Parteibuch in die Tonne?

22.02.2012   Ort: Bad Kissingen  Von: Edgar Bartl  Saale-Zeitung

Parteien Bundesweit verlieren die großen Organisationen immer mehr Mitglieder. Union, SPD, FDP und Linke schrumpfen und überaltern. Nur Grüne und Piraten haben diese Probleme nicht. Wie sieht es im Landkreis aus?


Viele haben in den vergangenen Jahren ihr Parteibuch "entsorgt", Vor allem die großen Volksparteien haben erheblich an Mitgliedern eingebüßt. Aber auch die FDP leidet an Schwund. Foto: dpa
Bei den Parteien und deren Entwicklung ist der Landkreis keine Insel der Seligen, sondern liegt in vielen Bereichen im bundesweiten Trend. Die Mitgliederzahlen der "Großen" bröckeln, während sich Piraten und Grüne über recht starken Zulauf freuen dürfen.

Die Region ist tiefschwarz. Hier ist und bleibt die CSU auf einem immer noch hohen Niveau. Kreisvorsitzender Thomas Bold sagte, um die 20 Prozent Mitglieder habe man verloren, jetzt aber sei die Lage stabil, wobei die Altersstruktur doch eine Belastung sei. Detlef Heim, CSU-Wahlkreisgeschäftsführer, verbreitet Optimismus: "Bei uns schaut es positiv aus." Die Zahl der Austritte und Todesfälle sei durch Zugänge ausgeglichen worden. Zur Zeit habe die Kreis-CSU 1471 Mitglieder, von denen allerdings viele schon älter sind; Durchschnitt: 60,0 Jahre. Vor einigen Jahren waren es noch rund 1800 CSU-ler. Die Union leiste gute Basisarbeit, das werde honoriert. Es liefen auf Wahlkreisebene Werbeaktionen an. Heim ist überzeugt, dass 2012 "noch besser wird als 2011". Auch bei den 16- bis 23-Jährigen gehe der Trend nach oben. Heim sagte, die Talsohle sei durchschritten, seit zwei Jahren gehe es wieder aufwärts.

"Wir haben relativ viele junge Leute aufnehmen können", sagte die SPD-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Sabine Dittmar. Es sei sogar gelungen, Juso-Ortsvereine in Bad Kissingen und Hammelburg sowie einen Kreisverband zu bilden. Außerdem, so Sabine Dittmar weiter, habe der SPD-Kreisverband nur noch wenige Austritte hinnehmen müssen. Karen Pohle vom Abgeordnetenbüro sagte, seit 2009 gebe es "in etwa einen Gleichstand" bei den Mitgliederzahlen: im Landkreis etwa 420 und in Bad Kissingen "gut 100". Die Austritte seien nicht mehr so massiv wie zu Zeiten von SPD-Kanzler Schröder. "Sehr gut" findet es Karen Pohle, dass 2011 einige junge Leute eingetreten sind.


Grünes "Altersproblem"



"In Bayern haben wir Zuwachs, nicht aber im ländlichen Raum", sagte Monika Horcher, Vorstandsmitglied im Grünen-Kreisverband. Nach ihren Angaben hat dieser seit gut 15 Jahren 60 bis 70 Angehörige. Pro Jahr gingen um die fünf weg, fünf kämen neu dazu: "Fluktuation gibt es immer." Eine Besonderheit sind die "mindestens 250 Unterstützter" aus den Freundeskreisen. Dazu gehörten auch die "Bürger für Umwelt". Sie würden helfen und spenden, ohne selbst Mitglied zu sein. Auch die Grünen haben eine Art "Altersproblem": Viele engagieren sich in der Grünen Jugend, die es seit 2001 in Bad Kissingen gibt. Aber, sagte Monika Horcher, "sie gehen studieren, dann sind sie fort und machen woanders eine politische Karriere."

Seit anderthalb Jahren steht Hans -Joachim Hofstetter an der Spitze des 26 Mitglieder großen FDP-Kreisverbandes. Das Zwischenhoch von 2009 mit 35 Angehörigen ist vorbei. Damals seien Mediziner eingetreten, weil sie auf Verbesserungen in der Gesundheitspolitik hofften. Als die ausblieben, hätten sie der Partei wieder den Rücken gekehrt. Vor allem Jüngere seien gegangen; das Durchschnittsalter liege bei ca. 60 Jahren. Die FDP schaffe es nicht, ihre Leistungen in der schwarz-gelben Koalition zu "kennzeichnen".


Linke hält den Altersrekord



Die Partei "Die Linke" vergreist: Auf Bundesebene ist ihr Anteil der "Senioren" (61 plus) mit 68,1 Prozent (2006) mit Abstand am höchsten. Das trifft auf den Kreisverband Main-Rhön aber nicht so zu. Er umfasst nach Angaben von Sabine Schmidt (Zeil am Main) die Landkreise Bad Kissingen, Rhön-Grabfeld sowie Haßberge und hat rund 65 Mitglieder . Es sei "ein Kommen und Gehen". Dass es keine Ausschläge nach Oben und Unten gibt, ist auch auf eine Bereinigung vor zwei Jahren zurückzuführen. Damals trennte man sich von 16 "Karteileichen".

Die Piraten haben als "Newcomer" keine Probleme mit Überalterung oder Mitgliederverlusten. Nach Angaben des unterfränkischen Vorstandsvorsitzenden Jürgen Neuwirth (Würzburg) hatten sie im Bezirk in den vergangenen Monaten einen Zuwachs von etwa 40 Prozent. Hier gebe es rund 400 Mitglieder. Im Kreis Bad Kissingen habe sich ihre Zahl "gut verdoppelt". Am Stichtag 12. Dezember 2011 habe man 27 Mitglieder gehabt. Jetzt seien es wohl 30. Damit habe man mehr als die Liberalen.

Parteien mit Mitgliederschwund:
Verluste Nach einer Emnid-Umfrage wurde am schwersten die FDP getroffen. 5400 Liberale haben ihr den Rücken gekehrt, 631.290 sollen es noch sein. Vor 20 Jahren hatte die Bundes-SPD noch fast eine Million Genossen, heute sind es weniger als die Hälfte. Die CDU hat nach eigenen Angaben 489.900 Mitglieder; das sind 15.420 weniger als im Vorjahr. Auch die CSU hat Anhänger verloren. Ende 2010 waren es noch 153.400.

Aufwind verspüren die Grünen. Sie haben 6000 Anhänger hinzugewonnen (jetzt mehr als 59.000). Die Piraten nahmen gar 8000 "Neue" auf (jetzt 20.000).

Ursachen Fachleute glauben, dass die Parteien nicht mehr attraktiv genug seien, so Emnid-Geschäftsführer Klaus Peter Schöppner. Vielen erschienen sie machtlos. Dazu kommen noch die allgemeine Politikverdrossenheit und Skandale.



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