"Es geht einfach ums Überleben"

25.08.2010   Von: Hans Kurz  inFranken.de

Pakistan-Einsatz Am Donnerstag fliegt Andreas Herr aus Vorra nach Pakistan. Der 44-jährige Schreiner wird dort für Hilfsorganisation Cap Anamour unterwegs sein und den Opfern der Flutkatastrophe helfen.


Gerechte Verteilung ist fast unmöglich, weiß Andreas Herr. Auch in Pakistan - das Bild zeigt die Verteilung einer Weizenmehl-Lieferung in der Stadt Sukkur - wird ihn dieses Problem wieder erwarten. Foto: Rehan Khan/dpa
"Ich bin ja kein Neuling", sagt der 44 Jahre alte Schreiner aus Vorra. "Noch ein paar Impfungen beim Arzt und meine Sachen sind auch schon gepackt." Andreas Herr geht es nicht um seine Person, sondern um die Sache: Hilfe für Menschen in Not. Fast 15 Millionen Menschen, so die jüngsten Schätzungen der Vereinten Nationen, sind von der Flut in Pakistan betroffen. Und die internationale Hilfe läuft erst langsam an. Zu den Organisationen, die seit Jahrzehnten in Krisen-, Kriegs- und Katastrophengebieten humanitäre Hilfe leisten, gehört auch Cap Anamur.

Was genau ihn in Pakistan erwartet, weiß Andreas Herr kurz vor seinem Einsatz noch nicht. Aber er ist gut vorbereitet. Denn Herr ist nicht zum ersten Mal für Cap Anamur unterwegs: Kosovo, Somalia, Nordkorea, Serbien, Afghanistan, Irak, Indonesien - eine Liste der Krisenherde dieser Welt - waren seit 1999 seine Stationen. Kriege und Bürgerkriege hat Herr erlebt, Hungersnöte und die verheerenden Folgen des Tsunami auf Sumatra.

Wie kann Cap Anamur helfen? Um das herauszufinden, ist Herr in Pakistan. Zusammen mit dem Logistiker Volker Rath, mit dem er schon in Afghanistan und auf Sumatra zusammengearbeitet hat, bildet er sozusagen den Zwei-Mann-Spähtrupp der Hilfsorganisation. "So schnell wie möglich vor Ort die Lage klären. Mit der WHO (der Weltgesundheitsorganisation) und dem Roten Kreuz absprechen, wo dringend Hilfe gebraucht wird, wo noch eine Lücke ist", darauf kommt es jetzt zuerst an, weiß Herr. Schließlich sollen nicht die einen doppelt versorgt werden, während andere nichts abbekommen. Dieses Grundproblem humanitärer Hilfe kennt Andreas Herr nur zu gut aus seiner eigenen Erfahrung. "Eine gerechte Verteilung ist schwierig, fast unmöglich, man kann sich nur Feinde machen", sagt er. Denn: "Jeder kämpft für sich. Es ist halt so. Wenn ein Vater sich zum fünften Mal bei einer Verteilung nach vorne drängt, um seine Familie zu versorgen, dann kann ich das schon verstehen. Es geht einfach ums Überleben."

Der Helfervirus hat Andreas Herr wieder erfasst. Eigentlich wollte er nach vier Jahren in den Krisengebieten dieser Welt etwas langsamer treten. 2003 hat er gemerkt, dass er sich auch wieder mehr sein eigenes Leben kümmern muss. Er hatte festgestellt, dass die Freunde jedesmal fremder wurden, wenn er aus der Ferne zurückkam. Nach dem Tsunami an Weihnachten 2004 ist er dann doch wieder aufgebrochen. Seither hat er sich aber mehr um sich, sein soziales Umfeld und seine kleine Schreinerei in Vorra gekümmert - bis vorletzte Woche. Da war er in seiner Werkstatt gestanden und hatte die Nachrichten aus Pakistan gehört. Andreas Herr griff zum Telefonhörer und rief Werner Höfner, Vorstandsmitglied bei Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte an. "Macht ihr da irgendwas?" wollte er wissen. "Ja, es ist was in Planung", antwortete Höfner. "Und schon hat er mich gepackt", schildert Herr die Situation. Am nächsten Tag war ein Treffen im Cap-Anamur-Büro in Köln. Ein paar Wochen könne er sich schon frei nehmen, meinte Herr. Jetzt ist er für zwei Monate - "oder länger" - gebucht.



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