Über 20.000 mal Powerpoint anno 1900
03.02.2012 Ort: Würzburg Von: Daniel Staffen-Quandt, epd)
Schulwandbilder Sie haben Generationen von Schülern begleitet, inzwischen sind sie beinahe Geschichte: Schulwandbilder. Die größte Sammlung solcher historischer Bildmedien in ganz Europa besitzt die Universität Würzburg.

Ina Katharina Uphoff, Leiterin der Forschungsstelle Historische Bildmedien (re.), und Diplom-Pädagogin Eva Zimmer zeigen eine Karte aus der Sammlung Historischer Schulwandbilder. Foto: epd
Die Blütezeit der Roll- und Flachkarten im Schulunterricht liegt bereits mehr als 100 Jahre zurück. Um 1900 herum galten die Wandbilder als didaktisches Nonplusultra in den Schulen, "erstmals konnte man auch komplexe Zusammenhänge grafisch vereinfacht darstellen", sagt Ina Uphoff. Eben das ist auch einer der Forschungsansätze der Würzburger "Forschungsstelle Historische Bildmedien": Wie wurde der Lehrstoff im Bild umgesetzt, wie didaktisch reduziert und was damit bezweckt?
Zunächst dienten die Bilder dazu, die Lebenswelt, Geschichte und Kultur in die Klassenzimmer zu bringen. Wie die meisten Medien wurden auch die Schulwandbilder zu Propagandazwecken missbraucht. Im Kaiserreich spielten etwa die kolonialen Besitzungen eine große Rolle, sagt Uphoff und rollt ein farbenfrohes Bild aus. Zu sehen ist eine idyllische Szenerie in Deutsch-Samoa. "Man wollte den Kindern so früh wie möglich zeigen, welche exotische Ländereien mit zum Reich gehören", erklärt sie.
Visuelle Selbstrechtfertigungen und Propaganda
Nicht selten seien die Bilder visuell aufbereitete Selbstrechtfertigungen des Beutekolonialismus, sagt die Wissenschaftlerin. Überhaupt spiegelt sich das europäische Rassendenken der Zeit deutlich in den Wandbildern wieder. Eine Flachkarte aus dem Jahr 1898 zeigt "Die Menschenrassen in fünf Charakterköpfen", wobei der Europäer - natürlich - aus damaliger Sicht die zivilisierteste und am weitest entwickelte Rasse war. Bilder aus der Zeit des Nationalsozialismus treiben die Sichtweise auf unerträgliche Weise auf die Spitze, auch das gehört zur deutschen Schulgeschichte.
Uphoff und ihren Kollegen geht es weniger um die inhaltliche Analyse der Wandbilder - das ist eine interdisziplinäre Forschungsaufgabe, an der sich durchaus auch andere Wissenschaften mit ihren Perspektiven beteiligen sollen. Den Pädagogen geht es um bildungs- und kulturtheoretische Fragen und nicht zuletzt um das große Ganze: Wie kam es, dass ausgerechnet deutsche Verlage die Schulen in ganz Westeuropa mit Roll- und Flachkarten versorgt haben?
Die zwei größten Schulwandbild-Verlage aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg saßen in Leipzig und Dresden. "Sie wurden völlig zerstört und nicht mehr aufgebaut", sagt Uphoff. Die große Zeit der Wandkarten war da ohnehin bereits vorbei. "Die technische Entwicklung hat ihnen überall den Garaus gemacht", erläutert die Wissenschaftlerin. Dias, Filme oder Overheadprojektoren waren schnell günstiger und vor allem handlicher als Material im Unterricht einsetzbar und verdrängten die Wandkarten.
Bilder im Schulbuch waren günstiger und effizienter
Hinzu kommt ein weiterer bedeutender Aspekt: die Bebilderung der Schulbücher. "Jetzt hatte jeder eine farbige Darstellung direkt vor sich, da brauchte man keine großen Bilder von Kirschblüten mehr", erläutert Uphoff. Außerdem sei die Produktion der Wandkarten extrem aufwendig und somit auch sehr teuer: "Irgendwann hat sich das ökonomisch nicht mehr gelohnt, andere Medien waren viel effizienter." Schulwandbilder werden aber auch heute noch hergestellt und sporadisch eingesetzt.
Allerdings vor allem in den Bereichen, die in der Würzburger Sammlung überhaupt nicht vorkommen: geografische Landkarten. Entstanden ist die Sammlung 1975 an der Uni Duisburg zur Zeit der großen deutschen Bildungsreform. "Da wurde an den Schulen alles ausgemistet, was nach alt und angestaubt aussah", sagt Ina Uphoff. Zig Wandbilder landeten im Müll, doch einige Wissenschaftler wollten die ausgemusterten Bilder zu Forschungszwecken sammeln - vor allem in Duisburg und Würzburg.
Im Jahr 2010 kamen die Duisburger Bilder schließlich nach Würzburg, die beiden Sammlungen wurden vereint. "Unser wichtigstes Vorhaben in den nächsten Jahren ist es, die rund 20.000 Roll- und Flachkarten komplett zu digitalisieren und in einer Online-Datenbank bereitzustellen", sagt die Erziehungswissenschaftlerin. Dadurch sollen die historischen Dokumente einerseits geschützt und andererseits die Forschung erleichtert werden: "Die Einprägsamkeit dieser Bilder ist enorm - man muss sie erhalten!"
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