"Einmalige Chance für Hirschaid"
02.12.2011
Ort: Hirschaid Von: Werner Baier ![]()
Denkmalpflege Zur Erinnerung an die von den Nationalsozialisten ausgelöschte jüdische Gemeinde soll die ehemalige "Judenschule" der Nachwelt erhalten bleiben.

Grundsätzlich wurde die Verhandlungsbereitschaft des derzeitigen Eigentümers Alois Büttel zu einer Rückübereignung begrüßt. Und es wurde festgelegt, dass in Abstimmung mit den Denkmalbehörden Vorschläge für die Erhaltung und Nutzung des Baudenkmals erarbeitet werden sollen. Ferner sollen im Rahmen des künftigen "Innovativen Gemeindeentwicklungskonzeptes" gemeinsam mit dem Planungsbüro Ideen entwickelt und mit den Bürgern in einem Dialogverfahren erörtert werden.
Efeu kriecht ins Dach
Derweil muss das vom Verfall bedrohte ehemalige Bauernhaus, das von 1887 bis 1939 von der jüdischen Gemeinde Hirschaids als Gemeindehaus sowie als Elementar- und Religionsschule genutzt wurde und von der jeweiligen Lehrersfamilie bewohnt war, einem weiteren Winter trotzen. Ein mächtiger Efeustock hat sich Bahn ins Innere gebrochen, Dach und Fassaden sind seit vielen Jahren undicht. Über das Schicksal des Gebäudes wird nun erst einmal am grünen Tisch verhandelt.
Dem Markt Hirschaid gehörte das Anwesen ab Mai 1939, nachdem es von der damaligen NS-Ortsverwaltung beschlagnahmt worden war. Zu diesem Zeitpunkt lag die Synagoge der jüdischen Gemeinde Hirschaids schräg gegenüber in Schutt und Asche gelegt: ein Opfer der "Reichspogromnacht". Die "Judenschule" wurde bis Ende der 1970er Jahre als Wohnhaus genutzt. Der Markt Hirschaid überließ es vor der Ansiedlung des Möbelhauses Neubert als Tauschobjekt der direkt angrenzenden Nachbarsfamilie Büttel. Von den Büttels wurde ein Acker im Gewerbegebiet benötigt. Die Hoffnung der neuen Eigentümer, das Haus abreißen und durch einen lukrativen Neubau ersetzen zu können, zerstob: Büttels Abbruchantrag führte dazu, dass das Gebäude in Erinnerung an seine jüdische Vergangenheit wieder auf die Denkmalliste gesetzt wurde. Seitdem nagt der Zahn der Zeit am Gemäuer. Als ein trostloser Zustand erreicht war, signalisierte Eigentümer Alois Büttel vor wenigen Wochen die Bereitschaft, die Judenschule wieder gegen Ackerland zu tauschen. Bürgermeister Andreas Schlund hakte ein.
Dem Gemeinderat trug der Bürgermeister nun vor: "Der Markt Hirschaid sollte sich die Chance nicht entgehen lassen, zumal die ehemalige Judenschule ein öffentliches Anliegen ist - mit kulturgeschichtlich-ethnischem Hintergrund von besonderer Bedeutung für den Markt Hirschaid." Schlund strebt an, die Bürger in die Entwicklung eines Nutzungskonzeptes einzubeziehen, damit das Projekt von einer breiten Bevölkerungsschicht mitgetragen wird. Im Vorfeld hatte Schlund geäußert, dass er sich in dem sanierten Gebäude das jetzt unter Raumnot leidende Gemeindearchiv vorstellen könne.
Der sozialdemokratische Marktgemeinderat Josef Haas gab zu erkennen, dass er sich bei dem vom Bürgermeister skizzierten Vorgehen ganz und gar nicht wohlfühlt. Es gefällt ihm zum einen nicht, dass die Erinnerung an die Juden auf ein Gebäude reduziert werden soll. Zum anderen wünscht er Klarheit, weshalb die Judenschule von der Gemeinde bereits einmal für einen Grundstückstausch benutzt wurde und nun schon wieder als Tauschobjekt dienen soll und weshalb plötzlich nicht mehr von der Mikwe, dem traditionellen Reinigungsbad, das in einem Anbau vorhanden gewesen sein soll, die Rede sei. Die Erinnerung, so Haas, lasse sich nicht verordnen. Sie müsse in den Herzen und im Bewusstsein der Menschen wachsen. Deshalb forderte er, über andere Möglichkeiten nachzudenken "und nicht Unsummen in ein Objekt zu investieren, das über Jahrzehnte hinweg keiner Beachtung wert war." In den Augen von Josef Haas reicht eine Erinnerungstafel am Haus.
"Gemeinde in der Verantwortung"
Kilian Prell (FW), der vor Monaten den Anstoß für die Beseitigung des "Schandflecks" gegeben hatte, sieht jedoch die Gemeinde in der Verantwortung. Prell schnitt ebenso wie Klaus Homann (CSU) die Frage der Sanierungs- und Folgekosten an. Beide ließen keinen Zweifel daran, dass das Gebäude nicht länger dem Ruin preisgegeben werden darf. Weil der derzeitige Eigentümer den Verfall des Hauses so lange in Kauf genommen hat, verlangte Homann weitere Verhandlungen zur Senkung des Kostenaufwands beim Rückerwerb.
Kurt Barthelmes (FW) erinnerte Josef Haas daran, dass zur Geschichte von Hirschaid auch die frühere jüdische Gemeinde und die systematische Ermordung jüdischer Bürger im Nationalsozialismus gehören. Es wäre, so Barthelmes, ein falsches Signal, die Judenschule verfallen zu lassen.
