Diskutieren statt zuschlagen
16.03.2011
Ort: Ebrach Von: Anette Schreiber ![]()
Projekt Junge Gefangene aus der Jugend-Justizvollzugsanstalt Ebrach haben sich mit dem Thema "Gewaltfreie Kommunikation" auseinandergesetzt.

Andreas (rechts vorne) und Hüseyin bei der Nachbesprechung des Seminars mit (hinten von rechts) Sozialpädagoge Edwin Gerstner, Kommunikationstrainer Rudi Göb sowie Sibylle Röding und Ursula Schneeberger vom Ebracher Verein "Schritt für Schritt". Foto: Erhard Werner
Der in Ebrach ansässige Verein "Schritt für Schritt" setzt sich für die Resozialisierung der jungen Ebracher Gefangenen ein, wie Vorsitzende Sibylle Röding erklärt. Der Verein hat das Kommunikations-Seminar finanziert und damit ein weiteres Pilotprojekt gestartet. Mit dem Ergebnis ist man offenbar zufrieden, wie Röding übereinstimmend mit ihrer Stellvertreterin Ursula Schneeberger nach der Unterhaltung mit Trainer und Gefangenen anklingen lassen.
Edwin Gerstner, Sozialpädagoge in der JVA, hat die Gefangenen für das Seminar aus gut 320 hier Inhaftierten herausgesucht und dabei auch verschiedene Absagen erhalten; einer von ursprünglich acht Teilnehmern sprang dann mittendrin ab. Andreas und Hüseyin nicht. Im Gegenteil, die Beiden sind froh, dass sie es gemacht haben. "Ich habe vieles gelernt", sagt der 22-jährige Hüseyin, "über die Giraffensprache". Giraffensprache? Teil der Methode des amerikanischen Psychologen und Konfliktmediators Marshall B. Rosenbergs, nach der Göb seine Seminare in Sachen Gewaltfreie Kommunikation (GfK) hält. Göb übersetzt das vereinfacht mit einfühlsamer Kommunikation. Es geht dabei um das Erkennen von Bedürfnissen, die hinter dem Handeln stehen, bei sich selbst und bei anderen, das Trennen von Beobachtung und Bewertung, das Formulieren von Bitten statt Forderungen. Es geht auch ums Einfühlen, einen Perspektivwechsel, wie in der Giraffensprache, auch "Sprache des Herzens" genannt.
Neue Strategie
Wie die Aussprache zum Seminar nun zeigt, waren es letztlich Kommunikationsprobleme, weshalb Andreas und Hüseyin in Ebrach sitzen. "Ich war Gewalttäter", gesteht Hüseyin. In seinem Fall, wie in dem von Andreas, ging es um das Bedürfnis nach Respekt. "Früher wurde ich bei Beschimpfungen schnell aggressiv, jetzt rede ich dagegen", erklärt der 22-Jährige seine neue Strategie. Sozialpädagoge Gerstner, der das gesamte Seminar über anwesend und wie ein regulärer Teilnehmer dabei war, merkt an, "es war sehr spannend, wie die Hintergründe der Straftaten erarbeitet wurden."
Ehrlichkeit und Vertrauen waren Säulen der Seminararbeit. Andreas und Hüseyin fanden es ihrerseits gut, dass auch die Aggressionen Gerstners behandelt wurden. Das Problem des Sozialpädagogen: Es lag daheim im Umgang mit seinem 19-jährigen Sohn, Knackpunkt auch hier das Bedürfnis nach Respekt. Gerst ners Sohn ist interessanterweise genau in der Altersgruppe der Häftlinge hier in Bayerns größer Jugendstrafanstalt, die zwischen 17 und 24 Jahre jung sind.
"Wir konnten mal über was anderes reden als über unsere Straftaten, Autos und wer die meisten Frauen hatte", merkt Andreas an. Denn das sind die Themen im Gefängnis, in den Zellen und in den Wohngruppen, wie derjenigen, in der diese beiden Seminarteilnehmer leben. In der Hauptsache hätten sie nun für das Leben nach dem Knast gelernt, stimmen die beiden jungen Männer überein. Aber auch für hier drinnen stehen Andreas nun andere Kommunikationsmittel zur Verfüghung. Er nennt ein Beispiel. Beim Tischtennis, da ist er richtig gut, wie es heißt. Aber es regt ihn fürchterlich auf, wenn ihn einer schlägt, der nicht so viel Routine hat und ihn dann auch noch aufzieht. Also respektlos behandelt. Jetzt weiß er, wie man darauf reagiert. "Da gibt es Atemübungen, ich kann an was anderes denken, oder einfach weggehen", zählt er auf. Wenn er nun aggressiv werde, versuche er die Übungen aus dem Seminar zu machen. "Das funktioniert, aber halt noch nicht immer."
"Für mich ist es jetzt wichtig, mich in den anderen hinein zu versetzen", weiß "Hüseyin nun. Das sei wichtig für draußen, für den Beruf, für Freunde und - natürlich in der Familie. Der 22-Jährige ist verlobt, möchte eine eigene Familie gründen. Wenn alles gut läuft, kommt er heuer zu Weihnachten raus.
Knast-Sozialpädagoge Gerstner ist zufrieden mit dem Seminar, es habe ein neues Bewusstsein geschaffen. Freilich sei es ein langer Weg zu gewaltfreier Kommunikation, man dürfe nicht zu viel erwarten. "Ich denke, dass es Zeit braucht", bestätigt Trainer Göb, "ein bis zwei Jahre". "Haben wir schon über Liebe gesprochen?", fragt Hüseyin am Ende der Nachbesprechung. Früher wäre das für ihn undenkbar gewesen, daher rührten wohl auch Probleme in seiner Beziehung "weil ich nix mit ihr reden wollte" . Nun weiß er, dass genau das für Probleme sorgt. "Danke, dass wir das Seminar machen durften", sagt der 22-Jährige an die Damen von "Schritt für Schritt".
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