Auch die 60. Sandkerwa ist ein Fest, das alle Sinne weckt. Zunächst bestätigt sie die Erkenntnis, dass die Natur nichts Hässlicheres hervorgebracht hat, als wollige Männerbeine im Storchenformat. Die wurden bisher gerne in den vom Buttenheimer Levi Strauß erfundenen Röhrenhosen aus blauem Segeltuch versteckt, kommen mit der um sich greifenden, so genannten Trachtenmode aber leider wieder allzu oft unter Lederhosen und Knickerbockern zum Vorschein. Die fürs Frankenland untypische Aufmachung sei angesichts der modischen Torheit so manchen Hagestolzes hier aber einmal ausdrücklich in Schutz genommen. Denn: Wie viel herziger ist doch der Auftritt etlicher vom Schöpfer bevorzugten Dirndlträgerinnen gegenüber den coolen Ladys, die ihre Reize im schwarzen Einheitslook verbergen!


Zuckende Showgirls


Apropos: In der Coyoten-Bar gegenüber der Dominikanerkirche bieten Go-Go-Tänzerinnen was für die Optik. Wer den extatisch zuckenden Showgirls zuschaut oder sich gar von ihnen anstecken lässt, der bringt schon mal den Kreislauf in Schwung und sei es, dass er sich darüber aufregt, dass die Sandkerwa eigentlich ein sextes Programm nicht nötig hätte. Das hat der Erfinder des Festes, Franz Albinger, der 1974 gestorben ist, bestimmt nicht gewollt.

Absolut deplatziert ist der Mischling, den Frauchen auf ihren Armen durch den Pfropf vorm Schlenkerla möhrt. Merke: So geht's jedem, der seinen Hund - ob Pinscher oder Dogge - mit in den Sand nimmt! Ein wahrer Tierfreund hält Bello davon fern - und spart den anderen Festbesuchern dessen nerviges Gebell sowie den Mundgeruch des Vierbeiners nach dem Verzehr von Rinderpansen.

Die Gaumenfreuden erschließt man am besten auf der Unteren Brücke mit einem wechselweisen Geschmackstest der angeblichen "besten Bratwurst" und der Bratwurst Coburger Art. Wenn dann noch was reinpasst: Bitte sehr, aus aller Herren Länder wird viel geboten bis hin zur halben Ente für 7,50 Euro. Dem Preis nach hat sie wahrscheinlich nicht artgerecht gelebt oder der Festwirt, der diesen Leckerbissen anpreist, hat eine soziale Ader.

Wichtig ist eine gute Grundlage auf jeden Fall, entweder weil die Drinks magenschädlich kalt oder hochprozentig sind. Maßhalten - wie auch immer ist angesagt, doch wer zählt die Brauereien und die Biersorten, die auf der Sandkerwa zu testen wären? Wer schlau ist und nicht in einer Ausnüchterungszelle der hiesigen Ordnungshüter aufwachen möchte, der sollte sich halt einfach ein wenig beherrschen.

Das muss - vor allem - Mann auch, wenn es gilt, den Flüssigkeitspegel zu entlasten. Wildpinkler müssen ab sofort mit dem Schlimmsten rechnen, denn schon am Donnerstagabend hat Sandkerwa-Chefin Ulrike Heucken die Schere eingepackt. Spaß beiseite: Heucken hat gleich zu Beginn des Festes einen Wildpinkler an einer Hauswand ertappt. Aber weil der ihr gegenüber seinen Fehlgriff gar so charmant entschuldigte, hat sie ihm zur Verblüffung alle Umstehenden das einzige Freiexemplar der Pisskarte geschenkt. So und nun benehmt Euch, Kerle! (sollen wir mit schönem Gruß der schneidigen Geschäftsführerin der Bamberger Sandkerwa Veranstaltungs GmbH ausrichten).

Einen großen Auftritt sollte beim Wasserfest der extra wieder aus Berlin angereiste Moderator Martin Stock haben: Lähmende 26 (!) Seiten umfasste das Manuskript, das man ihm für die Kommentierung des Wasserfestes zusammengestellt hatte. "Aber das brauch' i net", grinste der bei vielen Fischerstechen bewährte Plauderer. "Ich red' wie immer - frei!" Sagte es und verstummte sogleich, denn die Mikrotechnik spielte erst einmal nicht mit. An ein paar Wortfetzen und Sprechblasen konnten die noch aufnahmefähigen Zuschauer und -hörer entnehmen, dass auf die 50er und 60er, die 70er und 80er Jahre der Sandkerwa zurückgeblickt werden sollte. Das war die Zeit, als der Katzenberg allen Ernstes den Festbesuchern noch als Parkplatz angepriesen, das erstmals 1498 für Bamberg dokumentierte Fischerstechen wiederbelebt wurde und der Oberbürgermeister zu der Erkenntnis gelangte, die Sandkerwa sei ein richtiger Publikumsmagnet.

Zu Filmmusik aus den vier Jahrzehnten ("20 000 Meilen unter dem Meer", "Meuterei auf der Bounty", "Der weiße Hai", "Das Boot") brannte dann die "Innovative Pyrotechnik" des Böblingers Joachim Berner vom 1927 von einer Bamberger Schlosserei gebauten Bürgervereinsschiff aus zwei faszinierende "Bühnenfeuerwerke" ab, die im Spiegel der munter dahinplätschernden Regnitz einen zauberhaften Glanz in den Sand brachten.


Es pfeift und kracht


Erst pfeift's, dann kracht's, dann strahlt und glitzert es - zu einer poetischeren Beschreibung des Feuerwerks ist der Berichterstatter des FT am Morgen nach seinem ersten Sandkerwa-Besuch nicht in der Lage.

Er rät deshalb nur: Gehen'S no und schaung's zu! Schlimmstenfalls treffen Sie Ihren Chef nüchtern oder sehen'S ein Gespenst. Zum Beispiel um Mitternacht das immer noch am Spieß drehende Skelett eines abgenagten Spanferkels. Bestenfalls finden Sie den einzig freien Platz am Tisch Ihrer alten Klassenkameraden. Na dann: Prost!

Samstag Um 14.30 Uhr beginnt das Jugendfischerstechen auf der Regnitz. Um 15 Uhr findet im Dom ein Orgelkonzert statt.

Am Abend steigen wieder beim Wasserfest bunte Feuerwerksraketen in die Luft. Vorführungen auf der Regnitz sind um 21.30 und um 23 Uhr.

Sonntag Der Tag beginnt um 9.30 Uhr mit dem Festgottesdienst auf dem Platz vor der Kirche St. Elisabeth. Um 14 Uhr marschieren die Teilnehmer des Fischerstechens vom Markusplatz aus über Kapuzinerstraße, Obere Brücke und Karolinenstraße zum Leinritt, wo ab 15 Uhr der Wettbewerb stattfindet.

Die Sandkerwabilder vom Donnerstag

Die Sandkerwabilder vom Freitag




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