Diskutieren statt zuschlagen

16.03.2011   Ort: Ebrach  Von: Anette Schreiber  Fränkischer Tag

Projekt Junge Gefangene aus der Jugend-Justizvollzugsanstalt Ebrach haben sich mit dem Thema "Gewaltfreie Kommunikation" auseinandergesetzt.


Andreas (rechts vorne) und Hüseyin bei der Nachbesprechung des Seminars mit (hinten von rechts) Sozialpädagoge Edwin Gerstner, Kommunikationstrainer Rudi Göb sowie Sibylle Röding und Ursula Schneeberger vom Ebracher Verein "Schritt für Schritt". Foto: Erhard Werner
Auf dem Weg von der Seminar-Besprechung zurück zu seiner Wohngruppe möchte Andreas von den Teilnehmern wissen , ob sie im Fernsehen die "Mädchen Gang" anschauen, und schüttelt dabei missbilligend den Kopf. Das eine Mädchen sei erst vierzehn und habe schon so viel krumme Dinge gemacht, "der könnte ich glatt...", sagt er voller Verachtung. Der 19-Jährige stoppt abrupt, grinst mit Blick auf Kommunikationstrainer Rudi Göb und fährt dann fort, "ich müsste mit ihr reden". Göb grinst seinerseits, ein zufriedenes Grinsen augenscheinlich. Sechs Freitage lang war der Sozialpädagoge und Mediator in der Ebracher Jugend-Justizvollzugsanstalt, hat in Sachen Gewaltfreie Kommunikation (GfK) mit sieben jungen Gefangenen gearbeitet. Andreas gehörte ebenso dazu wie Hüseyin, der nun gemeinsam mit Andreas zurück zur Wohngruppe läuft.

Der in Ebrach ansässige Verein "Schritt für Schritt" setzt sich für die Resozialisierung der jungen Ebracher Gefangenen ein, wie Vorsitzende Sibylle Röding erklärt. Der Verein hat das Kommunikations-Seminar finanziert und damit ein weiteres Pilotprojekt gestartet. Mit dem Ergebnis ist man offenbar zufrieden, wie Röding übereinstimmend mit ihrer Stellvertreterin Ursula Schneeberger nach der Unterhaltung mit Trainer und Gefangenen anklingen lassen.

Edwin Gerstner, Sozialpädagoge in der JVA, hat die Gefangenen für das Seminar aus gut 320 hier Inhaftierten herausgesucht und dabei auch verschiedene Absagen erhalten; einer von ursprünglich acht Teilnehmern sprang dann mittendrin ab. Andreas und Hüseyin nicht. Im Gegenteil, die Beiden sind froh, dass sie es gemacht haben. "Ich habe vieles gelernt", sagt der 22-jährige Hüseyin, "über die Giraffensprache". Giraffensprache? Teil der Methode des amerikanischen Psychologen und Konfliktmediators Marshall B. Rosenbergs, nach der Göb seine Seminare in Sachen Gewaltfreie Kommunikation (GfK) hält. Göb übersetzt das vereinfacht mit einfühlsamer Kommunikation. Es geht dabei um das Erkennen von Bedürfnissen, die hinter dem Handeln stehen, bei sich selbst und bei anderen, das Trennen von Beobachtung und Bewertung, das Formulieren von Bitten statt Forderungen. Es geht auch ums Einfühlen, einen Perspektivwechsel, wie in der Giraffensprache, auch "Sprache des Herzens" genannt.

Neue Strategie


Wie die Aussprache zum Seminar nun zeigt, waren es letztlich Kommunikationsprobleme, weshalb Andreas und Hüseyin in Ebrach sitzen. "Ich war Gewalttäter", gesteht Hüseyin. In seinem Fall, wie in dem von Andreas, ging es um das Bedürfnis nach Respekt. "Früher wurde ich bei Beschimpfungen schnell aggressiv, jetzt rede ich dagegen", erklärt der 22-Jährige seine neue Strategie. Sozialpädagoge Gerstner, der das gesamte Seminar über anwesend und wie ein regulärer Teilnehmer dabei war, merkt an, "es war sehr spannend, wie die Hintergründe der Straftaten erarbeitet wurden."

