Dialekt schafft Heimat

21.02.2012   Ort: Wollbach  Von: Sabine Herteux  Saale-Zeitung

Tag der Muttersprache Heute ist der "Tag der Muttersprache". Ilse Niedermeier beschäftigt sich seit Jahren mit Burdkardrother Platt und sammelt Redewendungen in Rhöner Mundart.


Erinnerungen: Ilse Niedermeier amüsiert sich auch heute noch über Burkardrother Redewendungen von früher. Foto: Sabine Herteux
Wenn sie heute in ihren alten Sammlungen blättert, muss sie immer noch schmunzeln. Manchmal sogar kurz kichern. Erinnerungen an ihre Kindheit, besondere Orte und Erlebnisse steigen sofort in ihr auf und werden präsent. Bei Ilse Niedermeier aus Wollbach liegen Sprache und Gefühl nahe beieinander. Sie denkt gerne an frühere Zeiten zurück. Mit ihrer Dialekt-Sammlung schuf sie sich und anderen eine Brücke in die Vergangenheit.
"Sprache ist der Weg, um sich mit seiner Heimat zu identifizieren." Und genau das macht für Ilse Niedermeier das Besondere am Dialekt aus: Mit ihm fühlt sich jeder sofort heimisch. Sogar Bekannten und Verwandten, die schon vor Jahren nach Amerika ausgewandert sind, geht es nicht anders. Über das Internet pflegen die Verwandten mit ihr den Dialekt. "Mundart schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl", ist die Rhönerin überzeugt.


Fränkisch gefärbt



Der Dialekt ist wieder im Kommen, findet Niedermeier. Zwar sprechen heute die meisten Leute in der Region ein fränkisch gefärbtes Hochdeutsch. Viele Menschen würden aber immer mehr erkennen, dass mit dem Aussterben des Dialekts etwas unwiederbringbar verschwindet und sprechen wieder bewusst ihre altbewährte Mundart. Paradoxerweise verstärkt die Globalisierung diese Regionalisierung: "Sie lässt Leute auch sprachlich wieder kleinräumig denken."

Ilse Niedermeier ist in Burkardroth aufgewachsen. Dort ist sie bis heute unter dem Spitznamen "Poust-Ilse" bekannt - ihrem Großvater gehörte die Poststelle im Ort. " Mit Bauern sprach er Dialekt, mit anderen wiederum hochdeutsch", beobachtete sie bereits als Kind. Auch in ihrem Elternhaus, einem Geschäftshaushalt, lernte sie, sich ihrem Gegenüber sprachlich anzupassen. Ihre Familie sprach kaum Dialekt, einzig ihre Großmutter zankte, wenn nötig, in Burkardrother Platt. Mundart sprach Niedermeier selbst nur mit anderen Kindern. Während der Schulzeit und dem Studium entfernte sie sich immer mehr von ihrem Heimatdialekt. Die Eindrücke aus ihrer Kindheit, den 50er Jahren, blieben aber.

Als Volksschullehrerin setzte sie sich mit der Rhöner Mundart auseinander. Ihre Schüler führten in den 70er Jahren Karl Valentins Stück "Der Schirm" auf, Niedermeier hatte es zuvor mit ihnen in Dialekt umgeschrieben. Die Kinder, die sonst nur hochdeutsch sprechen sollten, waren begeistert.


Erste Aufzeichnungen



Die Rhöner Mundart ließ die Burkardrotherin nicht mehr los. Es dauerte aber noch bis 2003, bis sie anfing, Wörter ihres Heimatdialekts aufzuschreiben. Zuerst wahllos, auf losen Schnipseln und Zetteln, überall im Haus verteilt. "Es hat mich schon fasziniert, dass ich mich an so viel erinnern konnte", staunt die 66-Jährige heute noch. Irgendwann wurde ihr der Blätterwust zu chaotisch.

Sie legte ein umfangreiches Archiv auf ihrem Computer an, tippte jedes einzelne Wort ab und stellte es in einen Kontext. Dann ordnete Niedermeier die Redewendungen in Kategorien - wie Essen, Verwandtschaft, Krankheiten und Schimpfwörter. Das Besondere: Große Teile sind vertont.

Und: Ihre Sammlung schlug Wellen. Das unterfränkische Dialektinstitut in Würzburg wurde 2005 auf diese Aufzeichnungen aufmerksam und verwendet sie seither. Ein Jahr später erschien Niedermeier mit 40 von ihr gesprochenen Wörtern im "Kleinen Bayerischen Sprachatlas".

Es blieb nicht nur bei der bloßen Aufzeichnung des Dialekts. Die sprachinteressierte Niedermeier schrieb selbst einige Geschichten in ihrem Dialekt. "Üm dan Moattblatz rüm" ("um den Marktplatz herum") ist wie so oft bei Niedermeier ebenfalls mit wertvollen Kindheitserinnerungen verbunden. Der dunkel anmutende Burkardrother Dialekt ist heute nicht mehr derselbe. Er hat sich weiter entwickelt.

Früher war er blumiger und wortgewaltiger, Erziehungsmaßnahmen wurden häufig mit Redewendungen untermauert. Heute redet man sachlicher und schneller, Dialekte vermischen sich zunehmend. "Sprache ist etwas Lebendiges, es wäre ja schlimm, wenn sie immer gleich bleiben würde", glaubt Niedermeier. Ihre Sammlung bezeichnet sie selbst als "Fass ohne Boden". Noch immer kommen viele Wörter dazu, inzwischen freut sie sich über viele Lieferanten besonderer Wörter. Und wenn sie selbst unter Leuten ist, oder telefoniert, hört sie ganz genau hin. Sie könnte ja einen neuen Ausdruck entdecken: "Das ist wie eine Sucht".


Burkardrother Platt für Anfänger:



Essen "Boos hässd doe ‘Mogg ich nidd?' Dr. Mock woond in Geroud" war eine Redewendung, wenn jemand etwas nicht essen mochte. Mock ist ein Familienname in Geroda.

Verwandtschaft "Söchd mer denn zu di Voddersch Gusche Röüssu?" war eine scherzhafte Redewendung und bedeutet "Sagt man denn zu des Vaters Gosche Rüssel?"

Krankheiten "Dai Aache schdeänn a ganz verkeeäd rüm dinn, du guggsd ganz ünnerschd öwerschd" heißt "Deine Augen stehen auch ganz verkehrt herum drinnen, du schaust ganz verdreht."

Schimpfen "Breäingd mich nichd in Raasche" oder "Du eelends Luuder, ich gaa dr glaich ä boor hinner dai Löffel."

Aufgezeichnet Niedermeiers Sammlung ist geschrieben und gesprochen auf www.rhoenline.de/geschichte unter "Mundart" zu finden. Außerdem im "Sprechenden Sprachatlas von Bayern" unter http://sprachatlas.bayerische-landesbibliothek-online.de/


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