Nürnberg will geraubte Bücher zurückgeben

02.09.2010     inFranken.de

Nationalsozialismus Der NS-Funktionär Julius Streicher hat einst 10.000 Bücher gesammelt, die eigentlich Juden gehörten. Die Stadt Nürnberg sucht nun Vorbesitzer und deren Nachfahren, um die geraubten Schriften wieder zurückgeben zu können.


Symbolbild: Marcus Führer dpa
Es ist eine einzigartige Sammlung, die von der Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus zeugt: 10 000 Bücher lagern in der Stadtbibliothek Nürnberg, die Juden geraubt worden waren. Die Stadt bemüht sich nicht nur darum, die Identität der Vorbesitzer zu klären, sondern will auch den Nachfahren die Schriften zurückgeben. "So ein Buch ist oft das einzige, was von einem Menschen übriggeblieben ist", sagte Bibliothekschefin Eva Homrighausen. Am Donnerstag hat die Bibliothek deshalb im Internet eine Suchliste veröffentlicht, die nach aufwendigen Recherchen entstanden ist. 306 Namen finden sich darauf, oft auch biografische Daten wie Berufsbezeichnung, Geburtsdatum oder Wohnadresse.

Die Sammlung geraubter Schriften ist in Nürnberg deshalb so umfangreich und einzigartig, weil hier Julius Streicher lebte. Der Chef des NS-Propagandablattes "Der Stürmer" hatte die Bevölkerung dazu aufgerufen, ihm jüdisches Buchgut zu Forschungszwecken zu schicken. Die Resonanz war enorm. Viele Schriften waren Juden oder anderen von den Nazis verfolgten Gruppen nach deren Deportation geraubt worden.

"Viele Leute waren stolz darauf, Streicher Bücher zu senden, die sie Juden weggenommen haben", erläuterte Leibl Rosenberg, der für die Recherchen rund um die Sammlung zuständig ist. Sogar per Feldpost seien Bücher nach Nürnberg gesandt worden, die Soldaten verfolgten Juden abgenommen hatten.

Nach dem Krieg fanden sich in Streichers Privaträumen und in den Büros des "Stürmers" die zahlreichen Bücher. Die amerikanische Militärregierung übergab die Funde an die überlebenden Mitglieder der Israelischen Kultusgemeinde (IKG). Diese wiederum brachte die Bücher in der Stadtbibliothek unter. "Nürnberg ist deshalb die einzige Stadt weltweit, die einen so großen Bestand an geraubten Schriften hat", sagte Homrighausen.

"Das Spektrum ist sehr groß, es reicht von kleinen Heftchen bis zu großen Werken. Sachliteratur ist genauso dabei wie Unterhaltungsliteratur", berichtete sie. Zahlreiche Bände würden sich mit jüdischer Religion befassen.

Leibl Rosenberg versucht, Nachfahren der Buchbesitzer ausfindig zu machen. "Es ist unmöglich, Distanz zu bewahren", sagte er. "Hier spricht die Geschichte zu einem." Auch persönlich ist er davon berührt: Zufällig fand sich unter den Schriften auch ein Büchlein, das einst seiner ehemaligen Religionslehrerin Else Wechsler gehörte.

Mit dem Versuch, Nachfahren der verfolgten Juden die geraubten Bücher wieder zurückzugeben, stelle sich Nürnberg seiner Vergangenheit, betonte Rosenberg: "Der Aufwand ist enorm." Schließlich gebe es in 3640 der 10 000 Bände Namenseinträge oder ähnliche Hinweise, die auf 432 Orte verweisen würden. Tagtäglich recherchiert Rosenberg deshalb, das Internet ist ihm eine wichtige Hilfe: "Immer mehr Menschen stellen ihre Familiengeschichte online." Anfang 2008 konnte eine Liste mit 121 Namen von Vorbesitzern veröffentlicht werden.

Bislang wurden 150 Bücher an die einstigen Besitzer oder deren Rechtsnachfolger übergeben. Das Verfahren ist oft sehr kompliziert, da diese häufig in verschiedenen Ländern leben und sich auf einen Verhandlungspartner einigen müssen. dpa



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