Ehrlichkeit und Vertrauen waren Säulen der Seminararbeit. Andreas und Hüseyin fanden es ihrerseits gut, dass auch die Aggressionen Gerstners behandelt wurden. Das Problem des Sozialpädagogen: Es lag daheim im Umgang mit seinem 19-jährigen Sohn, Knackpunkt auch hier das Bedürfnis nach Respekt. Gerst ners Sohn ist interessanterweise genau in der Altersgruppe der Häftlinge hier in Bayerns größer Jugendstrafanstalt, die zwischen 17 und 24 Jahre jung sind.

"Wir konnten mal über was anderes reden als über unsere Straftaten, Autos und wer die meisten Frauen hatte", merkt Andreas an. Denn das sind die Themen im Gefängnis, in den Zellen und in den Wohngruppen, wie derjenigen, in der diese beiden Seminarteilnehmer leben. In der Hauptsache hätten sie nun für das Leben nach dem Knast gelernt, stimmen die beiden jungen Männer überein. Aber auch für hier drinnen stehen Andreas nun andere Kommunikationsmittel zur Verfüghung. Er nennt ein Beispiel. Beim Tischtennis, da ist er richtig gut, wie es heißt. Aber es regt ihn fürchterlich auf, wenn ihn einer schlägt, der nicht so viel Routine hat und ihn dann auch noch aufzieht. Also respektlos behandelt. Jetzt weiß er, wie man darauf reagiert. "Da gibt es Atemübungen, ich kann an was anderes denken, oder einfach weggehen", zählt er auf. Wenn er nun aggressiv werde, versuche er die Übungen aus dem Seminar zu machen. "Das funktioniert, aber halt noch nicht immer."
"Für mich ist es jetzt wichtig, mich in den anderen hinein zu versetzen", weiß "Hüseyin nun. Das sei wichtig für draußen, für den Beruf, für Freunde und - natürlich in der Familie. Der 22-Jährige ist verlobt, möchte eine eigene Familie gründen. Wenn alles gut läuft, kommt er heuer zu Weihnachten raus.

Knast-Sozialpädagoge Gerstner ist zufrieden mit dem Seminar, es habe ein neues Bewusstsein geschaffen. Freilich sei es ein langer Weg zu gewaltfreier Kommunikation, man dürfe nicht zu viel erwarten. "Ich denke, dass es Zeit braucht", bestätigt Trainer Göb, "ein bis zwei Jahre". "Haben wir schon über Liebe gesprochen?", fragt Hüseyin am Ende der Nachbesprechung. Früher wäre das für ihn undenkbar gewesen, daher rührten wohl auch Probleme in seiner Beziehung "weil ich nix mit ihr reden wollte" . Nun weiß er, dass genau das für Probleme sorgt. "Danke, dass wir das Seminar machen durften", sagt der 22-Jährige an die Damen von "Schritt für Schritt".


Drucken Artikel Versenden Abo bestellen
 

Weitere Artikel zum Thema suchen



Alternative Suche im Zeitungsarchiv
Hinweis: für Epaper-Abonnenten kostenlos


Kommentare

Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Kommentieren


Titel:
Text:
 
(noch Zeichen)

Unregistrierte Nutzer
 
 

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:  *
gewünschtes Passwort:  *
Wiederholung Passwort:  *
E-Mail:  *
Kundennummer:
Anrede:
Frau Herr  
Vorname:
Nachname:
Zusatz (z.B. Firma):
Straße/Hausnr.:
PLZ/Ort:  *
Ich bin mit den AGB einverstanden.:  *


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Wieviel ist 10 / 2: 




Nachrichten aus Ihrer Umgebung
Bad Kissingen Schweinfurt Kitzingen Haßberge Bamberg Erlangen-Höchstadt Forchheim Bayreuth Kulmbach Lichtenfels Coburg Kronach
Aktuelle Angebote

Veranstaltungen inFranken.de

Haben Sie heute schon etwas vor?
Finden Sie aus 2791 Events, Partys und Konzerten Ihre Veranstaltung:
E-Paper + Zeitungsarchiv
Die Zeitungsausgaben der letzten zwei Wochen stehen Ihnen mit dem Online-Abo jederzeit, weltweit online zur Verfügung.
Zum E-Paper

Sie suchen einen älteren Zeitungsartikel?
Zum Zeitungsarchiv