Ein cooler Busfahrer, ein cooler Fahrgast
24.02.2010
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Interview Torsten Katzler, 42, handelte am Samstag ganz intuitiv. In seiner Entscheidung, direkt zur Polizei zu fahren, wurde er von einem beherzten Fahrgast bestärkt, der ihn aufforderte: "Fahr durch bis zur Polizei!"
FT: Herr Katzler, welche Route nimmt der Nachtbus 936?
Katzler: Er fährt vom ZOB über den Wilhelmsplatz, den Heinrichsdamm, den Marienplatz und die Pfisterbrücke in Richtung Bamberg-Ost. Ich fahre die Nachtschicht sehr gerne, allein schon, weil ich Single bin und keine Familie habe. Die Schicht ist normalerweise stressfrei und man hat mehr Kontakt zu den Fahrgästen als tagsüber. Viele Stammgäste kenne ich seit langem.
Wann haben Sie gemerkt, dass mit den jungen Burschen etwas nicht stimmt?
Die Jugendlichen sind mir schon aufgefallen, als ich mit der Klinikumslinie 937 zum ZOB gekommen bin. Da stand eine Gruppe, um die sich die Polizei gekümmert hat, und ich war froh, weil ich dachte: „Da bist du auf der sicheren Seite.“ Trotzdem habe ich aus Vorsicht nur die vordere Tür geöffnet. Als ich losfuhr, waren 50 bis 60 Fahrgäste im Bus, darunter höchstens fünf ältere Personen. Alle Sitzplätze waren belegt.
Was geschah dann im Bus?
Schon an der Haltestelle Heinrichsdamm hüpften einige Jugendliche raus und wieder rein, so dass ich ein Machtwort sprechen musste. Auf der Marienbrücke hörte ich Leute hinten im Bus rufen: „Die schlagen sich“. Ein Mann im Alter zwischen 50 und 60 ging zu den Streithähnen, um für Ruhe zu sorgen. Am Marienplatz fuhr ich langsamer, um anhalten zu können. Da hörte ich den Ruf des Mannes: „Fahr durch bis zur Polizei.“ Ohne zu wissen, was genau passiert war, gab ich Gas. Es hätte ja jemand in seinem Blut liegen können. Mit den Jugendlichen im Rücken, deren Reaktion ich nicht einschätzen konnte, habe ich dann die Durchsage gemacht: „Nächster Halt Polizeistation.“ Da ich die Ampeln kenne, kam ich ohne anzuhalten bis zur Schildstraße.
Sie haben ganz spontan gehandelt?
Ja, das habe ich, nachdem ich von dem besagten Fahrgast in diesem Entschluss bestärkt wurde. Dieser Mann war es auch, der bei der Polizei durch die nur halb geöffnete Bustür ausstieg und die Beamten holte. Das war für mich der schlimmste Moment. Die Zeit, in der ich auf die Polizisten warten musste, kam mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Glücklicherweise wurde ich von niemandem im Bus bedroht. Dem Fahrgast, den ich leider nicht kenne, bin ich sehr dankbar. Er hat doch fast noch mehr Zivilcourage besessen als ich. Es war einfach ein cooler Fahrgast.
Hatten Sie Angst?
Ich bin nicht ängstlich, obwohl ich schon einmal einen tätlichen Angriff durch einen 17-Jährigen erlebt habe.
Wie hat Ihr Arbeitgeber reagiert?
Ich habe absoluten Rückhalt erfahren. Und das war schon immer so.
Sie arbeiten seit fast elf Jahren in Bamberg. Wie schätzen Sie die Sicherheitslage ein?
Generell auf die Stadt bezogen finde ich, dass hier noch heile Welt ist, ein Ponyhof gewissermaßen. An meiner vorherigen Arbeitsstelle in Münster war das ganz anders. Da flogen Coladosen in Richtung Fahrer. Scheiben wurde kaputt geschlagen. In den Bussen wurde mit Crack gedealt und an manchen Haltestellen durfte der Fahrer nicht aussteigen, sonst wäre seine Kasse weggewesen.Da habe ich es in Bamberg viel besser. Natürlich gibt es unter Jugendlichen auch Rangeleien, deren Nachwirkungen im Bus zu spüren sind. Die halten sich aber wirklich in engen Grenzen. Ein Sicherheitsproblem gibt es nach meiner Erfahrung auf keinen Fall.
Wie helfen sie sich, wenn es doch einmal brenzlig werden sollte?
Seit Bamberg Mitglied im Verkehrsverbund ist, sind alle Busse mit modernster Technik ausgestattet. Dazu gehört ein Notknopf, mit dem man die Einsatzleitung und alle Kollegen auf den anderen Bussen informieren kann. Zusätzlich besitzen wir Diensthandys. Außerdem, und das ist sehr wichtig, werden wir regelmäßig geschult. Wir wissen also, wie wir die Leute ansprechen müssen und Situationen entschärfen können. Man darf die Gefahrenlage in Bamberg, sofern man überhaupt davon sprechen kann, keinesfalls überbewerten: Im Jahr kommt das allerhöchstens drei oder vier Mal vor.
Wie haben Ihre Kollegen reagiert?
Wir haben den Vorfall natürlich eingehend diskutiert. Die Kollegen sehen das wie ich. Und viele von ihnen hätten wahrscheinlich genauso gehandelt.
Sind Sie ein „cooler Busfahrer“ ?
Als cooler Busfahrer würde ich mich nicht bezeichnen. Ich kann jetzt auch nicht einfach den Schalter umlegen und so tun, als wäre nichts gewesen.Trotzdem habe ich keine Angst und mache mir keine großen Gedanken darüber, was heute Abend auf mich zukommen könnte. Meistens überwiegen ja die schönen Erlebnisse: Manche Fahrgäste spendieren den Nachtfahrern Pizza oder schenken ihnen eine Kleinigkeit zu Weihnachten. In diesen Momenten weiß man, dass man seine Arbeit richtig gemacht hat.
Das Interview führte Gertrud Glössner-Möschk
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