Barthelmes möchte nicht einem Gemeinderat angehören, dem man nachsagen könne, für den Untergang der Judenschule verantwortlich zu sein.
"Skandalös", kommentierte Albert Deml (ökologische Liste) die Argumentation von Josef Haas. Die "einmalige Chance, wieder in den Besitz des Gebäudes zu kommen und unsere geschichtliche Verpflichtung zu erfüllen," dürfe sich der Gemeinderat nicht entgehen lassen. Gerade jetzt gelte es, Position gegen den Ungeist zu beziehen, mahnte Deml. Bürgermeister Andreas Schlund fordert zum Schluss der teilweise emotional geführten Beratung auf, Mut zu haben und zur Verantwortung für die Judenschule zu stehen.
Weitere Artikel zum Thema suchen
Kommentare
Atomkraftgegner
Sehr geehrter Herr Deml,
sie klagen hier ihr leid über den atommüll,
ist ihr arbeitgeber nicht ein konzern der mit den kernkraftwerken kräftig geschäfte macht?(atommüll)
ist ihr arbeitgeber nicht ein konzern der in der medizintechnik sehr aktiv ist?(atommüll)
Zahlt dieser konzern nicht ihren lohn?
Waren sie noch nie beim arzt zum röntgen wo radioaktiver abfall ensteht?
Fahren sie nicht ein fahrzeug, das mit der energie aus kernkraftwerken hergestellt worden ist?
(auch wenn ein "atomstrom nein danke" aufkleber drauf klebt)
Gedanken zum Tag!
erst vor der eigenen haustür kehren.
Zu ihren lohn sagen sie auch nicht nein danke!
Schöne Grüße
Tino
"Einmalige Chance für Hirschaid"
Guten Journalismus zeichnet aus: eine umfangreiche Recherche, ein Zusammentragen von Daten und Fakten, ein Betrachten der verschiedenen Seiten.
Adrian Grodel schreibt in seinem Kommentar „Hooligans auf den Schienen“, dass die Atomkraftgegner eine historische Chance verpasst haben. Sie hätten friedlich ihren Abgesang auf die Kernkraft anstimmen können. Doch ein Großteil der Gegner legt Gewaltbereitschaft an den Tag, so Grodel weiter. Leider war Herr Grodel nicht vor Ort. Woher hat er seine Informationen? Ich war vor Ort und mich hat der Protest beeindruckt. Die Protest-Bewegung wird getragen von der gesamten Bevölkerung im Umkreis von Gorleben. Wen verwundert es – der Atommüll soll dort für die nächsten Millionen Jahren gelagert werden. Denn solange dauert es, bis die Strahlengefahr abgeklungen ist. Und wer garantiert ihnen, dass die Lagerung auf lange Zeit sicher ist und nicht über das Grundwasser ihre Kinder belastet werden. Welcher Irrsinn diese Atomenergie ist, zeigt doch gerade die Tatsache, dass es bisher weltweit noch kein einziges Endlager für den bisher und zukünftig produzierten Atommüll gibt.
Und ich kann weiter vor Ort berichten, dass der Protest zum größten Teil friedlich war, dass die Organisatoren die „Wutbürger“ geschult haben, was sie machen dürfen und was Sachbeschädigung oder eine andere Straftat ist. Und daran haben sich die vielen tausende (ca. 30.000 am Samstag) Kernkraftgegner gehalten. Dass sich wenige militante Gruppen leider nicht daran halten, kann nicht ganz verhindert werden. Das nächste Mal sollte sich Herr Grodel selbst ein Bild machen und keine unberechtigte Pauschalverurteilung treffen. Denn es ist ein wichtiger und sinnvoller Protest gegen diese Wahnsinns-Atomkraft. Ihre Kinder werden es ihnen vielleicht mal danken.
Freundliche Grüße
Albert Deml
Zeisigweg 14, 96114 Hirschaid
Einmalige Chance für Hirschaid
Sehr geehrter Herr Werner Baier,
ich möchte mich kurz vorstellen: Mein Name ist Albert Deml und ich bin Vertreter der ökologischen Liste Hirschaid im Gemeinderat.
Leider ist Ihnen im Artikel "Einmalige Chance für Hirschaid" ein Fehler unterlaufen.
Sie haben Zitate von Jürgen Fleischmann veröffentlich. Jürgen Fleischmann war allerdings gar nicht auf der selbigen Gemeinderatssitzung, sondern entschuldigt.
Die Zitate stammen von mir. Außerdem ist Herr Jürgen Fleischmann nicht Mitglied der FW, sondern genauso wie ich, Mitglied der ökologischen Liste Hirschaid.
Ich bitte Sie beide Fehler baldmöglichst im FT richtig zu stellen. Vielen Dank.
Viele Grüße
Albert Deml
Richtigstellung
Sehr geehrter Herr Deml.
Wir bedanken uns für Ihren Hinweis. Wir haben den Fehler soeben korrigiert.
In unserer Printausgabe hatten wir die Richtigstellung in der heutigen Bamberger Ausgabe auf Seite 18.
Die besten Grüße,
Stefan Reinmann
Kommentieren
| Benutzername |
Passwort |
Wenn Sie Ihr Passwort vergessen haben, klicken Sie bitte hier.
Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!
| gewünschter Benutzername: * | ||||
| gewünschtes Passwort: * | ||||
| Wiederholung Passwort: * | ||||
| E-Mail: * | ||||
| Kundennummer: | ||||
| Anrede: |
|
|||
| Vorname: | ||||
| Nachname: | ||||
| Zusatz (z.B. Firma): | ||||
| Straße/Hausnr.: | ||||
| PLZ/Ort: * | ||||
| Ich bin mit den AGB einverstanden.: * | ||||






close
(












(1)


